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Sechs E-Mail-Fragen an René Pollesch

Nichts wird wieder!

1. Ihr nächstes Drama – worum geht es?

Der Titel ist jetzt "Tal der fliegenden Messer". Es gibt gerade dieses Gerede vom "Berührtsein" und das bringt viele zum "sich einkitschen". Aber der Schmalz, das "Berührtsein" funktioniert nicht mehr. Es kann auch niemand mehr heucheln, dass ihn die Leben um ihn herum berührn. Das funktioniert nicht mehr. Wir brauchen andere Berührungen. Und da liegt etwas, womit man sich beschäftigen kann: die Leben berührn sich vielleicht nicht mehr in der Gemeinsamkeit, die wir aufgefordert sind uns dauernd zu erzählen. Die Frage könnte aber sein, wo berührn sie uns wirklich, also wo haben wir mit ihnen zu tun? Mit den anderen konkreten Wesen?

Auf youtube gibt es ein Interview mit Ulrike Meinhof. Vom voiceover wird sie dauernd als schlechte Mutter denunziert. Aber sie kommt doch dazu immer die gleiche Wendung einzuschleusen: "Wenn man eine Frau ist und keine Frau hat, muss man das alles selber machen, (sie redet da von Kindererziehung), und das ist schwer, schwer, unheimlich schwer!" Sie sagt das mehreremale. Und das entgeht dem Denunzianten, der die OFF-Stimme ist. Dass sie nach einer anderen Berührung sucht als die mit dem, mit dem sie die Kinder hat. Sie versucht sich eher zu "infiziern" mit Ähnlichkeiten, nämlich mit den Ähnlichkeiten mit den anderen, die es sehr sehr schwer haben. Und nicht mit dem Typen, mit dem sie das Kind hat. Also unser Stück geht darum, dass wir erstmal entdecken müssten, wo wir uns berührn. Und nicht, dass uns Familie, Moral und Psychologie diktiern, dass und was wir miteinander zu tun haben.

2. Welchen Einfluss haben Wettbewerbe wie der in Mülheim auf Ihre Kunst?

In dem Fall die Einladung in Mülheim ein Stück zu produzieren. ("Tal der fliegenden Messer. Ruhrtrilogie Teil 1", Premiere am 7. Juni im Rollende Road Schau-Zelt am Stadthallengarten in Mülheim an der Ruhr; die Red.) Christine Gross hat dort einen Schleef workshop gemacht etc.

3. Was ist für Sie ein gutes Drama?

Ich würde einen dramatischen Gedanken, der vielleicht auf einer Bühne geäussert werden könnte, vorziehen.

4. Welches ist Ihre Lieblingsstelle (-szene, -zitat) aus "Liebe ist kälter als das Kapital"?

Ich glaube, der Titel. Einfach aus dem Grund, dass niemand ihn lesen kann. Man liest ihn meistens als sein Gegenteil: Das Kapital ist kalt oder so. Da sind wir schon bei der nächsten Frage...

5. Wie wünschen Sie sich den Umgang eines Regisseurs mit Ihren Stücken?

Man kann schon mal den Titel nicht lesen. Weil man denkt, das ist ironisch gemeint oder man überliest ihn... Und das ist genau der Umgang, den ich mir nicht wünsche. Man kann ihn auch nicht sprechen. Man wird irgendwie immer das kalte Kapital sprechen, und die dann doch wärmende Liebe, wenn die grosse Liebeskrise wieder überstanden ist. Das Theater sagt eigentlich dauernd: Das wird schon wieder! Regisseure die darauf nicht mit Unbehagen reagiern... solche Leute kenn ich gar nicht.

6. Hat Sie bei der szenischen Umsetzung Ihres Textes etwas überrascht?

Es gibt bei den Proben immer genug Leute, die einen überraschen.

(Anmerkung der Redaktion: Wir haben es unterlassen, in die Orthographie des Autors einzugreifen.)

Weitere Texte in unserem Pollesch-Dossier: Stückkritik und Werkporträt.

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