Kaspar Häuser Meer – Felicia Zellers Stück über drei erschöpfte Sozialarbeiterinnen ist eine Kapitulation der Worte vor der Welt

Sprachmächtige Ohnmacht

von Shirin Sojitrawalla

Zum Auftrag, ein Stück über das Thema "Kindesmisshandlung" für das Theater Freiburg zu schreiben, bekam Felicia Zeller auch eine Reihe von Informationen, Texten und Artikeln in die Hand, die sich mit den jüngsten Fällen misshandelter Kinder in Deutschland beschäftigen. Zeller war sich schnell sicher, dass sie weder ein Familiendrama schreiben noch Kinder auf der Bühne präsentieren wollte. Also sei ihr nur noch eine Variante geblieben, wie sie sagt: "Ich habe mich für die Stimmen der Sozialarbeiterinnen interessiert, die mit solchen Fällen betraut sind." Drei von ihnen belauscht sie in ihrem Stück "Kaspar Häuser Meer".

Zuviele Familien, zuviele Akten, zuwenig Zeit

Diese drei Damen vom Jugendamt, das Kindeswohl im gehetzten Blick, sind überfordert. Ausgebrannt und überlastet zerfleischen sie sich zwischen den eigenen Sehnsüchten und den Anforderungen der Öffentlichkeit. Anika, frisch von der Fachhochschule, ist alleinerziehende Mutter einer vierjährigen Tochter, die sie ihres nervenaufreibenden Berufs wegen vernachlässigt. Barbara ist dagegen eine alte Häsin, die schon zwanzig Jahre in der Verwaltung hockt, alles am liebsten so wie immer macht und gierig vom Urlaub unter Palmen träumt. Die dritte im Bunde ist Silvia, die sich müht, die immer weiter wachsenden Aktenstapel abzuarbeiten, dafür allerdings Alkohol als Treibstoff braucht. Alle drei sind ein hoffnungsloser Fall für die Hypersupervision. Zeit ist für sie etwas, das sie nicht haben. Überall warten Familien, in denen es gilt, Kinder vor ihren Eltern zu retten. Aber es sind einfach zu viele; ein Kaspar Häuser Meer, in dessen Fluten die drei Frauen zu ertrinken drohen. In ihren Anmerkungen gibt die Autorin vor, dass alle schneller sprechen als normal. Alles muss rasend schnell gehen, für mehr haben die Frauen keine Zeit. Sie reiben sich zwischen den Zuständigkeiten auf, es gilt, Kinderärzte und Rechtsmediziner zu konsultieren, die elterlichen Rechte gegen die staatlichen Pflichten abzuwägen. Bis alles geklärt ist, kommt Hilfe zu spät. Für ihr Stück hat sich Zeller auch mit einigen echten Sozialarbeiterinnen unterhalten.

Der Arbeitseifer dreht sich wie eine Sprach-Endlosschleife

"Kaspar Häuser Meer" gleicht auch einer Kapitulation in Worten. Die Figuren rennen ihren Sätzen hinterher, versuchen den Sinngehalt einzufangen, sind aber immer, wenn sie meinen, ihn greifen zu können, schon beim nächsten Satz gelandet. Der für Zellers Arbeiten typische abgehackte Sprachrhythmus, der sich diesmal durch Bürokratenjargon, falsches Deutsch, Wortwiederholungen, verzweifelte Neuanfänge und Mitten-im-Wort-Abbrüche auszeichnet, macht das Stück zu einem sprach(ohn)mächtigen Spiel. Manchmal klingen die Sätze wie eine hängengebliebene Schallplatte. Die Nadel ihres Arbeitseifers steckt dann im Gestrüpp ihrer abzuarbeitenden Fälle fest. Die Frauen beginnen zu leiern, versuchen, sich zu konzentrieren, ihre Gedanken sprachlich zu fixieren. Meistens scheitern sie dabei. Wie immer vollführt Zeller diesen Tanz ums Wort mit viel Witz und Drive. Die Dialoge preschen wie wild voran. Dabei gebiert der Text nicht nur komische Momente, sondern immer wieder auch rührende Augenblicke.

In dieser Wirklichkeit hilft das Wünschen nicht

Das akkurat gebaute Stück bietet aber weniger Handlungsverlauf als Zustandsbeschreibung. Am Rande des Zusammenbruchs liegen die Nerven der Figuren verständlicherweise blank. "O lass mich in Ruhe, Welt, ich bin nicht da!", lautet ihre persönliche Hymne. Ein Schild mit dieser Aufschrift würden sie sich gerne an die Stirn pappen. Stattdessen rollen sie Aktenberge wie Sisyphos-Steine und erleiden das, was man gemeinhin unter Burnout versteht. Versagensängste, Schuldgefühle, Hysterie und Depression wechseln sich ab. In ihren Anmerkungen spricht die Autorin vom Björn-Out-Syndrom, da Björn, ein abwesender Kollege, den Frauen noch mehr Arbeit aufhalst: "Vorne wird gebremst, gleichzeitig Gas gegeben: der Hinterreifen dreht durch. Der Motorradhalter gibt so lange wie möglich ununterbrochen Gas, um den Reifen solange wie möglich am Durchdrehen zu halten: Björn-Out. Der Text ist ein einziger DIE DAMEN ROTIEREN VON ANFANG AN." Für das Bühnenbild hat sich Zeller einen gigantischen Adventskalender vorgestellt, der mindestens 24, höchstens aber 104 Türen bereithält. Davor ein Baugerüst, heißt es in den Regieanweisungen. Der Adventskalender als Symbol für eine Zeit, in der das Wünschen noch geholfen hat, ist außer Betrieb. Die Wirklichkeit lässt kein Türchenöffnen mehr zu. Das müssen die drei Frauen schmerzhaft lernen. "Wir schaffen das schon", lautet ihr wackeres Mantra. Ein Satz, den alle Erschöpften dieser Arbeitswelt im Schlaf murmeln können. Die Wahrheit ist: Sie schaffen es nicht und werden es nie schaffen. Denn das Meer ist weit, und Rettung wartet anderswo.

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