Kritikenrundschau zu René Polleschs "Liebe ist kälter als das Kapital"

Komödienunterricht

In der Frankfurter Rundschau (24.9.2007) freut sich Peter Michalzik an der Beiläufigkeit und dem Witz von Polleschs neuer Arbeit: "Um es zunächst mal einfach zu sagen: Pollesch kritisiert hier den heutigen, vor allem medialen Umgang mit der RAF." Im Text fasst Michalzik auch die stereotype Eigenschaft von Polleschs Gesamtschaffen ins Auge: "Die dekonstruktive Zersetzung hat inzwischen eigene theatrale, ziemlich feststehende Schleifen und Loops hervorgebracht, die hier wieder und wieder durchgespielt werden und die erstaunlich nah an der Klamotte sind. Mit seinen Film-, Theater- und Realitätsverlustspielen gibt Pollesch deswegen so etwas wie Komödienunterricht."

Eckhard Fuhr schreibt in der Welt (24.9.2007), dass René Pollesch mit "Liebe ist kälter als das Kapital" ein hochkomisches Spiel zelebriert, dessen Grundgesetz lautet, alles zu verweigern, was uns zu Dienstleistern am Thema macht. "Paradoxerweise wächst aus dieser Art von Drama-Verweigerung ansehnliches Theater." Es werde Slapstick geboten, die gute commedia dell'arte kommt zu ihrem Recht, sogar die Parodie eines Ritterspiels huscht vorbei. "Nur dass das alles das traditionelle Theater als Agentur gesellschaftlicher Anpassung entlarven soll, das will einem nicht so richtig einleuchten."

Auf nachtkritik.de (22.9.2007) schreibt Tomo Mirko Pavlovic, dass sich der Abend in "in bester Pollesch-Manier um die Unmöglichkeit" dreht, "Widerstand zu leisten, zunächst physisch, aber vor allem sprachlich." Moral und Psychologie würden Pollesch genausowenig interessieren wie ein Stück mit irgendeiner zielbewussten Handlung. Dafür aber der "rhetorische Kampfplatz für die Schauspieler, die sich gegenseitig Satzgirlanden aus Paradoxa und oppositionellen Widerhaken um die Hälse wickeln, bis sie japsen." Das Erregungstheater rund um die RAF sei ein Symptom, "ein Zeichen für andere, tiefer sitzende Wehwehchen unserer Gesellschaft. Terrorschauer als Placebo."

Weder ansehnlich noch einleuchtend findet Gerhard Stadelmaier in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (24.9.2007) Polleschs "szenisches Diskursgeplapper": Fünf "theaterwohlstandsverzogene aufgedrehte Gelangweiltheitsspieler" würden an den Fäden einer Theorie zappeln, "die aus der herrlichen Banalität, dass Theater nicht die pure, nackte, terroristische Wirklichkeit ist" die Lizenz herleite, "die persönliche Verzweiflung des Schauspielers zum Öffentlichen aufzublasen."

Obwohl Polleschs Inszenierung nur sehr assoziativ mit dem Schwerpunkt "Endstation Stammheim" zu tun habe, ruft sie Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (24.9.2007) zum "gewichtigsten Teil" des Stuttgarter Eröffnungswochenendes aus. Mit seinen Schauspielern untersuche Pollesch "in typisch hysterischer Manier die grundsätzliche und auch heute gültige Frage, welche Rolle Pose und Selbstinszenierung im Akt der Rebellion spielen." Das liefere "keine politischen Antworten, sondern anregende Stoßseufzer über den Inszenierungs-Absolutismus unser medialen Gegenwart."

In den Stuttgarter Nachrichten (24.9.2007) weist Nicole Golombek auf Polleschs großartige Schauspieler hin und auf "ihr Unbehagen, ein Spiel zum Terrorthema zu liefern … Die Lust der wohlsituierten Bürger (und Theaterleute) am wohligen Schauer des Schreckens wollen sie nicht bedienen, sie wissen aber auch: sich außerhalb des Systems zu stellen, ist nicht möglich, die Verweigerung bedient letztlich das System."

Katrin Bettina Müller schreibt in der taz (25.9.2007), dass Polleschs Stück nur wenige Bezugspunkte zu den Siebzigerjahren anbietet, aber "seine Theatersprache geprägt ist vom Zweifel an jeder Konvention und dem Sinn von Regeln, die immer auch hierarchische Strukturen spiegeln." Dass Realitätserfahrung nur über Action zu haben sei, ist einer der Mythen, die Pollesch unablässig unterläuft, schreibt Müller. Und er torpediert das unter Künstlern beliebte Selbstverständnis, dass Kunst per se irgendwie widerständig sei.

In der Zeit (27.9.2007) fasst Peter Kümmel zusammen: "Pollesch bleibt weiterhin (...) der große, autonome Spieldienstverweigerer des deutschen Theaters". Pollesch spreche nicht vom deutschen Herbst, sondern vom Terror, der in jeder Sekunde in und zwischen uns allen waltet, der Terror "der Regulierung, Entstellung, Züchtigung und Zurichtung von Leben". Und natürlich, zitiert Kümmel den Regisseur, glaube Pollesch nicht an "den Sport, in den Schauspieler verwickelt werden, der Hamlet oder Medea heißt" und genauso wenig, so Kümmel, glaube er an "das Leben, in das Hinz und Kunz verwickelt werden".

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