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hamlet ist tot. keine schwerkraft – Felicitas Brucker steuert Ewald Palmetshofers Kunststück am Ende in Richtung Realismus

Eisenkahn auf Existentialismus-Tour

von Nikolaus Merck

16. Mai 2008. Hamlet ist tot. Frohe Botschaft wenigstens für die jüngeren Theaterenthusiasten, die durch das René Pollesch-Tor ins Reich ihrer Leidenschaft eingezogen sind. Seit je her fordert Pollesch lautstark das Ende des weißen, männlichen, heterosexuellen Helden, das Ende des handlungsmächtigen, autonomen Einzelnen, der den Zeitläuften samt ihrer Macht-, Geschlechter- und sonstigen Verhältnisse irgendwie seltsam unangefressen gegenübersteht. Pollesch hat Hamlet getötet, und Ewald Palmetshofer gibt jetzt Brief und Siegel drauf. Bloß: wer ist an Hamlets Stelle getreten?

Nun, zum Beispiel Dani und Mani, ihre Eltern Caro und Kurt, oder Danis und Manis ehemalige Busenfreunde Bine und Oli. Die Namen sprechen. Sie kommen aus den achtziger Jahren her, als die Verzwergungssucht begann. Damals trugen nationale Fußballheroen plötzlich die Namen Litti, Klinsi und Olli. Hochtrainierte (Sport-)Kampfmaschinen, die fernsehöffentlich mit 'Du' angeredet, durch Namensverniedlichung ins Reich der harmlosen Normalos heimgeholt werden sollten.

Himmelsmaschine spuckt nur Nieten

Auch Dani und Mani, Oli und Bine sind welche wie wir. Sie sind von der Maschine, die im Himmel steht und Schicksalslose ausspuckt, reichlich mit Nieten bedacht worden. Keine Schwerkraft hält sie im Jetzt und Hier. Sie kreiseln um ihre Begierden, Nöte und Obsessionen, nur geben sie die in einem Jargon aus merkwürdig fragmentierten Sätzen zum Besten.

Die Geschwister Dani (Nicola Kirsch) und Mani (Stephan Lohse) treiben es miteinander. Vater Kurt (Steffen Höld) treibt es mit der Nachbarin, deren Mann sich deshalb tot geschossen hat, nachdem er seinen drogensüchtigen Sohn Hannes umgebracht hatte. Mutter Caro (Katja Jung) killt die Oma, die 95 geworden ist und nicht sterben will. Das Ganze erzählen vornehmlich Bine (Bettina Kerl) und Oli (Vincent Glander), früher einmal dicke Freunde von Dani und Mani, aus der Rückschau.

Essstäbchen im Arsch

Zwischendurch halten die Figuren lange Monologe, in denen es um die Unendlichkeit geht, die sich aus der Länge in die Breite gedreht hat, um einen Zahlenstrahl, dessen einzelne Punkte bedauerlicherweise nicht mehr durch eine Linie zu verbinden sind und um Tropenholz-Essstäbchen im Arsch eines buddhistisch angetünchten Schwadroneurs. Am Ende sind fast alle tot, nur Dani schweigt, Caro kotzt sich die Seele aus dem Leib, und bei Bine und Oli ist "etwas im Kommen". Sie müssen einem fast noch mehr Leid tun, als ihre Bühnennächsten, die das Stück nicht überleben.

Felicitas Brucker, Regisseurin der Uraufführung im Schauspielhaus Wien, beginnt mit einer falschen Fährte. Sie beginnt komisch. Einigermaßen. Sie stellt eine der üblichen hohlen Begrüßungsszenen der Jetztzeit nach, zerlegt den ohnehin schon zerlegten Text, überdreht ihn, lässt wiederholen. Das ist schön. Danach macht sie sich daran, die in den Familien-Totschlag-Krimi verpackte existenzielle Dimension der Palmetshoferiade zu enthüllen.

Seelenräuberhöhle des Kleinbürgers

Dafür stehen die Figuren gerne nebeneinander auf der mit Ein-Frau-hohen Rigipsplatten übersäten Bühne und sprechen ihren Text. Manchmal schauen sich die zu hohler Geselligkeit Verdammten auch an oder rumoren in der Küchenecke hinten rechts, die im neueren Theater genauso unabweisbar die Seelen-Räuberhöhle des mörderischen Kleinbürgers signalisiert wie die Kittelschürze, in der sich Mutter Caro zur Schau stellt.

Für ihre Monologe treten die von Palmetshofers mathematisch-philophischem und obskurantistisch-theologischem Weltgeist Heimgesuchten wie Wettermännchen nach vorne an die Rampe, während die gerade erzähltechnisch Unbeschäftigten in der weiteren Bühnentiefe Lego bauen oder in Raumschiff großen Kürbissen wühlen. Im Monologwesen dürfen Nicola Kirsch in Pluster-Shorts, Kniestrümpfen und aufgedonnert schwarzer Perückenpracht, Stephan Lohse im Segelschiff-Pullover und gerne mit Strickmütze oder Bettina Kerl in Schulunifom mit Faltenrock dezent und hintergründig komisch agieren. Ärger wird's in den Erzählpassagen.

Tomatenblut und Unterwäsche

Da misstraut Brucker den Aufnahme- und Konzentrationsmöglichkeiten des Publikums. Die radikale Künstlichkeit von Palmetshofers Sprache unterläuft sie, indem sie wenigstens skizzenhaft hin gestrichelte realistische Situationen zu schaffen versucht. Da werden bedeutungsvolle Pausen in den Text hinein operiert, die die viel beschworene Musikalität der Sprache durchlöchern, anstatt sie in Spannung zu versetzen. Da fallen die Klamotten, und Unterwäsche muss im Verein mit reichlich versprütztem Tomaten-Theaterblut und hochtourigem Gebell das Tragisch-Existenzielle beglaubigen. Je länger je mehr gleicht die Inszenierung einem Eisenkahn, der ganz egal, wohin der Kapitän zu steuern trachtet, magnetisch vom Pol des Realismus angezogen wird.

Statt dem Text, der so gerne abhöbe, spielen und wirbeln wollte, kreiselt hier nur noch der Kompass der Steuerfrau. Dass gerade die Konstruiertheit von Palmetshofers Sprache besser als jedes Unterfutter aus schweren, aber ebenso abgebraucht-öden Theaterzeichen im Stande ist, Spannung und Schrecken des ganzen Ausmaßes der Wohnküchentragödie mitzuteilen – darauf wollte die Regisseurin nicht vertrauen. Hamlet mag tot sein, doch die Schwerkraft, die ist noch da.

hamlet ist tot. keine schwerkraft
von Ewald Palmetshofer
Uraufführung am 22. November am Schauspielhaus Wien (Kooperation mit wiener wortstaetten).

Regie: Felicitas Brucker. Bühne Bernhard Kleber. Kostüme: Sara Schwartz. Musik: Arvild Baud.
Mit: Vincent Glander, Steffen Höld, Katja Jung, Bettina Kerl, Nicola Kirsch, Stephan Lohse.

www.schauspielhaus.at

Zum nachtkritik-Dossier zu "hamlet ist tot" gelangen Sie hier. Lesen Sie auch die Antworten des Autors auf unsere sechs E-Mail-Fragen und unseren Bericht von der Publikumsdiskussion. Außerdem hat uns die Inszenierung hier und hier zum Bloggen inspiriert.

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