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Genannt Gospodin – Kristo Šagor nimmt Philipp Löhles Aussteiger-Helden die Chance, die Verrücktheiten der Normalität zu entlarven

Kein Lama, keinen Bock

von Wolfgang Behrens

21. Mai 2008. Gospodin könnte ein Idiot sein. Ein Idiot wie Dostojewskis Fürst Myschkin. Denn beide – Gospodin und Myschkin – muten ihren jeweiligen Mitmenschen ihre Unbedingtheit zu: Fürst Myschkin treibt eine russische Adelsgesellschaft, die in ihm einen der Ihren, einen Intriganten nämlich zu erkennen glaubt, mit seiner bedingungslosen Aufrichtigkeit zur Weißglut. Und Gospodin stößt in seiner Clique – auch die vermutet in ihm einen, der so tickt wie sie – auf völliges Unverständnis, weil er sich radikal von der Idee des Habens abwendet; er will offenbar nur noch sein. Beide – Gospodin und Myschkin – werden von ihrer Mitwelt als Idioten ausgestoßen: Dieser erleidet einen psychischen Zusammenbruch, jener wandert am Ende ins Gefängnis.

Gospodin ist der Held des Stückes "Genannt Gospodin" von Philipp Löhle, mit dem jetzt beim Mülheimer "Stücke"-Festival die Schlussrunde der letzten drei Wettbewerbsbeiträge eingeläutet wurde. Inwieweit Gospodin jedoch zum Helden und damit zum Idioten taugt, ist nicht von vornherein klar. Seine Entscheidung für ein gänzlich unentfremdetes Dasein, das sich nicht weiter mit Privatbesitz und Supermarktware belasten will, ist möglicherweise eine existentielle Angelegenheit, vielleicht aber auch nur eine Sache der Bequemlichkeit: Arbeiten ist doof, also ist auch Geld doof, also ist auch das doof, was ich für Geld kaufen kann. In Löhles Figur steckt etwas von beiden Lesarten – diese durchaus ironische Offenheit könnte man als Stärke auslegen. Eher ist sie aber wohl eine Schwäche, weil sie der Versuchsanordnung einiges von ihrer Schärfe nimmt.

Idiot ohne inneres Leuchten

In der Bochumer Uraufführungsinszenierung von Kristo Šagor wird Gospodin ganz wörtlich in unsere Gesellschaft hineingeworfen, da das Publikum auf wahllos verteilten Stoffquadern und Sesseln mit auf der Spielfläche sitzt. Doch die Konfrontation des "Idioten" mit der höchst anfechtbaren "Normalität" der Mitmenschen wird hier noch weiter als in Löhles Text verwischt: Wenn uns zu Beginn die vier Darsteller des Abends die Geschichte wie aus dem Augenblick geboren zu erzählen beginnen – "äh, tja, genau, äh, und dann" –, gerät einer (Michael Lippold) wie zufällig in die Rolle Gospodins hinein. Im Grunde ist er somit einer wie die anderen auch, und entsprechend spielt Lippold seine Rolle mit dem gleichen aggressiven, zänkischen und genervten Unterton wie seine Mitstreiter die ihrigen. Da ist kein geduldiges Glühen für seine Sache, kein inneres Leuchten. Lippolds Gospodin wird zum besitzlosen Idioten bloß aus Trotz, nicht aus Berufung. Und eines will er auf jeden Fall doch haben: nämlich Recht.

Auf diese Weise wirkt Gospodin hier nur wie ein seltsam dickköpfiger Freak, der sich, um damit ein paar Naturalien zu erbetteln, halt mal ein Lama hielt, das ihm nun von Greenpeace (!) weggenommen wurde. Ein Sonderling, der sich von seinen auf Besitz und Status ausgerichteten Freunden ausnutzen lässt, weil er einfach keinen Bock (kein Lama) hat, sein verliehenes Eigentum zurückzufordern. Zum provozierenden Gegenentwurf für eine Lebensform taugt die Gospodin-Figur so allerdings nicht.

Verrückt, entrückt?

Der Regisseur bringt sich zudem um die Chance, den aus der Gesellschaftsmitte verrückten Außenseiter die Verrücktheiten des Alltäglichen entlarven zu lassen: Denn Šagor stellt an den (beim Autor immerhin schon humoristisch zugespitzten) Nebenfiguren von Beginn an keine Normalität aus, sondern nur groteskeste Deformation. Da gibt’s nichts mehr zu entlarven. Karsten Dahlem muss etwa den Möchtegern-gesellschaftskritischen Künstler Norbert, der sich für eine Installation Gospodins Fernseher auf Nimmerwiedersehen leiht, als peinlich überkandidelte, nicht im Entferntesten treffsichere Karikatur eines Nervenbündels spielen. Jele Brückner gibt Gospodins Mutter als Billigpelz-behangenes Wrack, das auch einer Knutscherei mit dem Sohn nicht abgeneigt ist. Allein Agnes Riegl formt Gospodins Ex-Freundin Anette zu einem zumindest halbwegs plausiblen Charakter.

Nichts, was in Kristo Šagors Inszenierung passiert, ließe sich nicht auch aus Löhles Vorlage motivieren. Doch der Regisseur verstärkt merkwürdigerweise eher die uninteressanten Tendenzen des Textes, der seine grundsätzliche Fragestellung oft mit witzigen (keineswegs aber sehr witzigen) Dialogen überplappert. Wie die Gospodin-Figur auch aussehen könnte, das zeigt Šagor erst in der Schlussszene: Gospodin, bei dem man illegales Geld lagern konnte, da er sich nichts aus Geld machte ("Geld darf nicht nötig sein!"), ist mittlerweile im Gefängnis gelandet. Und er hat damit das Glück gefunden, weil er hier sein Dogma der Besitzlosigkeit leben kann. Wie ein Christus aus einem "Noli me tangere"-Gemälde des 16. Jahrhunderts steht er nun, den Unterleib mit einem Tuch umschlungen, an einem Pfeiler. Ein der Welt seiner Freunde weit entrückter Idiot. Doch nach all den Banalitäten, die vorausgehen, nimmt man ihm die Entrückung nun nicht mehr ab.

Genannt Gospodin
von Philipp Löhle
Uraufführung am 28. Oktober 2007 im Schauspielhaus Bochum, Theater unter Tage

Regie: Kristo Šagor, Bühne und Kostüme: Sebastian Kloos, Licht: Jan Bregenzer, Dramaturgie: Alexandra Althoff. Mit: Michael Lippold, Agnes Riegl, Karsten Dahlem, Jele Brückner.

www.schauspielhausbochum.de


Zum nachtkritik-Dossier zu "Genannt Gospodin" gelangen sie hier. Lesen Sie außerdem unseren Bericht vom Publikumsgespräch.

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