Laura de Weck – eine Schauspielerin zieht es zum Schreibtisch

Die Sehnsucht steckt immer im Detail

von Simone Kaempf

Auch Autoren kennen Urlaubssperre. Die Endproben zu "Träumer" laufen. Eine Woche vor der Premiere am Deutschen Schauspielhaus Hamburg weiß die Schauspielerin Laura de Weck, dass sie nicht weg kann. Nur drei Personen auf der Bühne, ein jeder ist unentbehrlich. Da spielt es keine Rolle, dass die Dramatikerin de Weck jetzt gerne in St. Petersburg wäre, wo ihr Stück "Lieblingsmenschen" am Vorabend Premiere hatte, russische Erstaufführung. Die siebte deutschsprachige Inszenierung folgt Ende Mai in Dresden. "Lieblingsmenschen" ist mittlerweile auch ins Englische, Spanische und Schwedische übersetzt worden. Ihr zweites Stück "SumSum" wird im Mai in Chur uraufgeführt.

An diesem Abend steht für de Weck auch noch eine Vorstellung im Malersaal an. Anderthalb Stunden noch bis zur Maske. Zeit genug für ein Interview in der Kantine – bewundernswert, mit welcher polyglotten Seelenruhe sie von all dem erzählt. Möglicherweise lernt man das früh, wenn man in Paris, Hamburg und Zürich aufwächst. Als zweitälteste Tochter, Jahrgang 1981, des Publizisten und ehemaligen Zeit-Chefredakteurs Roger de Weck gehörte das Herumreisen schon als Kind zu ihrem Leben.

Der Ursprung des Dramas im Schulaufsatz

Man kann auch getrost sagen, dass die erste Prägung fürs Schreiben im Elternhaus entstand. "Das war nichts Besonderes, wenn jemand schrieb. Das gehörte dazu. Wie man zuhause Bücher gelesen hat, hat man ab und zu auch etwas aufgeschrieben." Nur: Tun musste man es doch eben selbst. Als die Heranwachsende anfing, begriff sie schnell, dass ihr in der dialogischen Form mehr mitzuteilen gelang als in Prosa oder Lyrik. Ihre Deutschlehrer unterstützten sie: Aufsätze durfte sie in der dramatischen Form abliefern – Glück gehabt. Doch auch da war die Nachwuchsdramatikerin noch nicht geboren.

Nach dem Abitur entschied sie sich für die Schauspielausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Zürich, die sie 2005 abschloss. Schauspielerin wollte de Weck schon als Kind werden. Die Begeisterung fürs Theater entstand früh und hatte von Anfang an mit der ihr wertvollen Sprache auf der Bühne zu tun: "Ich weiß gar nicht, wo Sprache sich sonst noch so ausleben kann und soviel erzählen kann wie am Theater. Man hat unglaubliche Möglichkeiten, einen Duktus für sich zu wählen und die Struktur der Sprache zu benutzen."

Der Bildungsbürgerfraktion spricht de Weck damit ganz und gar nicht aus der Seele. Ihre Dialoge wirken geschliffen wie Edelsteine, aber bleiben auch immer mitten aus dem Leben gegriffen, sind geprägt von großer Spielbarkeit und Lebendigkeit. Reduktion bevorzugt sie vor ausladender Gefühligkeit. Verzweiflung und Sehnsüchte stecken bei ihr in den Details: ein verräterisches Wort, ein Stocken oder ein Witz im falschen Moment. Und weil immer noch genügend theatrale Handlungsfreiheit bleibt, hat de Weck im Laufe des vergangenen Jahres oft gehört, man merke ihren Texten an, dass sie Schauspielerin sei. Seit Sommer 2007 gehört sie zum Ensemble des Jungen Schauspielhauses Hamburg, der Kinder- und Jugendtheatersparte des Großen Hauses. "Eine gute Schule für jeden Schauspieler", sagt sie. Durch die will sie gehen, mit jugendlichen Zuschauern, die sich nichts vormachen lassen und denen man sich nach der Vorstellung in den obligatorischen Diskussionen stellen muss.

Nassforsche Töchter mit kleinen Macken

Was bei anderen – schon allein zeitlich – unvereinbar erscheint, gehört bei ihr untrennbar zusammen: das Spielen und das Schreiben, die Bühne und der Schreibtisch, das Sprechen und das Erfinden der Dialoge. "Als Schauspielerin beschäftigt man sich ja genau damit: warum sage ich diesen Satz, und warum antwortet mein Kollege so. Und als Autorin frage ich mich: warum braucht es diesen Satz, und welche Antwort folgt darauf?"

Sieht man Laura de Weck als Schauspielerin auf der Bühne, gewinnt man auch ein gutes Bild über die Figuren ihrer Theaterstücke – sie sind aus demselben Holz geschnitzt. So wie sie zum Beispiel in David Gieselmanns "Louis und Louisa" die Rolle der Louisa spielt, Tochter einer Kieferchirurgen-Familie, vor deren Tür plötzlich der südamerikanische Patensohn steht. So nassforsch und selbstbewusst, immer noch Töchter aus gutem Hause, aber doch mit kleinen Macken, wirken auch Lili und Jule in "Lieblingsmenschen". Woraus schöpft ein Schauspieler, woraus ein Dramatiker? "Natürlich fängt man bei dem an, was man kennt", sagt de Weck. Und so sind die beiden Stücke, die bisher von ihr vorliegen, Porträts der Generation Heranwachsender, deren Verhaltens- und Verständigungsmuster sich heute längst auch über Ländergrenzen hinweg ähneln.

Den existenziellen Gehalt von "Lieblingsmenschen" – dass es hier nämlich gar nicht um ein Generationenproblem oder nur um Beziehungskisten geht – hat dann aber als Erster ein 50 Jahre älterer Regisseur entdeckt: Werner Düggelin, Jahrgang 1929. Es klingt wie eine Pointe am Rande, dass de Weck ihm eigentlich für eine Rolle vorsprach. Im Gespräch kam das Thema aufs Schreiben, und Düggelins Interesse wurde geweckt. Vielleicht war die Schauspielerin da unterbewusst auch im Auftrag der Dramatikerin unterwegs.

Schön sei das Leben, gefährlich und wahr!

Auf subtile und subversive Art und Weise hat de Weck jedenfalls auch die Motive in ihren Text eingearbeitet, um die es jenseits der Oberflächen-Schlagworte geht. Da diskutieren Darius und Sven lautstark, wer von ihnen hässlich oder schön sei. Anna trennt sich nach sechs Jahren Beziehung, um mehr vom Leben zu haben, Phillip aber wählt daraufhin den Freitod. So merkt man erst nach und nach, dass sich das Stück um schwergewichtigere Fragen dreht, als man auf den ersten Blick vermutet. Ganz beiläufig hat die Philosophiestudentin Anna auch eine vage Antwort parat, wenn sie schwärmt, welche Einsichten sie aus den Studien des Hegel-Nachfolgers und Theismus-Vertreters Karl Rosenkranz gewonnen hat: Dass das Leben nur dann schön ist, wenn es wahr ist, und wahr ist es aber nur dann, wenn man ihm die Gefahr der Vernichtung ansieht.

Keine Frage, dass aus dieser Figur Laura de Weck selbst spricht, nicht die Dramatikerin, nicht die Schauspielerin, sondern, der Begriff sei erlaubt, ihr Über-Ich, oder einfach eine Laura de Weck, die genau weiß, dass das Heruntergekommene der Avantgarde längst als neues Schönheitsmuster vereinnahmt ist. Die von opulent aufgefahrenen Gefühlen nicht viel hält, dem rein intellektuellen Zugriff ebenfalls misstraut, der Ideologie auf der Bühne sowieso, und vielleicht gerade deshalb, als Vertreterin der Mitt-Zwanziger, eine sehr genaue Vorstellung davon hat, "dass Theater einen immer zwischendurch erwischen kann."

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