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Lieblingsmenschen – Laura de Wecks Debütstück präsentiert weniger eine Generationenaufnahme als eine wortwitzpolierte Oberfläche

Von Inhalt bereinigt

von Christian Rakow

11. Mai 2008. "War das Uni Münster 2008?", fragt mich mein Sitznachbar, ein Philosophie-Lehrer a. D., am Ende des Stückes. "Sind so die Studenten heute?" – "Nein", sage ich in meiner Rolle als Absolvent und Nachwuchslehrkraft in Münster, "so sind sie nicht". Und wir runzeln beide die Stirn. Denn die Mülheimer Auswahljury hatte uns mit Laura de Wecks Debütwerk "Lieblingsmenschen" doch eigentlich eine Generationenaufnahme versprochen, mit Sounds und Themen, ganz dem Leben um die Mitte Zwanzig abgelauscht, voller SMS-Verkehr, Partnertausch und Examensstress.

Tatsächlich treffen wir hier auf eine Gruppe vermeintlicher Studenten verschiedener Fachrichtungen wie Schauspiel, Psychologie, Jura oder Philosophie. Doch um Stanislawski, Wittgenstein oder das BGB geht es bei ihnen, ungeachtet der anstehenden Prüfungen, nicht. Berufserwartungen sind Fehlanzeige. Man kopuliert in loser Folge, doch ein Nachdenken über Partnerschaft fällt aus. Statt "Netzwerkkindern" (so die soziologische Kategorie für die pragmatische Generation der 1983er) erleben wir hier Kommunikationswracks: "Anna: Hey, haallo. – Jule: Hallo. – Anna: Ja. Hi. – Jule: Hi. – Anna: Hey. – Jule: Hey. – Anna: Ja. – Jule: Jaja." In diesem Einstieg verpflichtet sich das Stück weniger auf Alltagsmimesis denn auf minimalistisch preziöse, inhaltlich bereinigte Redegesten.

Denk woanders hin!

Entsprechend gezirkelt und künstlich geht die Baseler Uraufführungsregie des Veteranen Werner Düggelin den Text an. In einem hellen, hinter einer Stufe lediglich mit einem Holztisch und ein paar Stühlen eingerichteten Bühnenraum (von Raimund Bauer) hält er den Erhitzungsgrad seiner jungen, blendend aussehenden und casual gekleideten Akteure niedrig. Sie sprechen zügig ihre Stummeldialoge weg, ohne dabei die zahlreichen wortwitzigen Pointen zu versäumen ("Was guckst Du mich so an?" – "Ich guck nicht, ichich denke nach." – "Dann denk woanders hin."). Die Männer dürfen bisweilen aus sich herauskommen, so Darius, wenn er raumgreifend das vollfinanzierte Langzeitstudieren seiner Mitstreiter anprangert (mit Dauervorwurfsmiene: Sandro Tajouri), oder der spröde Laschzocker Sven (Jan Bluthardt), der stets mit Ladehemmung verführt und am Höhepunkt der allgemeinen Paarungsfrustrationen a capella "The Vagabond" von Air intoniert.

Schemenhafter sind die Frauen: die naivfrische Schauspielschülerin Jule (Katharina Schmidt), die Psychologiestudentin mit antizipierter Noblesse Lili (Inga Eickemeier) und die brave Philosophiestreberin Anna (Anne Schäfer). Brüche und Bedenken möchte ihnen die Fabel wohl gelegentlich unterlegen. Doch bleiben die Figuren an diesem statuarischen, gestylten Abend so schlagfertig kühl und clean wie ihre makellosen Porträts, die für die Szenenübergänge auf Milchglaswände im Hintergrund projiziert werden.

Vernichtung als Behauptung

Düggelins Inszenierung stellt so ganz auf die wortwitzpolierte Oberfläche ab, die de Weck virtuos eingerichtet hat. Was er heraus kürzt, ist eine existenzielle Tiefendimension, an der der Autorin nach eigenem Bekunden viel gelegen ist. Düggelin hat wohl erkannt, dass sie sich hier an einem unausgereiften Echtheits- und Realismusanspruch verhebt, den sie im Sprachspielerischen ansonsten locker umschifft. Am Schluss lässt sie den Medizinstudenten Philipp sterben, der zwar immer wieder erwähnt wird, jedoch nie auftritt. Wieso das? Auf den ersten Blick ist dieser Schattenfigur die Trennung von Anna – nach sechs Jahren, per SMS – entschieden zu nahe gegangen. Aber eine Stufe abstrakter angeschaut, rückversichert sich das Stück hierin ästhetisch. Die Leiche am Schluss soll bezeugen, dass hinter den belanglosen Wortgeplänkeln stets tiefmenschliche Abgründe gähnen. "Kunst, aber auch das Leben“", heißt es schon in der Eingangsszene von Anna im Anschluss an den Philosophen Karl Rosenkranz, "ist nur dann schön, wenn es wahr ist. Und wahr ist es aber nur, wenn man ihm die Gefahr der Vernichtung ansieht."

Allein: Diese Vernichtung bleibt Behauptung; der ominös symbolisch Abwesende Philipp sorgt nurmehr für pseudoexistenzielle Triftigkeit. Von hier aus betrachtet, traut man auch der Inhaltslosigkeit der sichtbaren Figuren kein prekäres Moment zu. So tappt de Weck letztlich in eine Manierismusfalle: Sie eignet sich leere Alltagsausschnitte und Sprechweisen an und verzerrt diese durchaus kunstvoll. Doch wenn es (dem eigenen Anspruch nach) inhaltlich zur Sache gehen müsste, dann blendet sie ab und schützt das Vorgehen durch die schlichte Suggestion, dass das Leben der Jugend genau so sprach- und gehaltlos sei. Symptomatisch reißen etwa Annas Ausführungen zum Kunstbegriff, kaum dass sie begonnen werden, abrupt ab: "Aber das wird zu kompliziert." Schön wäre es, wenn es mal komplizierter würde.

Lieblingsmenschen
von Laura de Weck
Uraufführung am 29. März 2007 am Theater Basel

Regie: Werner Düggelin, Bühne: Raimund Bauer, Kostüme: Francesca Merz. Mit: Katharina Schmidt, Inga Eickemeier, Sandro Tajouri, Anne Schäfer, Jan Bluthardt.

www.theater-basel.ch


Zum nachtkritik-Dossier zu "Lieblingsmenschen" gelangen Sie hier. Lesen Sie außerdem unseren Bericht vom Publikumsgespräch und hier unseren Blog zum Abbau der "Lieblingsmenschen"-Bühne, dem man in ruhrpod 5 zusehen kann. Im achten ruhrpod spricht Laura de Weck selbst über ihre Liebe zum Theater.

Kommentare (2)add comment
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geschrieben von Philipp der Zweite , 13. Mai 2008, 01:05

Diese Kritik ist eigentlich fast noch zu wohlwollend: die "durchaus kunstvolle" Verzerrung de Wecks halte ich eher für "peinlich künstlich"! Ich, selbst Examenskandidat, fühle mich jedenfalls von diesem Abend regelrecht beleidigt! Ein durchweg überflüssiger Theaterabend - da hätte ich besser für mein Examen gelernt - das kann und will nämlich nicht nur der geheimnisvolle Philipp, sondern jeder Student!


tolles stück
geschrieben von feea , 23. Januar 2009, 20:01

@philipp der zweite- du bist ja total bescheuert- das stück ist sooo genial- du bist doch nur selbst viel zu sehr in deiner verkappten alltagswelt gefangen!!!!!!!



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