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Liebe ist kälter als das Kapital – bei René Pollesch kommen die Schauspieler aus dem Repräsentieren einfach nicht heraus

Backstage ist abgeschafft

von Esther Boldt

7. Mai 2008. Es wäre ein guter Witz gewesen. Steht auf den T-Shirts der Stuttgarter Crew "Theater des Jahres 2008"? Ha! Ein Kommentar auf den Wettbewerb, mitten in Mülheim, wo es um 15.000 Euro geht und um den Siegertitel. Aber dann, schöner Schein und falsche Freude, steht auf den Rücken von Ton- und Kameramann doch nur "Theater des Jahres 2006". Und schon sind wir mitten drin im Realitätsverlust: "Die Wirklichkeit kommt mir plötzlich nicht mehr wirklich vor." Das ist nur geliehen, aus John Cassavetes’ Theaterfilm "Opening Night", wo die Schauspielerin Myrtle Gordon sich nicht ohrfeigen lassen möchte für die Kunst. In René Polleschs „Liebe ist kälter als das Kapital“ wird der berühmte Schlag ins Gesicht zum auslösenden Moment für die Suche nach dem Phantom "Realität".

Der womöglich noch bessere Witz war vorangegangen. Die Inszenierung beginnt ohne Worte, mit einer zwanzigminütigen Slapsticknummer, in der vier Schauspieler durch eine Tür auf die Bühne kommen und sie durch eine Fensterluke wieder verlassen. Unter dem Fenster steht ein Geldautomat, gewissermaßen eine Räuberleiter ins Freie. Eine betrunkene Schauspielerin im roten Kleid und mit Sonnenbrille (Katja Bürkle), ein lesender Geck (Christian Brey), ein Lahmer (Florian von Manteuffel) und ein Blinder (Bijan Zamani) torkeln, stolpern, hinken hinein, klettern auf den Automaten und fallen rückwärts ins Leere. Kommt der Fall bei der ersten Versehrten noch überraschend, so wird er bei allen anderen bereits mit einer Art fiebriger Vorschadenfreude erwartet. Eine beredte Riesengaudi, eine tastende Bühnenerkundung, abgeschlossen von einem mehrfachen, sanften Fall.

Türenklappern im Zwischenraum

Auf der Türschwelle wird sich der Rest des Stückes auch abspielen: Ein paar Schauspieler versuchen da, Szenen zu drehen oder zu proben, je nach Standpunkt: Diesseits der Tür wird Theater gemacht, jenseits Film, auf der einen Seite ist der Zuschauerraum, auf der anderen Nebel und Wind, in den man schön dramatisch hineinschreien kann. Die Live-Kamera ist immer dabei, hüben wie drüben gibt es keine Rückzugsmöglichkeit mehr, wie Katja Bürkle erschreckt vermerkt. Backstage ist abgeschafft, überall wird Fiktion produziert – diese inszenatorische Verdopplungspolitik gehört bei Pollesch schon zum Inventar. Das Stück richtet sich in einem türenklappernden Zwischenraum ein, mit seinen repetierten Probensituationen und Schauspielern, die als postmodern aufgelöste Subjekte Rollen, Geschlechter, Namen und Zuschreibungen wechseln wie Hemden. Sie toben durch die Kulissenbühne, sehnen sich nach Kühle. "Kalt aus der Hüfte schießen" wird zum geflügelten Wort. Aber es herrscht die bekannte Hysterie, der vertraute hohe Pollesch-Ton. Doch das ist nur die eine Seite der Medaille. Denn natürlich steht die unablässige Fiktionsproduktion im Verdacht, auch außertheatral zu regieren: "Mein Leben ist zum Zeigen verdammt. Die Kunst auch."

Weil bei Pollesch die Theaterrecherche immer weit über sich selbst hinaus greift, ist "Liebe ist kälter als der Tod" ein Stück über den Widerstand geworden. Entstanden ist es als Auftragsarbeit für die Stammheim-Reihe des Schauspiels Stuttgart. Auf der Suche danach, wo sich die Realität zeigt, wittert "Liebe ist kälter..." in der Negation etwas Beinhartes, Unhintergehbares: Terror ist, wo gesellschaftliche Verträge nicht mehr greifen, wo Leute Flugzeuge in Hochhäuser steuern, weil sie das Leben nicht als das höchste Gut ansehen. Wo jemand den Verhältnissen sein Nichteinverständnis erklärt. Und natürlich wird der Haken zurück zum Theater geschlagen, ist es doch der Tod, vor dem der theatrale Pakt des Als-ob in die Knie geht. Am Schluss werden keine Ohrfeigen mehr geprobt, da wird eine Knarre gezogen. Der Tod bleibt nicht repräsentierbar, ein Geschoss ist eben keine Ohrfeige, es klatscht nicht nur auf die Haut, sondern schlägt ein Loch in den Körper.

Auf der grünen Wiese

Noch von einem anderen Terror ist im Stück die Rede: Vom Terror der alltäglichen Zurichtung und Regulierung, dem bei Pollesch immer verdächtigen Konsens, eben jenen Verträgen, die Terroristen brechen und die auf die ebenso großen wie diffusen Begriffe "Liebe", "Leben", "Menschen" zurückgreifen. Gesellschaftstreibende Mythen, denen der Garaus gemacht gehörte, wenn man nur wüsste, wie – auf dass diese ideologisch aufgeladenen Konzepte endlich "den Weg frei machen würden für etwas Drittes". Auch dieser aufklärerische Ansatz wird am Ende noch verwitzt, wenn die Bühnenkamera auf einem Ausschnitt des Bühnenbilds verharrt. Durch eine grüne Wiese schlängelt sich ein Pfad zum Horizont wie auf der Werbung einer Bank: Wir machen den Weg frei.

Liebe ist kälter als das Kapital
von René Pollesch
Uraufführung am 21. September 2007 am Schauspiel Stuttgart

Regie: René Pollesch, Bühne: Janina Audick, Kostüme: York Landgraf,
Video: Alexander Schmidt. Mit: Silja Bächli, Christian Brey, Katja Bürkle,
Florian von Manteuffel, Bijan Zamani.

www.staatstheater.stuttgart.de/schauspiel

Zum nachtkritik-Dossier zu "Liebe ist kälter als das Kapital" gelangen sie hier. Lesen Sie außerdem unseren Bericht vom Publikumsgespräch. Wir haben überdies die Schauspielerin Katja Bürkle befragt, im ruhrpod 4 spricht der Autorregisseur selbst und hat uns außerdem hier und hier zum Bloggen inspiriert.

Kommentare (6)add comment
Eine Ohrfeige kommt selten allein
geschrieben von Cassavetes , 08. Mai 2008, 17:05

Das Publikumsgespräch war an diesem Abend echt der bessere Pollesch. Die Inszenierung wirkte bis auf den schönen Slapstick-Anfang doch sehr zerdehnt und hatte auch nicht das witzige Erregungslevel auf Seiten der Akteure. Und die Ohrfeigen wurden ja auch ein bisschen sehr breit ausgewalzt. War das wirklich die beste Pollesch-Arbeit in dieser Spielzeit? Was sagt man denn über die "Diktatorengattinnen" zum Beispiel oder über "Die Welt zu Gast bei reichen Eltern"?


Ohrfeige
geschrieben von Heidi Hoh, die gute alte , 09. Mai 2008, 11:05

Man sagt, die letzten Sachen waren einfach nicht gut, das allerletzte "Darwin" schon gar nicht. "Die Welt zu Gast..." wie ein früherer Pollesch, nur schwächer. Man sagt, Pollesch wird immer hohler. Man ist enttäuscht. Aber wendet sich nicht ab, weil man hofft - da kommt bald mal wieder was.


Backpfeife
geschrieben von Heido Hih , 09. Mai 2008, 11:05

Wer sagt denn das? Wer ist "man"? Sie etwa, Heidi Hoh? Vielleicht könnten Sie die recht diffuse Kritik ("schwächer", "hohler") ja mal etwas konkretisieren? Dann könnte man drüber nämlich diskutieren. - Ist bloß so 'ne Anregung.


kälter als...
geschrieben von gay bed and breakfast of terror , 10. Mai 2008, 12:05

ich war enttäuscht von dem stück, natürlich wie immer virtuos
inszeniert, aber langsam finde ich wird das ganze selbstgenügsam
immer dem erliegend was es eigentlich
auch kritisiert. ein schlechter witz und kurz danach die
kritik am witz. so kann einem natürlich wenig passieren. immer von
beeindruckumgsmaschine sprechen und sie ständig benutzen, was aber
inhaltlich dann wieder auch thematisiert wird und auch toll ist. alles ist so
ausreflektiert und ohne geheimniss (und selbst das wird dann noch
gesagt: früher hatten stücke doch mal ein geheimnis...)
ich fand mal wieder krass wieviel schlechter die schauspieler sind
im vergleich zu berlin, wo doch stuttgart auch kein schlechtes haus
ist, im gegenteil. was die da so an "Nummern" spielen am anfang mit
krücke und blindenstock etc fand ich unlustig, wenn man sich vorstellt was rois oder wuttke oder schütz oder partecke oder meyerfeld oder gross oder einer der anderen pollesch-miterfinder
da abgezogen hätten. man war ja fast peinlich berührt.

ich mich aber gut amüsiert.
(wobei ich immer nicht weiß, ob das so beabsichtigt ist, das man
sich halt gut unterhalten fühlt)

ach quatsch, inhaltlich und gedanklich ist es immer noch das interessanteste was man sich so angucken kann.



beeindruckungsmaschine, ja, aber - @gay bed and br
geschrieben von esther boldt , 10. Mai 2008, 18:05

Einverstanden, das Merkwürdige an diesem Abend ist tatsächlich, dass er sehr viel mit Repräsentation und Dopplung arbeitet (auch wenn dieser Aspekt in meiner Kritik etwas zu kurz kam, gegen irgendwas muss man sich ja entscheiden) - mit den bereits im Blog diskutierten Ohrfeigen, aber auch dem direkten Illustrieren von Text mit Bühnenaktion. Schade, bringt es dochden Zuschauer um jenen Freiraum, den gerade postdramatisches Theater öffnen möchte - Leerstellen selbst aufzufüttern (oder auch nicht), Diskrepanzen zwischen Rede und Handlung zu dulden, whatever. Auf diesem Auge ist die Inszenierung ziemlich blind. Trotzdem ist der Bogen, den Pollesch im Stück spannt, für mich ein außerordentlich spannender, herausfordernder. Und nicht zuletzt diktiert er uns ja mit jedem Stück Sätze, die gesellschaftliche Schieflagen (um es mal groß zu formulieren) auf simple Slogans bringen, die man sich ins digitale Poesiealbum schreiben oder gleich auf die Stirn pappen möchte, weil sie so gut und treffend und böse und leicht zu handhaben sind - "Ich werde hier immer mit Psychologie und Moral neutralisiert." oder auch "Du bist für mich keine Frau, du bist für mich ein Profi."


Family guy
geschrieben von Bambi S. , 13. Mai 2008, 00:05

@Heidi Hoh, die gute alte.
Liebe Heidi,
wie kann das ominöse diskursive "Man" behaupten, Pollesch würde immer "hohler", gerade auch in seinem Thalia-Stück "Die Welt zu Gast bei reichen Eltern"? Die Auflösung oder zumindest Schwächung familiärer Bindungen durch ökonomische Erwägungen (Studien finanzieren, Rentenvorsorge tragen etc.) - das scheint mir als Thema doch alles andere als abwegig oder "hohl". Wie ist es denn in Hamburg über die Bühne gegangen?




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