Theresia Walser

Morgen in Katar

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Ein ICE hält auf offener Strecke, weil sich ein Verzweifelter – oder eine Verzweifelte? – auf die Schienen gelegt hat. Die Weiterfahrt zögert sich immer weiter hinaus; die bunt zusammengewürfelten Insassen eines Großraumwagens werden so zur Zwangsgemeinschaft auf unbestimmte Zeit. Man rückt näher zusammen und einander auf die Pelle. "Jeder, der das einmal erlebt hat, kennt das", sagt Theresia Walser, "dieses Festsitzen, das Warten, das mit der Zeit einsetzende Geplapper, all das, was dort gesprochen wird, die angefangenen Geschichten, die Angebereien, die Zukunftspläne, die Verwandtschaft und die Kollegen." Reichlich Alkohol soll die tote Zeit überbrücken helfen, doch bald schon bröckelt die Fassade der guten Erziehung. Und dann ragt da noch eine offensichtlich herrenlose Tasche in den Gang, neben der seelenruhig ein Araber schläft.

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Morgen in Katar
von Theresia Walser
Uraufführung am 2. März 2008 am Staatstheater Kassel

Regie: Schirin Khodadadian, Ausstattung: Ulrike Obermüller, Musik: Katrin Vellrath. Mit: Birte Leest, Therese Dörr, Jürgen Wink, Eva-Maria Keller, Andreas Beck, Nico Link, Uwe Rohbeck, Hans-Werner Leupelt, Max Engelke, Aljoscha Langel, Christina Weiser.

www.staatstheaterkassel.de


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Auf nachtkritik.de lesen Sie über die Premiere von "Morgen in Katar" in Kassel.

Kommentare (2)add comment
Totale Katastrophe
geschrieben von Tom Tergoés. , 24. Mai 2008, 03:05

Mit Kraftausdrücken muss man sparen und total ist eh nichts, und trotzdem: ein so dummes Stück in einer so schlechten Regie mit solchen Knallchargen ist in meiner Erinnerung nicht mehr in solcher Dreieinigkeit vorgeführt worden.
Frau Walser versucht: einen engen Raum, ein Zugabteil, als Schmelztiegel für Kommunikation - banale, leere, aggressive - auszustellen. In einer fatal dummen (ich komme um den Krftausdruck nicht herum) und poetisch unzureichenden Weise demonstriert sie lediglich: wie gerne sie Loriot wäre, wie gerne sie am Sprachwitz eines Jandl teilhätte, wie gerne sie alltags-satirisch wäre: und wie langweilig sie ist. Die Inszenierung ist sehr grauenvoll, das sei gesagt, die Regisseurin doppelt alle Witze, versteift alles zum TV-Scetch (Witz beginnt-läuft-endet), die Schauspieler agieren ungeschützt (schützten sich nicht selbst) als Knall-Chargen mit SpielBeinStandbein, ohne Überraschung, die Comedy-Gesten ungebrochen, tut mir leid: nicht ironisch, nur Motorik aus dem Schultheater (oh ja, wie gehe ich durch eine imaginäre Zugabteils-Türe); nur abgespult, keine Situationen, nur Plastik. TV in 3-D ist nur entsetzlich, besonders das TV der 60er.
Aber das Stück ist dumm. Es hat keine Phantasie der Sprache, die zur Übersetzung einläd: platte Tautologien nach dem witzigen Schema - ich tue das, aber eigentlich tue ich damit ja nicht das, sondern ich tue das. Ds ist letztlich das ganze Schema. Die Behauptung: wir alle kommunizieren kompliziert nichts wird auch noch mit einem Billigschema hergestellt. Frau Walser erstellt keine Figur, keine Situation, sie behauptet im Rückgriff auf Gefühle falsche Mini-Situationen - möglicherweise raffiniert gedacht: denn so sei das Leben - aber derart ungebrochen, spießig, krampfhaft humorig, seriös und sprachlich vor allem - nur abhörbar, tod-berechenbar: an Frau Walsers Stück stellt sich die große Frage, nach welchem Kriterium hier eingeladen wird, denn dies ist nicht nur das schwächste, sondern total ein fatal dummes Stück. Denn es hat den Dauergestus der: raffinierten Alltagssituation (Menschen im Zugabteil unter Extrem-Stress) und nicht einmal das gelingt; man möchte fragen, ob Frau Walser je im Zug saß. Alle Figuren sind nur dazu da: sofort, ohne zu zögern, zu reden, mit den anderen ungehemmt zu kommunizieren, (...), ohne jede Scheu, Hemmung, Zartheit, Neugier, alle wie Gag-Panzer, mit dem üblichen abgehackten, satzunvollendeten, ach-so-modernen Slang-Jargon, Typen, die sich nur durch behauptete Sonderlichkeiten unterscheiden, lebensferne Langweile, die absolut rechtfertigt, dass diese Autorin nur jeweils eine Uraufführungspremiere und dann keine weitere Aufführung ihrer Stücke erlebt. Sorry: das ist MEINE Lebenszeit, (...), Frau Walser!!!
Stücke, aus



Antwort auf die Kritik
geschrieben von Kirsten-Annika , 27. Juni 2008, 15:06

Ich muss wohl zu der Meinung kommen, dass Herr Tom Tergoés dieses Stück nicht gesehen oder gar völlig missverstanden hat. Theresia Walser führt uns meiner Ansicht nach eine Situation vor Augen, wie sie grotesker nicht sein könnte. Der Zug überrollt einen Menschen und ist so gezwungen, stehen zu bleiben. Die Menschen in diesem Zug müssen sich darüber austauschen, über das, was passiert ist. Jede der Personen, versucht, ein bestimmtes Bild von sich selbst zu vermitteln und kann dies aber nicht durchhalten. Die Menschen beginnen, ihr Innerstes nach Außen zu kehren und ihre dunkelsten Geheimnisse und Träume, Hoffnungen zu offenbaren. Die Inszenierung ist wunderbar. Die Tragik jeder einzelnen Person wird deutlich. Die Kulisse der Zugabteils ist so normal wie auch absurd, die Witze und Humor treffen genau zum richtigen Zeitpunkt, sodass es unheimlich Freude macht, dieses Stück zu sehen. Die Zeit verfliegt, man verliert sich in diesen Menschen, die immer mehr von sich selber Preis geben und einander näher kommen, ihre Wahrheiten vorbringen. Ich kann nur sagen, ein großartiges Stück und eine großartige Inszenierung.



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