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Das letzte Feuer – Dea Lohers Schicksalsreigen setzte den Schlusspunkt unter die "Stücke '08"

Bedrängend lebendiges Leid

von Ulrike Gondorf

24. Mai 2008. Ein dumpfer Herzschlag wummert noch immer weiter, wenn die Zimmer leer geräumt, die Protagonisten von Dea Lohers Schauspiel "Das letzte Feuer" auf der Drehbühne längst schon ins Off transportiert worden sind. Als die Uraufführungsinszenierung des Hamburger Thalia Theaters den Schlusspunkt unter das diesjährige "Stücke"-Festival in Mülheim setzte, hatte dieser Herzschlag den ganzen Saal erfasst. Mit größter Konzentration und spürbarer Anteilnahme ließ sich das Publikum an diesem Abend hineinziehen in den Schicksalsreigen, den die Autorin mit unerbittlicher Konsequenz choreographiert hat.

Dea Loher, die es mit einigen Stücken wie dem Inzestdrama "Tätowierung" oder dem "Fremden Haus" geschafft hat, sich einen Platz im Repertoire auch der mittleren und kleineren Theater zu erobern, war bei den "Stücken" bereits zum sechsten Mal vertreten. 1998 hat sie mit "Adam Geist" den Mülheimer Dramatikerpreis gewonnen.

Archaische Wucht

"Wissen Sie, was das heißt – unglücklich?", fragt eine der Figuren in dem Stück "Das letzte Feuer" und spricht damit das große Thema an, das die 44jährige Autorin umtreibt. Experten des Unglücks stellt uns Dea Loher auch in diesem, ihrem 17., Stück vor: die Mutter, die ihr Kind durch einen Unfall verloren hat, die Polizistin, die diesen Unfall verschuldet hat, eine krebskranke Frau, einen traumatisierten Soldaten, eine Alzheimer-Patientin, einen Arbeitslosen, einen Drogensüchtigen.

Zu den großen Stärken des Stücks gehört, dass Dea Loher diesem Elend immer wieder bizarre, tragikomische, geradezu groteske Seiten abgewinnt, auch die Pointen nicht scheut, die mit Entsetzen Scherz treiben. Ohne dabei die Figuren zu verraten oder die archaische Wucht von Schuld und Schicksal zu verkleinern, denen sie mit dem Mut der Verzweiflung ihr eigenes Leben oder ihren eigenen Tod abtrotzen. Eine berührendere und traurigere Liebesgeschichte als die zwischen Susanne (Natali Seelig), der Mutter des toten Kindes, und dem psychisch schwer geschädigten Soldaten Rabe (Hans Löw) – der sich überdies die Schuld am Tod des Jungen gibt, weil er ihn mit einer geistesgegenwärtigen Reaktion hätte retten können – ist lange nicht auf dem Theater erzählt worden.

So artifiziell wie unmittelbar

Das Stichwort "Erzählung" ist dabei wörtlich zu nehmen. Dea Loher lässt den Text souverän und virtuos changieren zwischen dramatischem Dialog und epischen Passagen, in denen sich die Figuren mit Rückblenden und Kommentaren als Erzähler direkt an das Publikum wenden. Die poetisch aufgeladene, bilderreiche und frei rhythmisierte Sprache weckt dabei durchaus Assoziationen an die antike Tragödie, die die Autorin auch inhaltlich einlösen kann: "Furcht und Mitleid", wie Aristoteles es postulierte (und Lessing übersetzte), ergreifen einen wirklich, wenn man sich einlässt auf dieses Stück, das ebenso artifiziell wie unmittelbar wirkt.

Was das Mülheimer Publikum am Ende zu starkem und anhaltenden Beifall animierte, galt wohl ebenso sehr der überzeugenden und eindrucksvollen Umsetzung durch den Regisseur Andreas Kriegenburg, die Ausstatterinnen Anne Ehrlich und Andrea Schraad und das durchweg hervorragende Ensemble des Thalia Theaters. Mit stupender Detailgenauigkeit erfasst, bewegt sich auf der Drehbühne in endlosem Kreislauf die enge, dunkle, kleinbürgerliche Lebenswelt dieser Figuren. Und ebenso seismographisch tasten die Schauspieler die Innenwelt dieser verletzten, verlorenen Menschen ab und geben ihnen so viele Farben und Facetten, dass sie geradezu bedrängend lebendig werden in all ihrer Widersprüchlichkeit.

Das letzte Feuer
von Dea Loher
Uraufführung 26. Januar 2008 am Thalia Theater Hamburg

Regie: Andreas Kriegenburg, Bühne: Anne Ehrlich, Kostüme: Andrea Schraad, Musik: Laurent Simonetti. Mit: Sandra Flubacher, Lisa Hagmeister, Hans Löw, Katharina Matz, Markwart Müller-Elmau, Jörg Pose, Natali Seelig. Matthieu Svetchine, Angelika Thomas, Susanne Wolff.

www.thalia-theater.de

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