Morgen in Katar – Theresia Walser zeigt, wie dünn der Firnis unserer Zivilisation ist

Ballett des sinnlosen Kreisens

von Wolfgang Behrens

Eine ganz kurze Geschichte des Theaters, nach Schauplätzen gegliedert, könnte sich so lesen: In der Antike spielt das Drama vor dem Palast, bei Shakespeare verlagert es sich in den Palast, im Laufe des 19. Jahrhunderts wandert es ins bürgerliche Wohnzimmer, und im 20. Jahrhundert findet es sich schließlich im Zimmer ohne Ausgang wieder. Das ist natürlich aufs Gröbste vereinfacht, doch eine sich beschleunigende Begünstigung des Klaustrophobischen lässt sich nicht leugnen.

In ihrem neusten Stück "Morgen in Katar" verlängert Theresia Walser diese Tendenz ins 21. Jahrhundert hinein und hat eine geschichtenträchtige Variante gleichsam öffentlicher Klaustrophobie entdeckt: bunt zusammengewürfelte Menschen, die in aller Freiwilligkeit den Großraumwagen eines ICE teilen. Der plötzlich zum Gefängnis auf unbestimmte Zeit wird, da sich auf offener Strecke ein Verzweifelter – oder eine Verzweifelte? – auf die Schienen gelegt und so den Zug zum Nothalt gezwungen hat. "Jeder, der das einmal erlebt hat, kennt das", sagt Theresia Walser, "dieses Festsitzen, das Warten, das mit der Zeit einsetzende Geplapper, all das, was dort gesprochen wird, die angefangenen Geschichten, die Angebereien, die Zukunftspläne, die Verwandtschaft und die Kollegen."

Schönheit der Zwangsgemeinschaft

Ja, man kennt das, kennt auch die ohnmächtige Wut, die einen angesichts solcher Ausweglosigkeit befällt, doch in "Morgen in Katar" lernt man diese Situation noch einmal neu kennen. Weil Theresia Walser sie vorsichtig auf ihr Eskalationspotential hin abklopft und dieses dann auf so hochkomische wie mitunter erschreckende Weise entfaltet. Weil sie im grotesk Überzeichneten bloßlegt, wie dünn der Firnis unserer Zivilisation und guten Erziehung ist. Und weil sie darüber hinaus der ICE-Zwangsgemeinschaft seltsame Schönheiten abgewinnt. Zum einen eine melodisch schwingende und rhythmisch so variable wie federleichte Überformung der Alltagssprache. Vor allem aber die flirrende Polyphonie und asymmetrisch ausgeklügelte Choreographie der Wartenden.

Fünf zu zwei Seiten eines Mittelganges gelegene Tische hat Theresia Walser für den Zugwaggon ihres Stückes vorgeschrieben, an denen zusammen neun Personen sitzen (einen sechsten, nicht besetzten Tisch muss man sich, der Symmetrie halber, wohl dazu denken). Der Beginn ist statisch: Jeder sitzt an seinem Platz, nur schleppend kommen die Gespräche in Gang, man redet mit dem Mitreisenden am selben Tisch oder kräht etwas in sein Mobiltelefon.

Doch allmählich spinnen sich Fäden durch das Abteil: Die Kommunikationskreise erweitern sich, benachbarte Tische werden einbezogen, Stichwörter – in Anbetracht der Situation bevorzugt makabere – machen die Runde. Und es kommt Bewegung in die Gruppen; die scheinbar tote Zeit wird mit reichlich Alkohol überbrückt, neue Konstellationen entstehen, man verlässt seinen Platz, um sich anderen mit seinen Gedanken, Geschichten oder Aggressionen aufzudrängen, oder geht vorübergehend ganz aus dem Waggon. Das Ganze ein Ballett des sinnlosen Kreisens: die Brown'sche Molekularbewegung, demonstriert am Bahnreisenden-Milieu.

Bedrohlich schweigende Mitte

Doch Walsers Sitzordnung weist noch eine weitere raffinierte Pointe auf: Denn sie gruppiert sich um ein ruhendes – oder, je nach Sichtweise, um ein destruktives – Zentrum. An einem der mittleren Tische sitzt nämlich auf dem Gangplatz ein Araber, der schlafend "über Kopfhörer einen dumpfen Technorhythmus" hört und nichts von dem Trubel um ihn herum mitkriegt. Und vom Tisch neben ihm ragt, mittiger noch, eine offensichtlich herrenlose Tasche auf den Gang hinaus. Bietet diese Tasche anfangs Gelegenheit zu manchem Stolperslapstick, so entpuppt sie sich gegen Ende in der Wahrnehmung der Waggoninsassen – gerade in Verbindung mit dem "Schläfer" – als massive, wenn auch nur potentielle Bedrohung.

Ein eigenartiger Sog geht von dieser stillen, schweigenden Mitte aus. Durch sie erst werden Walsers Reisende der existentiellen Komponente ihrer klaustrophobischen Situation inne. Denn sie müssen sich die Frage vorlegen: Warten wir, tanzen wir auf einem Pulverfass? Für eine Antwort darauf ist unsere Gesellschaft allerdings schon viel zu betrunken.

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