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Heaven (zu tristan) – Fritz Katers Eröffnungsstück betrauert den Verlust der Utopie

Kein Spatz in der Hand

von Esther Slevogt

4. Mai 2008. Am Anfang läuft der Film rückwärts. Die gesprengten Plattenbauten stehen aus den Ruinen, zu denen sie längst geworden sind, wieder auf: große, unwirtliche Klötze, die sich aus dem Nichts plötzlich zurück in den Himmel heben, dessen Wolken wie schattige Phantome über einen großen weißen Klotz in der Mitte der Bühne ziehen. Dieser ist nicht nur Projektionsfläche für Videofilme, sondern auch wandelbare Spielfläche. Mal Mauer, von der sich die depressive Simone in selbstmörderischer Absicht in eine Altglas-Halde stürzt, mal Berg, den ein alterndes Ehepaar in der Hoffnung erklimmt, wenigstens hier noch einmal so etwas wie eine Aussicht zu haben. Denn dem Personal von Fritz Katers Stück "Heaven (zu tristan)", dessen Inszenierung durch das Kater-Alter-Ego Armin Petras die 33. Mülheimer Theatertage und das Rennen um den Mülheimer Dramatikerpreis eröffnet hat, ist die Perspektive gründlich abhanden gekommen.

Die Gründe dafür kennt der junge Architekt Anders genau. Es sind verödende Regionen und schrumpfende Städte, deren Sterben von den Bewohnern wie das Absterben eigener Körperteile empfunden werde. Es ist der Kapitalismus, der in Ostdeutschland reimplantiert wurde und den Menschen statt des versprochenen Wohlstands eben nur zusammenbrechende Infrastrukturen brachte. Und es ist schließlich der Verlust von Utopie, womit Anders die Vorstellung meint, wie das Leben morgen aussehen könnte.

Im Vakuum der Gegenwart

Zumindest er hat noch eine Ahnung davon, dass Zukunft selbst gestaltet werden will. Und so verlässt er Wolfen, den sachsen-anhaltinischen Schauplatz des Dramas, um in Amerika sein Glück zu machen. Zurück bleiben die Ohnmächtigen und die Alten, deren Bewusstsein von der Gestaltbarkeit des eigenen Schicksals sich im Suizid erschöpft: Der Psychiater Königsdorf und seine Frau Helga, deren Ehe nach drei Jahrzehnten in der emotionalen Sackgasse angekommen ist. Der herzensgute Loser Robert. Und vor allem Anders' zurückbleibende Freundin Simone, die schon vorher das Leben nicht mochte, mit dem sie nun erst recht abgeschlossen hat. Dass Robert sie liebt, ist ihr kein Trost. Denn was soll ihr der Spatz in der Hand, wo sie doch nach den Sternen schielt.

Kater/Petras zieht zwecks Erweiterung des fatalistischen Resonanzraums seines Dramas noch historische und mythische Ebenen ein: die Geschichte der österreichisch-jüdischen Physikerin Marietta Blau, die um ihr Lebenswerk betrogen wird, weil sie vor den Nazis fliehen muss und weder den Nobelpreis noch den Mann, den sie liebt, bekommt. Das traurige Ende der Unternehmungen des dänischen Renaissance-Astrologen Tycho Brahe oder die Geschichte von Tristan und Isolde, deren Liebestod vom schließlich sterbenskrank aus Amerika heimkehrenden Andres im Vakuum der Gegenwart nachvollzogen wird.

Per Pfandflasche ad astra

Und so geht es immer weiter. Die Drehbühne dreht sich, während sich das Personal ansonsten im Stillstand eingerichtet hat. Große Worte werden gewälzt: Astrophysik, Kosmos, Liebe, Erinnerung, Zukunft. Und eben das größte Wort von allen: Utopie, dessen Fehlen zwischen allen Zeilen des Stücks beklagt und betrauert wird und die Katers Figuren abgeht wie das Salz des Lebens, gerade so, als sei eines Tages jemand vorbeigekommen, und habe sie gestohlen. Oder als hätte am Ende die böse Treuhand, die nach der Wende die Privatisierung des DDR-Volkseigentums betrieb, sie billig verhökert.

Doch das ist ebenso kindlich gedacht, wie alle Figuren im Stück agieren, so anrührend und bestechend das im Detail mitunter sein mag: Wenn etwa Fritzi Haberland und Roland Kukulies als Simone und Robert plötzlich Helium einatmen, als gälte es, sich daran zu betrinken und ihre durch das Gas ins Mickymaushafte manipulierten Stimmen die Töne der Kindheit beschwören. Oder Roland Kukulies, der einen gigantischen Sack mit leeren Plastikflaschen auf die Bühne kippt, sich die Kleider vom Leib reißt und in ihnen zu schwimmen beginnt. Oder aus dem im Überfluss vorhandenen Leergut für Simone ein Podest baut, um sie dem Sternenhimmel ein Stück näher zu bringen. Auch durch seine wohldosierten Stimmungen, Musiken und raffinierten visuellen Effekten kann der Abend immer wieder fesseln. Besonders die weite Bühne der Mülheimer Stadthalle tut der Aufführung gut, dehnt sie ins Existenzielle, wo sie auf der schmalen Bühne des Berliner Maxim Gorki Theaters immer wieder zum sentimentalen Setzkasten zu schrumpfen droht.

Anspruch auf Utopie

Die wesentliche Frage bleibt allerdings in Berlin ebenso offen wie in Mülheim: die Frage nach der Utopie nämlich, die bei Kater und Petras nichts ist als ein nebulöser Begriff, auf dessen Zuteilung er ebenso wie das Personal seines Stücks Anspruch erhebt wie auf bezahlbaren Wohnraum. Ohne dass das totalitäre Denken, das sich die Menschen die Finger an den Utopien des letzten Jahrhunderts verbrennen ließ, je thematisiert würde. Ebensowenig wie die Tatsache, dass es zur Utopie immer auch Menschen bedarf, die mutig genug sind, ihr Gestalt zu geben. Mit Klagen allein ist hier wenig auszurichten. Auch wenn diese, zugegebenermaßen, bei Petras ausgesprochen poetisch und melodisch klingen.

Heaven (zu tristan)
von Fritz Kater
Uraufführung am 12. September 2007 im Kleinen Haus des schauspielfrankfurt (Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater Berlin)

Regie: Armin Petras, Bühne und Kostüme: Bernd Schneider, Patricia Talacko, Video: Niklas Ritter. Mit: Susanne Böwe, Fritzi Haberlandt, Yvon Jansen, Ronald Kukulies, Peter Kurth, Juliane Pempelfort, Max Simonischek.

www.schauspielfrankfurt.de
www.gorki.de


Zum nachtkritik-Dossier zu "Heaven (zu tristan)" gelangen Sie hier. Lesen Sie außerdem unseren Bericht vom Publikumsgespräch sowie unsere Blogs zu "Heaven" hier und hier.

Kommentare (5)add comment
Lustiger Vergleich
geschrieben von Arndt M. , 06. Mai 2008, 19:05

Utopie und bezahlbarer Wohnraum. Hi Hi


...
geschrieben von Anna Klawitter , 13. Mai 2008, 01:05

Der Witz an dem Stück ist doch gerade, dass hier eben nicht einfach nur geklagt wird, sondern dass lauter Homer Simpson-Typen ebenso tapfere wie erfolglose Pläne schmieden. Ich sag nur: Weinstöcke in der Schottergrube! Und nur weil sich ein Stück mal nicht existentiell-aggressiv rumtut, sondern Melancholie (eben NICHT Gejammer!)zulässt, soll es gleich kindisch sein? Kein gutes Argument! Mein absoluter Favorit für den Dramatikerpreis!


...
geschrieben von Hans , 13. Mai 2008, 11:05

Na, Jammern meint Esther Slevogt meiner Meinung auch nicht, sondern eher die doch recht passiv gedachte Position des Stücks, dass Utopie etwas ist, auf das man einen Anspruch anmelden kann, was einem weggenommen werden kann.Und das ist doch tatsächlich ein bißchen naiv, oder? Den Rest unterschreibe ich sofort. Nur die Sache mit dem Preis vielleicht nicht...


...
geschrieben von Anna Klawitter , 14. Mai 2008, 12:05

Hmm, ja, das stimmt. Ein bisschen naiv kommen die Figuren schon daher. Vielleicht sogar ein bisschen sehr naiv. Zum Beispiel in der Szene, in der ein Kinderspielzeug-Auto rumgezogen wird, das ist schon grenzwertig. Trotzdem finde ich nicht, dass die Figuren einfach nur jammern. Vor allem, weil sie keinen Schuldigen suchen, die üblichen Verdächtigen etwa wie die Politiker oder die Kapitalisten. Ich finde sie auch nicht einfach nur passiv, und deshalb ist auch das Stück als Ganzes für mich nicht passiv. Ein bisschen naiv ja, aber poetisch naiv!


Verquast
geschrieben von Konrad van Bergendal , 16. Dezember 2009, 11:12

Hier hat sich Herr Kater Petras überhoben, ein verquastes Stück. Der Bezug zu (Wagners) "Tristan" ist von einer peinlichen Plattheit. Das Hausieren mit Fragmenten der Vergangenheit (Odin, Hess, Brahe, Blau) will Bedeutung haschen. Die Traurigkeit Ostdeutschlands hätte ein besseres Stück als solche Wegwerfware verdient.



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