Lieblingsmenschen – Laura de Weck schaut ihrer Generation beim Erwachsenwerden zu

Der Abgrund zwischen den Zeilen

von Simone Kaempf

160 Zeichen hat eine SMS. Das sind umgerechnet knapp 25 Wörter, vier Tageszeitungs-Zeilen oder drei Roman-Zeilen. Nicht gerade viel Platz, um dramatisch zu werden. Dass in Laura de Wecks Debütstück "Lieblingsmenschen" ein ganze Reihe SMS-Botschaften gewechselt werden, hat da natürlich für einige Aufmerksamkeit gesorgt.

Die Figuren würden vorzugsweise über SMS kommunizieren, sie seien trotz ständiger SMS-Kommunikation entsetzlich einsam, kann man in Rezensionen nachlesen. Das war nicht negativ, sondern als Kompliment gemeint, und ist doch nur die halbe Wahrheit. Denn die Handy-Kommunikation hat de Weck wohldosiert und zielsicher eingesetzt. Die Kunst verknappter Dialogführung, wie man sie in ihrem Stück erlebt, offenbart Unglück und Abgründe aber sogar auf noch weniger Platz: zwischen den Zeilen.

Frisch, fröhlich und verletzend

Fünf Studenten kommen in wechselnden Kombinationen zusammen, lernen fürs Examen, haben Sex miteinander, treffen sich abends in Clubs. Sven ist verliebt in Lili, landet im Bett mit Jule, während Lili mit Darius anbändelt. WG-Zimmer und Uni-Bibliothek sind die Spielorte. Das Stück beginnt in der Zigarettenpause mit dem zufälligen Wiedersehen von Jule und Anna. Schon die Begrüßung, so viele Jahre nach der gemeinsamen Schulzeit, fällt genau um die Nuance zu stockend aus, die solche Begegnungen unangenehm werden lässt: "Hallo." "Ja. Hi." "Hi." Man versucht, übers Studium ins Gespräch zu kommen. "Bist du noch mit Phillip zusammen?", fragt Jule dann, um nachzulegen. "Sechs Jahre, das ist ja Wahnsinn. Und ihr wart nie auseinander? Aber ab und zu gibt es Streit?"

An der Oberfläche gehen die Jugendlichen frisch und lustig miteinander um, unterschwellig verletzen sie sich mit ihrer polternden Direktheit. Das Wechseln von SMS-Botschaften ist da nur eine ästhetische Form von misslingender Kommunikation. Sehr treffend zeigt eine Szene, wie die fünf übers Handy ihren Partyabend planen, dabei stets nach verbindlichen Verabredungen fragen, aber selbst unverbindlich bleiben wollen.

De Weck hat sich für "Lieblingsmenschen" mit den Verhaltens- und Sprachmustern der Anfang 20-Jährigen beschäftigt, die aus der Pubertät zwar schon raus sind, aber auch noch nicht als erwachsen gelten. Die Gemeinsamkeit der Schulzeit ist vorbei. Freunde sind sie zwar, aber erste Fremdheit wird sichtbar, soziale Unterschiede spielen plötzlich eine Rolle. "Ich arbeite hier an was Großem, ja. Und das ist nicht so ein bisschen rumstudieren und so. Das ist Arbeit. Echte Arbeit. Damit verdien ich was, um zu leben, kapiert ihr", schreit Darius, dessen Wutanfall nicht minder ziellos bleibt, "ihr seid so uninteressant. Es ist zum Kotzen: Ihr hofft, dass der Kopierer noch nicht kaputt ist und solche Sachen, oder dass die Plätze im Vorlesungssaal noch nicht alle voll sind."

Im Sog der Abwesenheit

Die Schlüsselfigur ist jedoch Phillip, der große Abwesende, der nie auftritt in dem Stück, von dem aber ständig die Rede ist. Seine Freundin Anna erscheint allein, weil er zu Hause fürs Medizinstudium lernt. Mitbewohner Sven erzählt, dass Phillip nachts in seinem Zimmer tanzen würde. Woraufhin Jule bewundert, dass Phillip "so bedingungslos" sei. Und Darius zeigt Lili alte Phillip-Klassenfotos, nachdem er die Nacht mit ihr verbracht hat. Geschickt bringt de Weck seinen Namen immer wieder ins Spiel. Die Männer wollen so sein wie er, die Frauen beneiden seine Freundin Anna um sechs Jahre feste Beziehung. Sie erleben es als Katastrophe, als Anna plötzlich Schluss macht mit Phillip.

Was hier so leichthändig und schwebend eingefädelt wird, ist nichts anderes als eine Tragödie: Was gibt es Desillusionierenderes für Heranwachsende, als wenn Sehnsuchts- und Projektionsfiguren wegbrechen? Am Ende wird de Weck den abwesenden Phillip auch noch kurz, knapp und ohne große Erklärungen in den Selbstmord schicken. Man darf das als sehr symbolischen Tod verstehen: als Abschied einer Generation von der Jugend und ihren ersten Schritt ins Erwachsensein.

Kommentare (1)add comment
Lieblingsmenschen
geschrieben von schülerin , 11. Mai 2008, 22:05

wieso soll das stück eine tragödie sein? es beschreibt doch das ganz normale erwachsenwerden. ist das gleich eine tragödie?



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