Felicia Zeller – die Phrasenhaftigkeit des Seins sammelt sie im Notizbuch und baut daraus Stücke

Notfallpläne gibt es nur bei der NASA

von Shirin Sojitrawalla

Was möchte Felicia Zeller nie mehr über sich in der Zeitung lesen? "Dass ich wie Kathrin Röggla arbeite oder wie Günter Wallraff und schon gar nicht 'René Pollesch für die Damen'." Im nächsten Satz ist ihr das aber schon nicht mehr so wichtig, und sie stellt fest: "Ein Autor ist eine langweilige Person." Die Kunst des Understatements beherrscht sie perfekt, und sie lacht viel. Nicht unangenehm rausprustend, sondern leise in sich hinein, manchmal entfährt ihr dabei ein kurzer Schnarcher. Sympathisch das. Auch in ihren Stücken, die sie keineswegs als Komödien verstanden wissen möchte, gibt es einiges zu lachen. Ihre Arbeiten sprühen vor Sprachwitz und Situationskomik. Schon in ihrem ersten Stück, "das gilt", wie sie sagt, liegen Traurigkeit und Lustigkeit nur eine Silbe voneinander entfernt. Es trägt wie viele ihrer Arbeiten einen umwerfend umständlichen Titel: "Meine Mutter war einundsiebzig und die Spätzle waren im Feuer in Haft".

Bevor sie das Stück schrieb, hat sie in einem Altersheim gejobbt. Was sie von den Bewohnern mitbekam, ihre Sehnsüchte und alltäglichen Sorgen in Zeiten des Pflegenotstands, hat sie in dem Text dramatisch verdichtet. Schon damals schrieb sie im für sie typischen Zeller-Sound, der die Menschen um ihre Sprache bringt: Abgehackte Sätze, Wortwiederholungen, poetische Satzfetzen und ein stakkatohafter Rhythmus. Wie sie sprechen, ist dabei bedeutender als was sie zu sagen haben, auch wenn man das, wie Zeller einschränkt, nicht so ganz voneinander trennen könne.

En passant das Rauschen unserer Zeit aufschreiben

Fast nie verlässt sie ohne Notizbuch, derzeit ein kleines Ringbuch, die Wohnung. Darin notiert sie sich, was sie in der Zeitung, im Fernsehen, aber auch am Nachbartisch im Café aufschnappt oder was ihr Freunde und Bekannte vorformulieren. Jüngst hat sie, während sie den Science-Fiction-Film "Die Frau des Astronauten" schaute, den Satz "Das ist ein Notplan. Das haben wir gelernt bei der NASA, immer einen Notplan haben" für würdig erachtet, in ihre Sammlung aufgenommen zu werden. Kann gut sein, dass wir den Satz einmal auf der Bühne hören werden. Schließlich denkt sie im Moment über ihr nächstes Stück nach. Diesmal soll es um gestresste Eltern gehen, um Plan und Chaos, Arbeitstitel "Gespräche mit Astronauten". Da passt der Satz bestens.

Wieder ist es eine Auftragsarbeit für das Theater Freiburg, für das sie auch "Kaspar Häuser Meer" geschrieben hat, ein Stück zum Thema Kindesmisshandlung. Berührungsängste gegenüber solchen Stoffen hat sie nicht. "Ich finde zu allem einen Zugang", sagt sie selbstbewusst, aber nicht arrogant. Sie muss einen Zugang finden, könnte man hinzufügen, denn solche Aufträge sind für sie nicht nur Bestätigung ihrer Arbeit, sondern fürs finanzielle Überleben notwendig. Die Tantiemen, die sie von den Theatern pro gespielter Vorstellung bekommt, reichen nicht aus. Allein aus diesem Grund würde sie den Mülheimer Dramatikerpreis gern bekommen. Sie sei aber schon froh, überhaupt nominiert zu sein. Felicia Zeller lebt bescheiden, mit 1000 Euro im Monat kommt sie über die Runden. Als die Preise für Zigaretten angestiegen sind, ist sie auf Tabak umgestiegen. Das Honorar für eine Auftragsarbeit reicht ihr, um etwa ein halbes Jahr davon zu leben. "Ich gebe halt nicht so viel Geld aus", erklärt sie kurz. Sie klingt kein bisschen frustriert, sondern eher vergnügt, wenn sie das sagt.

Die Kunst, sich selbst überraschen zu lassen

Felicia Zeller wurde 1970 in Stuttgart geboren, wohnt jetzt aber in Berlin-Neukölln. Die schwäbische Herkunft hört man ihr an. Aus "sonst" wird bei ihr "sonscht". Sie schreibt Theaterstücke, aber auch Kurzprosa, und arbeitet als Medienkünstlerin. Schon als Jugendliche ist sie oft ins Theater gegangen. Mit dem Stückeschreiben habe sie aus Besserwisserei begonnen, weil sie meinte, sie könne es einfach besser als andere. Einen Brotberuf, wie man so sagt, hat sie nicht. "Ich bin zu faul, um zu arbeiten", versichert sie, wie sie überhaupt auffallend oft, lachend, versteht sich, von sich sagt, sie sei faul.

Dabei hat sie mehr als 14 Theaterstücke geschrieben, zahllose Kurzprosatexte verfasst, CD-Roms, Computerinstallationen, Literaturvideos und diverse Kurzfilme produziert, als "Lotio F." in der Landessexklinik Baden-Württemberg praktiziert und und und. In ihren Schreibphasen steht sie auch schon mal mitten in der Nacht auf, um zu arbeiten. Faul also ganz sicher nicht. In ihrem jüngsten Stück "Kaspar Häuser Meer" war sie auch bei der Leseprobe mit dabei und hat danach noch einiges am Text geändert. Ob sie die Proben begleite oder sich überraschen lasse, das komme ganz darauf an, sagt sie. Sie legt sich da nicht fest, entscheide es spontan, nach ihrer Lust und nach der Laune des jeweiligen Regisseurs. Für sie sei es auch ein großer Spaß, erst bei der Premiere zu sehen, was jemand aus ihrem Stück gemacht habe.

Als Sprecherautorin die Sätze lesen, bis sie sitzen

Ihren Figuren gemeinsam ist, dass sie scheitern, im Leben wie beim Sprechen. Sie haben zu wenig Geld, zu wenig Zeit, keinen Job, keinen Partner, stehen irgendwie am Rand und gerade deswegen im Zentrum der Aufmerksamkeit. "Das Scheitern beim Sprechen" ist aber das, was Felicia Zeller interessiert: Wie drückt man sich aus? Was versteht der andere? In ihren Stücken hören wir ein künstliches Sprechen, eine Art Sprechperformance. Sich selbst bezeichnet sie als "Sprecherautor", sie liest sich beim Schreiben ihre Sätze immer so lange laut vor, bis sie ihrer Meinung nach sitzen. Ganz unterschiedlichen Menschen legt sie ihre Worte in den Mund: greisen Frauen ("Meine Mutter war einundsiebzig..."), Arbeitslosen ("Club der Enttäuschten"), jugendlichen Rumhängern ("Immer einen Hund gehabt / plane crazy (1928)", hinlänglich Betrunkenen ("Bier für Frauen"), überforderten Sozialarbeiterinnen ("Kaspar Häuser Meer"). "Es ist immer das Alltägliche, was ich beschreibe." Pathos liege ihr fern. Da fällt ihr ein, sie habe noch nie einen pathetischen Menschen getroffen, sie notiert sich das mal vorsorglich. Und lacht.

Das Besondere an ihren Arbeiten ist, dass Felicia Zeller ihre Figuren keinen Augenblick lang bloßstellt, was eine Leichtigkeit wäre. Selbst, wenn sie ihnen beim Sprachscheitern lustvoll zuschaut, lässt sie sie unsagbar würdevoll agieren. Die unerträgliche Phrasenhaftigkeit des Seins fängt Zeller dabei en passant ein, wenn sie ihre Figuren nach Worten ringen lässt wie nach Sauerstoff. Sie befinden sich "auf der Kippe zwischen Griesgram und Größenwahn", wie die Trauergäste in "Einfach nur Erfolg" skandieren. Ihr aller Gestammel sorgt für den Sound unserer Zeit. Rhetorikkurse waren definitiv gestern.

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