Das letzte Feuer – Dea Loher befragt den großen Zusammenhang

Die Gemeinschaft der Versehrten

von Dirk Pilz

Ein Kind stirbt, es ist der achtjährige Edgar. Er stirbt bei einem Autounfall an einem heißen Augusttag im "Glasscherbenviertel ohne Zukunft" einer namenlosen Stadt. Die junge Polizeihauptmeisterin Edna glaubt, den "landesweit gesuchten" Autobomben-Attentäter gesichtet zu haben, "das Böse auf Rädern". Der vermeintliche Attentäter rast durch die Straße, Edgar erschrickt – und läuft Edna ins Auto. Der Gejagte ist aber nicht jener gesuchte Attentäter, sondern Olaf, "der Vogel aus dem Koksofen mit einem gestohlenen Auto". Und Edna ist schuld am Tod des Kindes? Oder Olaf? Vielleicht die Straße, aufgerissen "auf ganzer Breite, dann / zugeschüttet / Aber nie geteert", am Ende womöglich die Zustände in diesem "vergessenen Stadtteil, kurz vor Ödnis Brachland"? Es gibt für den Unfall nur einen Augenzeugen, und dieser Augenzeuge ist ein Fremder: Rabe Meier, ein Soldat mit traumatischer Kriegserfahrung, der "länger als vierundzwanzig Stunden" seine Nägel feilt, "mit einer Eisenfeile" bis "kein Fleisch mehr an den Kuppen" ist.

Was geschah an jenem heißen Augusttag? Die Ausgangssituation in Dea Lohers ausladendem Drama "Das letzte Feuer" ist ein justiziabler Tatbestand. Und auch das dramatische Verfahren ist der Kriminologie entlehnt: In 33 Szenen und einem Epilog werden Indizien gesammelt und Zusammenhänge rekonstruiert, kommen die Verwandten und Bekannten des Toten zu Wort. Es geht um die Schuld-Frage, und es wird keine Antwort geliefert. Denn nicht die Schuld im juristischen Sinne ist Gegenstand der Nachforschung Dea Lohers, es sind die seelischen und psychischen Früh- und Spätfolgen, jene "Spuren", die erfahrenes Unglück hinterlassen.

Schicksal, Zufall oder Willkür?

Insofern ist "Das letzte Feuer" ein Drama über die "Gedächtnisuntiefe" jeder Seele, darüber, wie ein Leben durch das Erlebte "zugrunde gefetzt" wird; und darüber, wie man mit Erfahrungen fertig wird, die das Fassungsvermögen des Verstehens übersteigen. "Ich kann nicht herausfinden, wie das alles zusammenhängt, was Ursache und was Wirkung ist", sagt Edgars Vater. Er sagt es stellvertretend für alle acht Figuren, die beinahe jede Möglichkeit durchbuchstabieren, sich einen Zusammenhang zu erklären: vom "Schicksal" über den "Zufall" bis zur "Willkür des alten Gottes". Folglich wird keine Handlung entwickelt, sondern ein soziales Netz um das geschehene Unglück gelegt. Die Mutter des toten Jungen beginnt mit Rabe ein Liebesverhältnis, die Großmutter vergisst immer wieder, dass Edgar gestorben ist. Edna fantasiert sich selbst in eine Terroristen-Rolle hinein und ihre krebskranke Freundin Karoline ist die Geliebte von Edgars Vater Ludwig.

Man hat es mit einer untergründig ineinander verwobenen Gesellschaft der "Versehrten" zu tun, in der alle von einer unheilbaren Krankheit befallen sind: der "Grübelstechmarter", hervorgerufen durch die Unfähigkeit, zu "vergessen, was zu vergessen ist". Dea Loher ist dabei – wieder einmal – maßlos in der Ansammlung an Krankheitsformen: die krebskranke Karoline, der kriegsverstörte Rabe, die Alzheimer-kranke Rosemarie, die Edgar-Mutter Susanne. Mit jeder Figur wird das Leben gleichsam vom Sterben her aufgezäumt. "Das letzte Feuer" ist ein Gedicht, ein zeitgenössisches Oratorium vom Dasein als Krankheit zum Tode. Der Refrain lautet: "Der Tod war schneller als das Leben."

Utopie des Neuanfangs durch Auslöschung

Deshalb sprechen zwar alle Figuren in ihrem eigenen Seelenidiom, aber mit einer Stimme. Sie gehören zu jenem "WIR" als fiktive Erinnerungs- und Untersuchungsinstanz: "Wir, die wir diese Geschichte erzählen / Uns gibt es womöglich gar nicht" beginnt die zweite Szene. "Wir, kehren die Scherben auf / Und fügen sie zusammen / Ein zersprungenes Irgendetwas". Dieses WIR will nicht erklären, es will erzählen, festhalten, Widersprüche versammeln. "In dem hie und da irgendetwas zu erkennen ist / Können wir uns verstehen / Verstehen / Davon war nie die Rede."

Davon ist nie die Rede. Denn Loher ist an der Seelen-Gestimmtheit, nicht an den psychologischen Motiven ihrer Figuren interessiert. Sie holt darum deren "lodernden" Schmerz, die "Einsamkeit" und "Enge" des Herzens gleichsam in ihre Sprache hinein. Die Szenen pendeln zwischen nüchternen Erzählberichten und schnellen Dialogen, gebetsartigen Meditationen und obsessiven Reflexionen. Sie ziehen alle exzentrische Kreise um die eine, große, letzte Frage: die Frage nach dem Sinn. "Ist Gott also ein Verbrecher? Oder warum ist mein Junge tot", fragt Susanne, "ist sein Tod vernünftig, weil er wirklich ist. (...) Oder ist alles scheißegal." Am Ende prügelt Rabe seine Geliebte, Edgars Mutter Susanne, blutig und überschüttet sich mit Benzin. "Er brennt / Das letzte Feuer / Das erste Feuer". Am Ende mündet dieses dramatische Gedicht in eine Utopie: in die Utopie des Neuanfangs durch Auslöschung.

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