Theresia Walser – die Wortsammlerin vom Bodensee

Nachgiebiges Federn bevorzugt

von Wolfgang Behrens

Man könnte meinen, sie klinge ein wenig wie der junge Botho Strauß. An dessen Lotte aus "Groß und Klein" sie auf der Schauspielschule – so erzählt sie – "am liebsten vier Jahre lang geprobt hätte". Doch Theresia Walser weiß zu berichten, dass sie auch noch wie einige andere klingt: "Es ist interessant", sagt sie, "dass das Tableau der Vergleiche von Mal zu Mal größer wird. Nur um ein paar zu nennen, wurden im Zusammenhang meiner Stücke von Loriot bis zu Karl Valentin über Thomas Bernhard, Jelinek und Ionesco natürlich auch Botho Strauß und Handke genannt."
Es scheint das Los der zeitgenössischen Dramatiker zu sein, dass sie keinen eigenen Ton, keine ureigene Farbe zugestanden bekommen. Weil nämlich jeder Kritiker sofort einen Vergleich parat hat. So wird alles, was sich an Neuem, Originärem, Eigenständigem in der Sprache eines Autors, einer Autorin findet, in Vergleichen und Relativierungen erstickt. Doch: Die Ähnlichkeit entsteht im Auge des Betrachters. Natürlich räumt Theresia Walser ein, mit allen diesen Autoren etwas zu tun zu haben, sie alle zu schätzen, aber was heißt das schon? Ihre Stücke – man muss es letztlich zugeben – klingen nicht wie Strauß oder Bernhard. Sie klingen wie Theresia Walser: Theresia Walser hat einen eigenen Sound.

Sonntagvormittags Shakespeare im Original

Was an Theresia Walsers Stücken unmittelbar ins Auge, eher noch: ins Ohr fällt, ist ihr artifizieller Zugriff auf die Alltagssprache, der sie eine geradezu melodische Schönheit zu entlocken versteht. Walser hat ein untrügliches Gespür für klingende Wörter und für Rhythmen, von denen sie die nachgiebig federnden bevorzugt. Sie selbst redet gern von "Sprachmusik". Auf die Frage, ob denn ihre Figuren mit einer süddeutschen Färbung sprächen, meint sie, der Dialekt sei ja immer auch eine Sprachmusik, in der man aufwachse: "Ohne dass man sich dessen immer bewusst ist, setzt sich dieser dialektale Ton im Schreiben fort." Und schon bei einem ihrer frühesten Theatererlebnisse ist es die Sprachmusik, die sie in den Bann zieht: "Da meine älteste Schwester [Franziska] Schauspielerin ist, bin ich schon als Kind sehr viel ins Theater gekommen. Das hat mich dazu gebracht, dass ich mir sonntagvormittags im ORF regelmäßig Shakespeare-Dramen in der Originalsprache angeschaut habe. Obwohl ich kaum etwas verstanden habe, war ich so gebannt, als müsse man gar nicht Wort für Wort verstehen, sondern sich zuerst einmal von der Sprachmusik mitreißen lassen."

Als jüngste der Töchter Martin Walsers und im Kreise kunstsinniger Schwestern am Bodensee aufgewachsen, hat es Theresia Walser trotz solcher Prägungen nicht einseitig zum Schreiben oder zum Theater hingezogen: "Ich habe nach der Schule erst einmal eine Ausbildung in der Altenpflege gemacht." Sehr viel später hat sie aus dieser Erfahrung künstlerisches Kapital geschlagen und in ihrem bislang wohl erfolgreichsten Stück ein überaus fideles Altersheim auf die Bühne gestellt, in dem "King Kongs Töchter" (nicht die vier Töchter Martin Walsers, sondern drei Altenpflegerinnen) ihren Schutzbefohlenen Sterbezeremonien erster Klasse angedeihen lassen (das Stück wurde 1999 nach Mülheim eingeladen). Auf die Altenpflege folgte der Besuch der Schauspielschule in Bern und ein erstes Engagement als Schauspielerin in Göttingen. Erst dann kam das Schreiben, erst dann erlag sie endgültig der Sprachmusik.

Aufdringlichen Sätzen eine Unterkunft geben

Und die Theaterwelt erlag ihrem Sound. Dieter Dorn, damals noch Intendant der Münchner Kammerspiele, nahm sich 1997 der Uraufführung ihres ersten Stücks "Kleine Zweifel" an und darf sich seitdem zu ihren Entdeckern zählen. In der Fachzeitschrift "Theater heute" gelang es Theresia Walser innerhalb eines Jahres das Prädikat Nachwuchs abzuschütteln: 1998 in der notorischen Kritikerumfrage noch zur "Nachwuchsautorin des Jahres" gekürt, durfte sie sich 1999 bereits als "Autorin des Jahres" feiern lassen. Dass sie jedoch nicht Everybody's Darling ist, stellte sich einige Jahre später heraus, als sie sich vehement gegen Regisseure wehrte, die die "betriebsbedingte Originalitätssucht" (Walser) auch an ihren Texten austoben wollten. Gegen die Bebilderungswut mancher Theatermacher würde sie ihre sprachlichen Funde gerne geschützt wissen.

Denn wie damals vorm ORF-Fernsehen bei Shakespeare, so lässt sich Theresia Walser bis heute mitreißen, wenn sie auf sprachlich Besonderes, auf Klangvolles oder auch Skurriles stößt. Eines ihrer aberwitzigsten Stücke, "Die Kriegsberichterstatterin" (2005 nach Mülheim eingeladen), spielt beim jährlichen Gartenfest eines Instituts, das sich dem Sammeln von Wörtern verschrieben hat. Da könnte man sich auch sie gut vorstellen, in einem solchen Institut, wenngleich sie selbst eher Sätze als Wörter sammelt. Bzw. über diese Sätze mehr unfreiwillig denn freiwillig stolpert: "Tatsächlich gibt es immer mal wieder Sätze, die aus weiß nicht welchen Gründen an mir hängen bleiben, die ich irgendwo aufgeschnappt habe und die in ihrer Aufdringlichkeit etwas Komisches kriegen. Für solche Sätze suche ich dann in einem Stück eine Unterkunft. Manchmal generieren sich aus diesen aufgeschnappten losen Sätzen ganze Figuren, die einen dann in Welten entführen, die man überhaupt nicht vorausplanen kann."

Traum von der Männerrunde mit Likör

Eine schöne Umkehrung gängiger Vorstellungen: Nicht eine Reißbrettwelt wird mit Figuren bevölkert, die dann halt Sätze von sich geben, sondern Sätze zeugen Figuren zeugen Welten. Wenn diese Welten der Theresia Walser manchmal als eine Art künstlicher oder grotesker Laboratorien beschrieben worden sind, in denen mehr oder weniger verrückte Charaktere aufeinanderknallen, so ist dies nur die halbe Wahrheit. Denn – in ihren eigenen Worten: "Alles kommt natürlich aus dem Leben und verweist wieder aufs Leben, am allermeisten das, was wir als grotesk empfinden." Vorgängig sind bei ihr nicht in erster Linie die "Laborsituationen" – der Zug, das Gartenfest oder das Altersheim –, sondern oft genug Realitätspartikel wie eben ein einzelner Satz, die sich dann eine geeignete Situation, eine geeignete poetische Welt suchen.

Wobei Theresia Walsers Herz groß genug ist, die Realität weit zu fassen: "Selbst Träume bestehen ja aus Realitätspartikeln, so absurd sie als Ganze auch anmuten mögen", sagt sie, "schließlich gibt es nichts, was nicht zur Wirklichkeit gehört, auch keine einzige Art von Skurrilität und Phantasmen." Und erzählt, wie ihr Stück "Wandernutten" seinen Ausgang von einer Traumszene nahm, in der "ich selbst Beobachterin einer Männerrunde war, die sich beim Essen über Treue und Betrug unterhielt, wobei irgendwann einer von ihnen einen Likör auf den Tisch brachte, von dem es hieß, er färbe einem die Zunge grün, wenn man von seiner Frau betrogen wurde." Der Traum ein Leben. Das Leben eine Sprachmusik.

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