nachtkritiken – Stücke '08

Zu allen Wettbewerbsbeiträgen können Sie hier spätestens ab neun Uhr vormittags aktuelle Kritiken lesen, am Wochenende ab zehn Uhr.

   

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Das letzte Feuer – Dea Lohers Schicksalsreigen setzte den Schlusspunkt unter die "Stücke '08"

Bedrängend lebendiges Leid

von Ulrike Gondorf

24. Mai 2008. Ein dumpfer Herzschlag wummert noch immer weiter, wenn die Zimmer leer geräumt, die Protagonisten von Dea Lohers Schauspiel "Das letzte Feuer" auf der Drehbühne längst schon ins Off transportiert worden sind. Als die Uraufführungsinszenierung des Hamburger Thalia Theaters den Schlusspunkt unter das diesjährige "Stücke"-Festival in Mülheim setzte, hatte dieser Herzschlag den ganzen Saal erfasst. Mit größter Konzentration und spürbarer Anteilnahme ließ sich das Publikum an diesem Abend hineinziehen in den Schicksalsreigen, den die Autorin mit unerbittlicher Konsequenz choreographiert hat.

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Morgen in Katar – Schirin Khodadadians Inszenierung steuert Theresia Walser ICE schnellstmöglich aus der leisen Beiläufigkeit in die Karikatur

In die Ferne, so eng

von Dorothea Marcus

23. Mai 2008. In Deutschland darf nichts einfach nur deutsch sein: Kaum ist es ein bisschen hügelig, ist es die holsteinische Schweiz. Wenn es irgendwo ein paar schöne Kirchen gibt, heißt es: Elbflorenz. Und wenn aus dem Zug mal ein weiter Blick erhascht wird, wird gleich "wie in der Toskana" ausgerufen – nie sind wir bei uns zufrieden, immer ist es anderswo noch besser.

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Genannt Gospodin – Kristo Šagor nimmt Philipp Löhles Aussteiger-Helden die Chance, die Verrücktheiten der Normalität zu entlarven

Kein Lama, keinen Bock

von Wolfgang Behrens

21. Mai 2008. Gospodin könnte ein Idiot sein. Ein Idiot wie Dostojewskis Fürst Myschkin. Denn beide – Gospodin und Myschkin – muten ihren jeweiligen Mitmenschen ihre Unbedingtheit zu: Fürst Myschkin treibt eine russische Adelsgesellschaft, die in ihm einen der Ihren, einen Intriganten nämlich zu erkennen glaubt, mit seiner bedingungslosen Aufrichtigkeit zur Weißglut. Und Gospodin stößt in seiner Clique – auch die vermutet in ihm einen, der so tickt wie sie – auf völliges Unverständnis, weil er sich radikal von der Idee des Habens abwendet; er will offenbar nur noch sein. Beide – Gospodin und Myschkin – werden von ihrer Mitwelt als Idioten ausgestoßen: Dieser erleidet einen psychischen Zusammenbruch, jener wandert am Ende ins Gefängnis.

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hamlet ist tot. keine schwerkraft – Felicitas Brucker steuert Ewald Palmetshofers Kunststück am Ende in Richtung Realismus

Eisenkahn auf Existentialismus-Tour

von Nikolaus Merck

16. Mai 2008. Hamlet ist tot. Frohe Botschaft wenigstens für die jüngeren Theaterenthusiasten, die durch das René Pollesch-Tor ins Reich ihrer Leidenschaft eingezogen sind. Seit je her fordert Pollesch lautstark das Ende des weißen, männlichen, heterosexuellen Helden, das Ende des handlungsmächtigen, autonomen Einzelnen, der den Zeitläuften samt ihrer Macht-, Geschlechter- und sonstigen Verhältnisse irgendwie seltsam unangefressen gegenübersteht. Pollesch hat Hamlet getötet, und Ewald Palmetshofer gibt jetzt Brief und Siegel drauf. Bloß: wer ist an Hamlets Stelle getreten?

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Kaspar Häuser Meer – Felicia Zeller stellt die Verwalterinnen des Elends in den Mittelpunkt

Gesten der Hilflosigkeit

von Regine Müller

13. Mai 2008. Auf der Bühne steht eine Holzkiste, so groß wie ein Frachtcontainer, und brütet eine Weile vor sich hin. Man könnte ein großes Tier damit transportieren, doch als schließlich krachend eine Wand zu Boden geht, steckt kein Rhinozeros in der Kiste, sondern drei Frauen. Sie werden diese Kiste, deren Wände in stechendem Gelb bemalt sind, in den folgenden 70 Minuten nicht verlassen, sondern ruhelos darin rotieren. Die drei Frauen sind Sozialarbeiterinnen im Jugendamt, sie betreuen Kinder und Jugendliche aus sogenannten schwierigen Verhältnissen.

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Lieblingsmenschen – Laura de Wecks Debütstück präsentiert weniger eine Generationenaufnahme als eine wortwitzpolierte Oberfläche

Von Inhalt bereinigt

von Christian Rakow

11. Mai 2008. "War das Uni Münster 2008?", fragt mich mein Sitznachbar, ein Philosophie-Lehrer a. D., am Ende des Stückes. "Sind so die Studenten heute?" – "Nein", sage ich in meiner Rolle als Absolvent und Nachwuchslehrkraft in Münster, "so sind sie nicht". Und wir runzeln beide die Stirn. Denn die Mülheimer Auswahljury hatte uns mit Laura de Wecks Debütwerk "Lieblingsmenschen" doch eigentlich eine Generationenaufnahme versprochen, mit Sounds und Themen, ganz dem Leben um die Mitte Zwanzig abgelauscht, voller SMS-Verkehr, Partnertausch und Examensstress.

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Liebe ist kälter als das Kapital – bei René Pollesch kommen die Schauspieler aus dem Repräsentieren einfach nicht heraus

Backstage ist abgeschafft

von Esther Boldt

7. Mai 2008. Es wäre ein guter Witz gewesen. Steht auf den T-Shirts der Stuttgarter Crew "Theater des Jahres 2008"? Ha! Ein Kommentar auf den Wettbewerb, mitten in Mülheim, wo es um 15.000 Euro geht und um den Siegertitel. Aber dann, schöner Schein und falsche Freude, steht auf den Rücken von Ton- und Kameramann doch nur "Theater des Jahres 2006". Und schon sind wir mitten drin im Realitätsverlust: "Die Wirklichkeit kommt mir plötzlich nicht mehr wirklich vor." Das ist nur geliehen, aus John Cassavetes’ Theaterfilm "Opening Night", wo die Schauspielerin Myrtle Gordon sich nicht ohrfeigen lassen möchte für die Kunst. In René Polleschs „Liebe ist kälter als das Kapital“ wird der berühmte Schlag ins Gesicht zum auslösenden Moment für die Suche nach dem Phantom "Realität".

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