Liebe ist kälter als das Kapital – René Polleschs Stück über die Ohrfeigenszene in Cassavetes’ Film „Opening Night“

Das machen die öfters

von Christian Rakow

"Du hast keinen Kontakt zur Wirklichkeit,
weil du deine Produktionsverhältnisse nicht hinreichend analysierst!"
aus: "Erste Vorstellung", nach John Cassavetes, 2002

Da sind sie, in einem Filmset – ein postdramatisches Quintett aus René Polleschs Feder. Sie geben sich Namen von fiktiven Leinwandhelden (Myrtle Gordon) oder echtem Ingmar Bergmann-Personal (Liv Ullmann u.a.). Und sie sind angetreten, eine Reihe spektakulärer, tagesaktueller Streifen herzustellen: "CDU – Meine Welt ist die richtige" oder auch "RAF der Wüstenfuchs".

Aber etwas bremst sie beständig aus. Ein Bild hält sie gefangen. Es entstammt John Cassavetes’ Theaterfilm "Opening Night" von 1977: "Ich habe den Kontakt mit der Wirklichkeit verloren. Die Wirklichkeit kommt mir einfach nicht mehr wirklich vor". So steht bei Cassavetes die Schauspielerin Myrtle Gordon an der Rampe einer Probebühne und muss sich dafür rechtfertigen, dass sie sich nicht von ihrem Kollegen werktreu ohrfeigen lassen will. Im Parkett gibt sich die Autorin des zu erarbeitenden Dramentextes pikiert: "Finden sie das komisch?" Aber nein, komisch wird es weder an dieser Stelle noch überhaupt in "Opening Night".

Eine Amnesie bezüglich der Sozialstruktur

Komisch wird es erst bei René Pollesch, wenn er dieser Ohrfeigenszene die Logik des von ihm inkriminierten Kunstschaffens abliest: Da proben Starschauspieler also an einem offensichtlich bewegenden Broadway-Stück (Stichwort: Erfolgsprodukt), und jemand fällt aus seiner Rolle (Stichwort: Rebellion im Kleinen), was wenigstens für die dargestellte Theaterproduktion zum echten Krisenfall wird. Nicht aber für den Film. Denn für ihn geht diese Krise bestens auf im Psychodrama um die alternde Diva Myrtle Gordon. Pollesch pointiert den Vorgang aus Myrtles Sicht: "Ich werde hier dauernd mit Psychologie neutralisiert".

Das Filmdrehen wird zum Problem, weil es für all das steht, was man hier anzweifelt: Erklärbarkeit, Auflösung der Krise, Erfolg. Folgerichtig und vertrautermaßen sehen wir Polleschs Diskursakrobaten in eine aberwitzige Dauerspirale aus Grübeleien und ephemeren Selbst- und Fremdbeschreibungen eintreten ("Wenn du mich immer so irritierst, mein Schatz, dann leide ich ganz plötzlich an einer Amnesie bezüglich unserer Sozialstruktur"), deren erster und letzter Anhaltspunkt in der Würde der Ohrfeigenweigerung liegt: Rebellion ist, wenn man sie nicht zu fassen kriegt.

Eigentümlich existenzielles Untertontheater

Mit dieser These erfüllt Pollesch ganz nebenbei einen Auftrag gegenüber dem Schauspiel Stuttgart, das ihn, anlässlich der Jubiläumsreihe zum "Deutschen Herbst" im September 2007, um einen RAF-Kommentar gebeten hatte. Sein Beitrag zielt dabei sehr konkret auf Kitschkritik: "In den gerade gesendeten Dokumentarfilmen über die RAF sitzen die Kapitalisten auf einem Sofa rum und reden über die Liebe, das Leben und den Verlust eines Menschen. Und ich hab gehört, das machen die öfters. Also immer, wenn man ihnen ein Mikrofon unter die Nase hält."

Pollesch fährt ein Szenario voller "warmer" Begriffe auf – Sofa, Liebe, Leben, Verlust (Stichwort: Psychologie) –, um sie schließlich im Verweis auf das ihnen zugrunde liegende "kalte" Medium Mikrofon zu entkräften. Die Raffinesse dieser Rückkoppelung ist ihrerseits durch Kindermund verkleidet: "Das machen die öfters (!)". In nuce erleben wir hier die Leichtigkeit dieses auf Abkühlung angelegten Schreibens.

"Ich möchte gern kalt aus der Hüfte schießen", behauptet der Text und tut es doch nicht ganz. Wie jegliche Kitschkritik zehrt auch diese vom Reiz dessen, was sie ablehnend mit ausspricht. Cassavetes’ Filmscript ist gerade in den melodramatischen Passagen hemmungslos ausgeschlachtet worden. Dem temporeichen und hochskurrilen Diskurs unterliegt so ein Moment von Schwere, das sich in der wiederkehrenden Formel "Es ist nicht mehr so" ausdrückt und von der Kritik denn auch aufgespürt wurde: "Verzweifelungskomik" ist das Label, das Polleschs eigentümlich existenzielles Untertontheater benennt.

Wo ist denn die Macht?

Bleibt eine Frage offen. Ein paar darstellungsunwillige, aber redelustige Filmschauspielerspieler diskutieren auf dem Theater einen Film, der Theater darstellt. Ist das der Exzess an künstlerischer Selbstbezüglichkeit? Hat man hier tatsächlich "den Kontakt mit der Wirklichkeit verloren"?

Mitnichten. Diese Theaterszene dient vielmehr als Modell, das uns in strukturales Denken einübt. Im Textbuch, das das Schauspiel Stuttgart noch mit den Schlusskorrekturen zuschickte (wohl zum Beweis, dass Pollesch seine Texte auf den Proben entwickelt und bis zuletzt durcharbeitet), findet sich eine signifikante Änderung: "Was ist denn die Macht" heißt jetzt "Wo ist denn die Macht".

Während der erste Satz sogleich von der Beschreibbarkeit ausgeht, setzt die Neufassung konsequent darauf, dass Macht zwar wirksam, aber nie offensichtlich ist. Macht sind die selbstverständlichen und darob unsichtbaren Handlungsregeln, die erst in lokalisierbaren Defekten augenscheinlich werden: von der Ohrfeigenweigerung bis zum Terroranschlag. Das "Wo" fragt, anders als das "Was", nicht nach einer identifizierbaren Größe (dem Kapitalisten), sondern nach einer Funktion und den Räumen, die sie gestaltet. In einem Umfeld der zeitgenössischen Dramatik, die allzu oft von der Offensichtlichkeit ihrer Gegenstände ausgeht, ist dieser strukturale Blick des Theaters von René Pollesch weiterhin ein rares Gut.

Kommentare (7)add comment
Was ist ein strukturaler Blick?
geschrieben von ulf , 01. Mai 2008, 18:05

zu Heaven: hm, ein strukturaler Blick? Und welchen Blick hat Herr Peymann zum Beispiel? Den Nicht-Blick? Den nicht strukturalen Blick? Hm, na ja.


Lieber Ulf,
geschrieben von Lotman , 13. Mai 2008, 02:05

Peymann zum Beispiel hat halt leider nicht den strukturalen Blick, sondern nur einen selbstgefälligen Dämmerschlaf. Pollesch lehrt uns nach Machtstrukturen (merke: an denen wir selbst meist irgendwie beteiligt sind) und nicht nach konkreten Akteuren zu fragen (denn: die Akteure sind immer die Anderen, Bösen, also nicht wir, weswegen uns Macht bei Peymann zum Beispiel im Grunde auch nichts angeht). Lieber Ulf, lies mal lieber Foucault, Bourdieu oder Barthes, anstatt zu Peymann zu gehen, dann kannst vielleicht auch du Pollesch würdigen!


Lieber Lotmann
geschrieben von Ike , 13. Mai 2008, 13:05

habe länger nichts von Peymann gesehen. Weiß nicht, ob er Macht strukturell denkt und inwieweit er seine Produzentenposition in seine Repräsentationen mit einbezieht. Seine letzten Interviews sprechen eher dafür, dass er seine Rolle und deren Funktion verkennt (mit Aussagen vom Typ: Schauspieler sind immer super, Regisseure sind demütige Devotees oder sollen es wenigstens sein). Kann man Dämmerschlaf nennen, stimmt. Die Frage, die Du als alte Frage nach den "Anderen" anprangerst, trifft man jedenfalls, glaube ich, auch bei vielen zeitgenössischen Dramatikern. Vielen genügt es in ihren Stücken, Milieus orginalgetreu abzubilden. Damit ist natürlich noch nichts geleistet, außer ein mehr oder weniger beglückender Wiedererkennungseffekt (guck mal: Echte Arbeitslose!; guck mal: Examenskandidaten!). Jegliche Reflexion, egal ob diese den technischen, ökonomischen oder soziologischen Bedingungen der dargestellten Kommunikation und also der Generierung dieser Milieus gilt, bleibt im Bühnenboden versenkt, so sie überhaupt geleistet wurde (oft fragt man sich ja schon). In diesem Sinne unterschreibe ich Deine Forderung nach einer Dramatik und einem Theater, das sich traut, mal wieder etwas klüger zu werden. Über den Kanon der Methoden (Franzosen oder doch lieber Frederic Jameson und Terry Eagleton?) lässt sich dann ja noch streiten.


lieber Ike,
geschrieben von Lotman , 14. Mai 2008, 12:05

Franzosen mag ich persönlich ja lieber, weil ihre Theorien ja selbst schon fast Kunstwerke sind. Terry Eagleton ist mir in letzter Instanz dann doch wieder zu selbstgefällig links und zu sicher, die Wahrheit gepachtet zu haben. Pollesch, der ja ganz offensichtlich stärker von den Franzosen beeinflusst ist, macht sich mit ihnen gerade auf die Suche nach Wahrheit. Aber nicht in so einem naiven Sinne wie zum Beispiel Löhle (mit seiner Kinder-Wahrheit der Ökonomie: Geld ist schlimm, aber ohne geht´s auch nicht).


Haalloo?!
geschrieben von Bine , 14. Mai 2008, 12:05

Pollesch und ihr habt ein Problem voll gemeinsam: niemand versteht euch!! Und genau deswegen ist mir auch ein Kinder-Löhle hundertmal lieber, mit dem kann man sich wenigstens auseinandersetzen, weil man ihn versteht. Bei Pollesch war ich nur frustriert.


Theater nicht für alle
geschrieben von Elitesau , 14. Mai 2008, 19:05

Theater für alle ist halt eine Illusion! Niemand kommt ja auf die Idee, dass ein einziger Kinofilm alle ansprechen soll, oder eine einzige TV-Sendung. Außer vielleicht "Wetten-daß?" als Show für die ganze Familie. Aber selbst "Wetten-daß?" schaut eigentlich nur die Oma und das eingerostete Ehepaar. Nur das Medium Theater soll alle ansprechen, d.h. alle GLEiCHZEITIG (Stichwort Stadttheater). Das geht aber bei anspruchsvollen Stücken wie Pollesch nicht. Diesen Anspruch an ein einziges Theaterstück zu stellen, nach dem Motto: "Pollesch für die ganze Familie", klappt halt nicht.


Macht die Stadtheater breiter!
geschrieben von Mousse T. , 15. Mai 2008, 18:05

Dem Elitisten über mir ist unbedingt recht zu geben. Theater für alle gibt es nicht. Aber das Panorama dessen, was man auf den deutschen Stadttheaterbühnen gerade im Bereich der Gegenwartsdramatik präsentiert kriegt, darf sich ruhig verbreitern durch ein Mehr an analytisch informierten, ästhetisch herausfordernden Arbeiten. In Anlehnung an die Fußballweisheit "Die Breite ist in der Spitze enger geworden" also bitte: Mehr Breite in der Spitze!
Es kann nicht darum gehen, Pollesch hier zum universalen Vorbild für das deutsche Theater vorzuschlagen. Vielmehr wünscht man sich doch, dass es mehr Dramatiker gibt, die sich auch mal an Kompliziertes ran wagen, länger recherchieren, Gedanken durchformulieren und nicht nur anreißen. Für diesen Wunsch scheint mir Pollesch in diesem Forum zur Chiffre zu werden.




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