Kritikenrundschau zu Theresia Walsers "Morgen in Katar"

Von Laut-Sprechern und Ich-Schneekugeln

Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (4.3.2008) hebt an mit einem Lob des Zugabteils als idealer theatralischer Umgebung ("Versuchslabor fürs Menschsein als Gruppe schlechthin") und wundert sich, dass sich das Theater dies bisher habe entgehen lassen. Nach Ansicht von Ulrike Obermüllers Bühnenbild in Kassel, glaubt er zu wissen, warum: "Es ist einfach extrem schwierig, eine funktionierende Zugbühne zu bauen." Theresia Walser nun greife "hinein ins pralle Zugleben, in die menschlichen Blößen zwischen weiblicher Schrulle und männlichem Kontrollgehabe." Sie sei eine "Dramatikerin des skurrilen Humors" und entwickle die Figuren (die eigentlich "weniger Personen als Stimmen oder Instrumente" seien) "aus einer eigensinnigen Sprachfantasie". Zur Regie Schirin Khodadadians schreibt er, dass sie "realistischer" sei als bei einer früheren Walser-Inszenierung und dass sie "bemerkenswert gut" gelungen sei. Die Rollen seien "nicht immer brillant", aber "durchweg solide" besetzt worden.

Für die Süddeutsche Zeitung (4.3.2008) war Till Briegleb in Kassel. Genau wie Michalzik beginnt er mit Gedanken über das Setting Zugabteil, hat aber offenbar durchaus weitere Zug-Stücke im Kopf, denn er unterscheidet zwei szenische Herangehensweisen: Entweder entwickle sich das Interessante aus dem Alltäglichen oder es geschehe "etwas Ungewöhnliches". Theresia Walser hätte Letzteres gewählt und "montiert aus (...) Stereotypen ein Geflecht der verbalen Entblößungen und sprechenden Kleinigkeiten, aus dem ohne große Konflikte ein sehr unterhaltsames Porträt deutscher Lauheit entsteht". Das Fesselnde des Stückes liege an dem "Schwebezustand aus Traurigkeit und Komik, den sie komponiert". Schirin Khodadadian, die zum dritten Mal ein Walser-Stück inszeniert, nähere sich der Sache "sehr gemütvoll" und eindeutig der Komödie zugeneigt. Es fehle "das Zehrende, die Denkpause, die Würde des Scheiterns". Stattdessen zeige sie Typentheater mit richtig gesetzten Pointen. "So bleibt das Gemeine an Walsers Beobachtungen hinter der Fassade der Unterhaltung versteckt".

Peter Krüger-Lenz vom Göttinger Tageblatt (4.3.2008) fühlt sich bei der Grundsituation gleichfalls an Bekanntes erinnert. Mit dem Festhängen der Figuren im Abteil begönnen jedoch die Schwierigkeiten für die Regie. Die Entwicklung "unterschiedlicher Charaktere" durch die Schauspieler wirke "eher konstruiert als überzeugend". Das Personal erwecke zwar "den Anschein, aus dem Leben gegriffen zu sein", sei aber "doch immer wieder weit weg davon". Einige spielten "mehr am Rande" mit und wirken auf den Kritiker wie "von der Autorin ein wenig dort liegengelassen". Wieder mal sieht er bei Walser "ein schräges Personal an einem alltäglichen Ort", diesmal eben ein Zugabteil, was die Figuren deutlich einschränke: "Hier kann nicht geturnt, nur in Maßen geposed und kaum flaniert werden. Hier sitzt man. Oder schiebt sich sparsam durch die Sitzreihen." Plätscherndes Geschehen bei "fehlender dramaturgischer Spannung".

In der Hessisch-Niedersächsischen Allgemeinen (4.3.2008) notiert Bettina Fraschke, dass Theresia Walser "mit dem Eingeschlossensein" arbeite und urteilt bündig: "Aus der geschliffen schön formulierten Vorlage, die aber inhaltlich kaum Überraschungen bietet, zeichnen Khodadadian und das grandiose Ensemble Porträts voller Witz und berührender Vielschichtigkeit. Trotzdem werden die gut zwei Stunden manchmal etwas lang." Der "fließende Beginn", an dem Aljoscha Langel als Schaffner Koffer auf die Rampe räumt, zeige, dass Schirin Khodadadian das Stück als "Dialog-Experiment" auffasse. Zum Schluss überwinde die Regisseurin dann "Grenzen", wenn sie jeden Reisenden im Sand neben der Rampe seinen Platz finden lässt. Man "wartet, träumt, baut aus dem Anorak einen Elefantenrüssel. Versunken in der stillen Selbstbeschäftigung weitet sich der Raum ins Surreale. Endlich angekommen. Langer Applaus."

Hartmut Krug von nachtkritik.de (3.3.2008) hat ein "so diszipliniertes wie animiertes Ensemble", das die Regisseurin "mit wohltemperierter Genauigkeit inszeniert" habe, "mit lockerem Witz" spielen sehen. Unter Khodadadians Regie hafte an den Figuren im besten Fall "ein Rest von Mehrdeutigkeit. Denn die Figuren und das Stück haben keine Botschaft, sondern vollführen für und vor uns Suchbewegungen." Das "grundsätzliche Problem" dieser Reisenden sei "Wahrnehmungsschwäche". Außerdem werde stets "nach den richtigen Wörtern gesucht". So fänden bei Walser "die Menschen, die Wirklichkeit, ihre Wahrnehmungen und ihre Worte (...) nicht zusammen". "Wer hier redet, erklärt nicht, sondern klingt – in einem ganz eigenen, poetischen Sound. Ein bisschen schräg, oft komisch pointiert, nie aber eindeutig oder gar sozial erklärend." Trotz steigenden Alkohol-Genusses fielen die Masken "nicht völlig" und die Konflikte spitzten sich "nicht allzu sehr zu". So bleibe das Stück, das Krug für "solide", jedoch "nicht vollständig überzeugend" hält, immer "in einer Mittellage" – "eine etwas brave, kritisch am ziehenden Existenzschmerz seiner Figuren kratzende Wohlfühldramatik".

In der Zeit (6.3.2008) deutet Peter Kümmel "Morgen in Katar" als "Wir-Stück", als "eine Gruppenentblößung im Zeichen des Todes", dabei der "Dramaturgie von Ausnahmezustand und Zufallsgruppe" folgend. Es sei ein "unendlich liebevoll gemachtes Stück, (...) eine feine Bastelarbeit". Jede Figur trage "ihren eigenen engen Horizont greifbar mit sich, als hätte man ihr eine Ich-Schneekugel gleich einem durchsichtigen Raumfahrerhelm auf den Kopf geschraubt": Man sehe immerzu, "was jeder (...) im Kopfe hat, was in seinem Inneren herumwirbelt." Nicht eigentlich Theaterfiguren reagierten hier "auf- und miteinander, sondern Register des Komischen: Das Valentineske (...), das Gerd-Dudenhöffer-Hafte (...), das Stromberg-Artige (...), Das Loriot-Mäßige (...), ja sogar das Martin-Walser-Artige (...)." Leider lasse es sich das Ensemble "nicht nehmen, Walsers mit Pointen schwer behängte Sätze so ausgiebig zu schütteln, dass sie derbe scheppern", statt "den Witz der Autorin" zu "unterspielen". Dieses "Hurra-wir-leben-noch!-Theater", das "im Vorgefühl der Apokalypse und im Schatten individuellen fremden Unglücks" spiele, zehre "vom schamlosen Überlebenswillen seiner Figuren" und würde "ohne eine grundsätzliche", bei Walser gleichwohl "fürsorgliche und warme Herablassung" gegenüber diesen "nicht funktionieren". Die Möglichkeiten der von ihm ausgemachten Gattung des "Wir-leben-noch-Stücks" hält Kümmel für begrenzt, was "am engen Horizont seiner Protagonisten" liege: Ihre Gedanken seien "wie zähes Harz, welches das Gehirn verklebt", und jeder Dialog "bloß ein erfolgloser Versuch, den Hirnkasten durchzuspülen – ganz im Gegensatz zum beweglichen, raumgreifenden, schöpferischen Denken und Sprechen großer Dramenfiguren". Das "größte Problem des Wir-Stücks" bestehe jedoch darin, "dass es nicht enden kann" – Material, Einfall, Situation, "aber kein einziges glaubwürdiges Ich". Für Figuren und Stücke "kein Ziel und kein Schluss, naturgemäß: Gespenster können ja nicht sterben."

Eine "geschlossene Gesellschaft (...), in der jeder ein wenig zur Hölle des anderen wird", hat Ursula Böhmer von der FAZ (4.3.2008) beobachtet. In diesem "absurden Zwischenzeitspiel" gähnten Abgründe, "die aber niemanden wirklich schlucken". Die Autorin lege Fährten, "die sie dann aber selbst nicht lesen und deuten will, damit vielleicht andere auf Spurensuche gehen können", z.B. in Richtung Klimakatastrophe oder Terrorismus. Ohne dass die vermeintlich tickende Bombe gezündet würde – eine "hübsche Schlusspointe, die in Kassel allerdings etwas zerfasert", wenn Khodadadian "Wüste spielen" lässt. Sonst aber führe sie die Figuren "mit sicherer Hand und situationskomischem Gespür" durch Walsers "Sprachsinfonien, in denen sich Duette und Soli auch mal überlappen, mit allerlei Leitmotiven und Wort-Witz-Fiorituren", was die Schauspieler "schön zum Klingen" brächten. In Khodadadian habe die Dramatikerin "nach ihren Querelen mit Regisseuren, die sich selbst zu Autoren aufspielen, (...) eine Art kongeniale Regie-Muse gefunden", die "nicht nach Effekten" hasche, sondern "Figuren zum Schweben" bringe.

Kommentare (0)add comment

Kommentar schreiben
kleiner | groesser
 

busy