Kritikenrundschau zu Laura de Wecks "Lieblingsmenschen"

Witze unter Angstschweißfilm

In der Neuen Zürcher Zeitung (31.3.2007) schreibt Barbara Villiger-Heilig, dass Laura de Wecks minimalistisches Stück "Lieblingsmenschen", "Musterbeispiel eines stilisierten Lebens-Ausschnitts", sich auf die Herzschläge der Figuren konzentriere, "die unter dem Blabla altersgemässen Konversations-Jargons deutlich pochen". Werner Düggelin gebe dem Pochen nur bedingt nach. Er scheint den Figuren zuzurufen, dass es "elegantere Möglichkeiten als den Ernst des Lebens" gebe. Doch nach und nach zeichneten sich "in der coolen Schale dieser Inszenierung" auch Risse ab, und die Figuren würden "poröser".

Stephan Reuter findet in der Basler Zeitung (31.3.2007), dass goldrichtig liege, wer das Stück als "Gebrauchsdramatik" bezeichne, "denn so ein Stück gehört gespielt – und gesehen." Regisseur Werner Düggelin "erdet die komischen Szenen immer wieder auf dem Abgrund des Daseins." 70 Minuten lang würden Bettgenossen, SMS-Botschaften, Gefühle, Gemeinheiten ausgetauscht. Das Hintergründige: "Die Zukunft haben die Lieblingsmenschen nicht vor Augen, sie sitzt ihnen im Nacken."

Ein Erstlingswerk mit Vorschusslorbeeren, das nicht so einfach auf die Bühne zu bringen sei, befindet Felizitas Ammann im Tagesanzeiger (31.3.2007). "Trotz einer extremen Verknappung und Musikalität ist es nahe an der Realität." Eine Mischung aus Realismus und Stilisierung wähle Düggelin und bringe dadurch Dynamik hinein. Die Stärke der Aufführung sei ihre Schlichtheit. "Musik gibt es keine, der Text ist melodiös genug." Am Ende Applaus für einen schönen, stimmigen Abend.

Bettina Schulte schreibt in der Badischen Zeitung (31.3.2007), dass sich "die tiefere Schicht dieses an der Oberfläche munter daherplaudernden Episodenstücks eindrücklich in seinen Leerstellen mitteilt." Laura de Weck habe den Ton ihrer Generation getroffen, der Regisseur inszeniere behutsam, fast minimalistisch, mit großer Sympathie für diese fünf verlorenen Seelen.

Gerhard Stadelmaier gibt in der FAZ (31.3.2007) einen seiner strengen, aber aufmunternden Klapse in Richtung Laura de Weck: "achtbar begabtes Jugendproblemtheatergemisch. Eine Materialsammlung." Ein Drama würde daraus aber erst Werner Düggelin machen, "der erlesenste Altmeister der Figurendurchdringer und -enthüller (...) denkt im Schauspiel Basel die Dichterin bis dorthin weiter, wohin sie nicht ganz gehen wollte. Er erst macht aus den Sittenskizzen: eine Tragödie." Die Figuren machen ihre Witze "wie unter einem Angstschweißfilm, als hätte ein leichter, fiebriger Schüttelfrost sie am Wickel." Fünf schwer Gefühls- und Beziehungskranke doktern und spielen drachenbrutmäßig so herum, bis ein sechster draufgehe. "Philipp, der unsichtbar Liebende, zahlt gleichsam die Schuld der sichtbar Lieblosen. Ein wahres Drama."

Auch Thomas Thieringer hält es in der Süddeutschen Zeitung (10.4.2007) für eine hervorragende Idee, mit Düggelin, Jahrgang 1929, den "Doyen der eidgenössischen Regisseure" zu engagieren. Die clevere Demonstration heutiger Lebenserfahrung trifft auf abgeklärtes Kunstverständnis." An dem kleinen Dramentext besteche, "wie Laura de Weck die Motive verschränkt und wie sie den Figuren, die immer Fragment bleiben, in aberwitzigen Situationen sehr lebendige komische Reaktionen abgewinnt." Düggelin entdecke in solchen komischen Szenen immer auch die existentielle Not. Die spaßsuchenden Menschen seien nach alten Regeln der Theaterkunst in Spannung gesetzt. "Auf schnelle Passagen folgen geruhsame, auf beiläufiges Parlando donnernde Erregung." Fazit: "Die Lieblingsmenschen, bei all ihrem Elend, ihren Egoismen – am Ende sind sie einem fast sympathisch."

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