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Morgen in Katar – Schirin Khodadadians Inszenierung steuert Theresia Walser ICE schnellstmöglich aus der leisen Beiläufigkeit in die Karikatur

In die Ferne, so eng

von Dorothea Marcus

23. Mai 2008. In Deutschland darf nichts einfach nur deutsch sein: Kaum ist es ein bisschen hügelig, ist es die holsteinische Schweiz. Wenn es irgendwo ein paar schöne Kirchen gibt, heißt es: Elbflorenz. Und wenn aus dem Zug mal ein weiter Blick erhascht wird, wird gleich "wie in der Toskana" ausgerufen – nie sind wir bei uns zufrieden, immer ist es anderswo noch besser.

Es sind solche unterschwelligen Neurosen, Minderwertigkeitsgefühle und Verklemmtheiten des modernen (deutschen?) Menschen, die in den Stücken von Theresia Walser wie nebenbei aufgespießt werden. Walsers neuestes Drama, mit dem sie zum insgesamt vierten Mal nach Mülheim eingeladen wurde, behandelt aber noch mehr diffizile Momente unserer Gegenwart: Terrorangst, Größenwahn, Wichtigtuerei – und die deutsche Bahn.

Das Existentielle nervt

Denn "Morgen in Katar" spielt im Zug, in klaustrophobischer Situation. Weil sich jemand zwischen Karlsruhe und Freiburg vor den Zug geworfen hat, sind neun Personen im Großraumwaggon eines ICEs eingeschlossen. Als mit diesem Toten das Existentielle ins Alltägliche einbricht, nervt es erstmal. Die Insassen bewegen sich zwischen Gleichgültigkeit, ein bisschen Entsetzen und Ekel. Und verfolgen umso leidenschaftlicher ihre berufliche und private Terminlage: Geschwindigkeitsfetischisten, die zum Stillstand verdammt sind.

Aus den banalen Zugschimpfereien erwachsen nach und nach surreal überzeichnete Ausbrüche. Eine "blonde Frau" (Therese Dörr), die "alleinstehend" riecht, träumt hysterisch von der Wüste. Ein Geschäftsmann (Uwe Rohbeck) erledigt per Handy immer lautstärker seine Geschäftskorrespondenz. Ein gewisser Wüntrop (Hans-Werner Leupelt) wird neuer Kunstdirektor in Katar, wo die Zukunft liegt, und kann stolz das Wort "Dschihad" korrekt aussprechen.

Mit der Zeit fließt der Alkohol in Strömen, bilden sich kleine Paarkonstellationen, zerspringen wieder – und mitten unter ihnen schläft die ganze Zeit ein Araber, der eine unbemannte Tasche mit sich führt. Die bringt nicht nur slapstickartig die Mitgefangenen zum Stolpern, sondern konfrontiert die von orientalischen Fernen phantasierende Zwangsgemeinschaft mit ihren konkreten Ängsten vor dem muslimischen Mitbürger. Obwohl ausgerechnet der "Schläfer" der Friedlichste von allen ist.

Waggon-Insel im weiten Raum

In Schirin Khodadadians Kasseler Inszenierung ist diese bodenständige Grundsituation gleich mit Surrealismus grundiert: zu Zuggeräuschen und hackender Lounge-Musik wirft der Schaffner (Aljoscha Langel), ein unmotiviert schräger Vogel, einen vollen Koffer von der Bühne. Die ist eine Waggon-Insel im weiten Raum: ein hoch ansteigendes Podest mit Stühlen und Bahn-Sesseln (Ulrike Obermüller). Danach ist es im Zug zwar lange schön still, aber bereits die ersten Schauspielersätze sind so angestrengt öffentlich gesprochen, dass rückblickend auch diese intime Anfangssituation unglaubwürdig wirkt.

Der Gerechtigkeit halber muss man sagen, dass der riesige, in die Breite gezogene Raum im Mülheimer Ringlokschuppen dem Stück, eher ein Kammerstück, nicht gerade zuträglich ist. Den Schauspielern gelingen so keine natürlichen, beiläufigen Töne, sie pressen wild und bedeutungsschwanger drauflos, von Musikalität kann keine Rede sein.

Kein polyphoner Wahnsinnsorkan

Die Figuren geraten dabei durchweg zu flachen Karikaturen. Edith (Eva-Maria Keller) ein betuliches, etwas beschränktes Hausmütterchen, ihr Mann (Jürgen Wink) spießig und beschwichtigend, laut und brutal der zum Flegel mutierte Geschäftsmann. Über lange Phasen scheint ihnen jede Sprechmotivation zu fehlen. Unmotiviert stolpern sie auf der Schräge herum, die deshalb nicht an einen ICE erinnert, weil selbst der Zugansager mit falscher Betonung spricht. Dabei böte das Stück es an, das Ganze von leiser Beiläufigkeit zum polyphonen Wahnsinnsorkan zu steigern. Vermutlich gibt aber auch die dramatische Grundsituation nicht genug her, die zerfasert, statt sich zu konzentrieren.

Die Zusammengewürfelten im Zug bilden weder eine Schicksalsgemeinschaft noch entspinnen sich zwischen ihnen echte Beziehungen. Auch als Metapher für die Moderne – Menschen, die zwischen Himmel und Erde gestrandet sind im Nichts – taugt ihre Situation nur bedingt, denn hinaus können sie schließlich ja doch.

Geschwätziges Elend

Nur manchmal gibt es eine Ahnung davon, wie Walsers Sprache das Alltägliche irritierend ins Groteske deformieren kann und so eine tiefere Wahrheit offenlegt. Doch in der Kasseler Inszenierung verlieren sich viele Sätze in Banalität, sind die wortklauberischen Streitereien der Passagiere langatmig, scheint Walsers Sprache fast zu kalauern. Vorgeführt wird einem das eigene geschwätzige Elend.

Die Regisseurin versucht nach langer Zeit einen versponnenen Ausweg, der nicht im Stück steht. Während dieses einfach so ausplätschert, fantasieren die Figuren bei Khodadadians ihren Ausbruch, steigen aus dem Zug, meditieren mit Laubbäumen in der Hand, lassen Wüstensand rieseln. Doch da ist leider schon nichts mehr zu retten.

Morgen in Katar
von Theresia Walser
Uraufführung am 2. März 2008 am Staatstheater Kassel

Regie: Schirin Khodadadian, Ausstattung: Ulrike Obermüller, Musik: Katrin Vellrath. Mit: Birte Leest, Therese Dörr, Jürgen Wink, Eva-Maria Keller, Andreas Beck, Nico Link, Uwe Rohbeck, Hans-Werner Leupelt, Max Engelke, Aljoscha Langel, Christina Weiser.

www.staatstheaterkassel.de


Zum nachtkritik-Dossier zu "Morgen in Katar" gelangen sie hier. Lesen Sie außerdem unseren Bericht vom Publikumsgespräch.

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