Dea Lohers Dramatik der ersten und letzten Fragen

Briefe an den abwesenden Gott

von Dirk Pilz

"Was gibt es Schöneres als einen Menschen vor dem Ertrinken zu retten."
aus: "Unschuld"

I

Dea Loher gelesen, traurig geworden. – Das darf man eigentlich nicht machen, einen Text mit einem Bekenntnis anfangen. Aber Traurigkeit ist vielleicht doch die Schlüssel-Erfahrung beim Lesen von Dea Loher-Stücken. Eine Traurigkeit, die zunächst aus dem Ton entsteht, den ihre inzwischen 15 größeren Dramen anschlagen. Er speist sich aus dem Wechsel von lyrischen und prosaischen Passagen, von schnellen Dialogen und epischen Monologen. Die Grundtonart ist dabei keineswegs nur auf Moll gestimmt, es treten auch keine Trauervirtuosen und Mitleidsschinder auf, sondern Mörder und Vergewaltiger, Mütter und schöne Frauen, Asylanten und Gauner, Revoluzzer und schüchterne Herren, Blinde, Huren und Soldaten.

Allerdings sprechen sie nicht nur fortwährend vom fernen Gott und der großen Liebe, dem Tod und der Sehnsucht nach Erfüllung, sie sind auch immerfort damit beschäftigt: In jedem Satz schwingen als Basso Continuo die letzten Fragen und ersten Dinge mit, jedes Wort scheint sich gen Himmel und zur Hölle zu strecken. Wo die Sprache derart unverfroren nach dem Absoluten greift, rührt sie unweigerlich an die "allem endlichen Leben anklebenden Traurigkeit". So sagt es Schelling, ein Geistesverwandter von Dea Loher. Sie sind beide Philosophen im Fachbereich Metaphysik, Spezialgebiet Traurigkeitsforschung.

II

Man kann Dea Lohers Dramen darauf testen, wie lange es dauert, bis zum ersten Mal das Wort Schuld fällt, bis eine Figur von Glück spricht und Unglück meint, bis Missverständnisse in Gewalt und Traurigkeit in Schweigen umkippen – und bis Gott ins Spiel kommt. Es dauert meist keine drei Szenen. Fadoul und Elisio zum Beispiel, die beiden schwarzen Immigranten in "Unschuld", die eine Frau beobachten, wie sie ins Wasser geht. Sie schreiten nicht ein, glauben sich deshalb schuldig – und wollen "wissen, wie sich das Wissen über die Schuld verteilt". Später findet Fadoul eine Tüte: "Ich sagen Ihnen, was ich glaube. (...) Gott ist in dieser Tüte." In dieser Tüte ist Geld. Und "der Gott in der Tüte sagt: Gib dir ein bisschen Mühe! (...) und der Gott in mir antwortet: Etwas Großes werde ich tun!" Fadoul bezahlt eine Augenoperation für ein blindes Mädchen, das er liebt; das Mädchen heißt Absolut, die Operation misslingt und die Liebesgeschichte zwischen Fadoul und Absolut findet keine Erfüllung, keine alltagstaugliche Form.

In "Leviathan" stellt sich Luise entsprechend vor, einen Menschen zu lieben "bis in den Tod, (...) so dass man eine Erfüllung hätte / in seinem Leben / die sich in eine Erlösung verwandeln würde". Erlösung hieße, dem Sterblichkeitsdiktum zu entrinnen, hieße seine Erfüllung in einem Gnaden-Gott zu finden. Dieser Gott aber ist tot, und zurück bleibt eine leere Hoffnung: "Es ist kein Ruhen in der Welt". Luise, "die junge Protestantin", träumt deshalb vergebens von der "rücksichtslosen Hingabe / an das was man als das Richtige erkannt hat", dem man alles opfern könnte, "die eigene Schuld und / die fremde Schuld". Dabei bedient "Leviathan" gerade keine christlichen Märtyrerphantasien, sondern handelt von der RAF und der Unmöglichkeit, das "Richtige" zu erkennen. Es ist ein Drama über Erlösungsbedürftige in einer Welt ohne Erlöserinstanz. Wieder.

Stets trifft man bei Dea Loher daher auf Verfolgte, verfolgt von der dem Leben "anklebenden Traurigkeit", aus der nur ein Gott oder die Liebe zu befreien vermögen. Gott jedoch ist unauffindbar, und die Liebe? "Über die Maßen" liebt Julia in "Blaubart – Hoffnung der Frauen" ihren Heinrich. Für Heinrich sind das "nur Worte", denn "wo ist das Gefühle dafür"? Für Julia dagegen sind diese Worte Grund zum Sterben: Um ihre grenzenlose Liebe zu beweisen, vergiftet sie sich. Die Maßlosigkeit tötet sie, weil ihr Begehren ein unerfüllbares ist. Eine schier ausweglose Logik. "Der Ausweg ist die Leere. Das Vergessen.", sagt die inhaftierte und gefolterte Olga in "Olgas Raum", Dea Lohers frühem Stück, das von der im KZ Ravensbrück ermordeten brasilianischen Kommunistin Olga Benario erzählt. Vergessen aber hieße "geistlose NurGegenwart", und das heißt: "Ich foltere selbst. Foltere jeden, der mir über den Weg kommt. Am Ende mich selbst."

III

In den Tagen, in denen dieser Text geschrieben wird, ist Dea Loher wieder einmal auf Reisen und meldet sich per Mail. "erst naher osten, genauer israel, wo ich irgendwie zwischen tel aviv und haifa und ramallah herumdüsen werde, und dann uruguay und argentinien. ja, komische kombination, wie das leben so spielt." Wie das Leben so spielt.

Auf die Frage nach dem Großaufgebot an schwerstem Begriffsgeschütz in ihren Dramen schreibt sie: "katholische sozialisation, was soll man machen. schuld, erlösung, reinigung, läuterung, das verfolgt einen das leben lang." Was soll man machen.

Loher schreibt, wenn sie an ihren Texten arbeitet, nicht nach einem Themen- oder Handlungsmasterplan. Fast scheint es, als passierten ihr die Stücke mehr – was allerdings umso energieaufwendiger ist. Denn Texte passieren nur dem offenen, gut vorbereiteten, willigen Geist. Bei ihr bilden sie sich immer um einen Kern herum: Er, der Text, "soll schon lieber organisch wachsen, mit angelagerten schichten und allen möglichen sedimenten, als konstruiert zu sein; und das ist schwer genug. man muß die nerven spüren."

Spüren also. Die Nerven spüren. Aus Ramallah teilt sie mit: "ich habe ueberhaupt keine szenische fantasie, koennte niemals selber etwas inszenieren. ich HOERE den text zuerst. spaeter bei der inszenierung ist fuer mich entscheidend, ob der rhythmus, die atmosphaere stimmt, ob ich das wiederfinde im raum und in den koerpern und in der bewegung auf der buehne und in der sprache, was ich selber (innerlich) gehoert habe."

Seit Jahren stimmt für Dea Loher der Ton in den Arbeiten Andreas Kriegenburgs, der elf ihrer Texte zur Uraufführung verholfen hat. Sie wurde 1964 in Traunstein geboren, er 1963 in Magdeburg; sie hat Philosophie studiert, er kam über einen Handwerksberuf zum Theater. Sie stammen aus verschiedenen Welten und finden immer wieder zu einer Sprache. Denn Kriegenburg bringt präzise Atmosphären auf die Bühne, genau strukturierte Stimmungen, getragen von symbolträchtigen Räumen. Lohers Sprache gewinnt so an Konkretheit, ihre Figuren finden zu szenischem Halt. Das Duo Loher-Kriegenburg ist inzwischen eine feste Institution im Theaterbetrieb, die den steten Beweis antritt, dass Text und Regie sich gegenseitig aufzuhelfen vermögen. Das seltene Glück einer Seelenverwandtschaft.

IV

Die Lieblingsregieanweisung Dea Lohers ist "Schweigen". Schweigen jedoch ist ihren Figuren nicht möglich, zu sehr sind sie von Erlösungssehnsucht, Angst, Seelenunruhe gepeitscht. Sprechen aber befördert unentwegt Missverständnisse, feuert den Erinnerungshorror an, mündet in Gewalt. "Die Wörter schlachten einander ab", steht in "Das letzte Feuer", Lohers jüngstem Großdrama. Wörter in der Schlacht um Erkenntnis, auf der Suche nach der "Verbindung nach Draußen" und Drinnen zum Gefühl: Lohers kunstvolle Sprache ist immer in Aufruhr.

Wolkige Entrückungskunst verfertigt Loher jedenfalls nicht, realistische Sozialdramatik allerdings auch nicht. In "Manhattan Medea" erzählt sie von Medea als Balkan-Flüchtling, die daran scheitert, sich der neuen Manhattan-Welt anzuverwandeln; in "Tätowierung" schildert sie einen Fall von sexuellem Missbrauch in der Familie; in "Das Leben auf der Praça Roosevelt" blickt sie unsentimental auf den brasilianischen Straßenalltag, den sie selbst für ein Jahr erlebt hat. Es sind unbestechliche Porträts einer unbefriedeten Gesellschaft, aber keine Ab-, sondern Vexierbilder von ihr.

Man hat in Loher deshalb auch eine Nachfahrin Brechts gesehen, der politisch interessierten Verfremdungstechnik wegen, mit der sie ihre und unsere Gegenwart gegenzeichnet. Verfremdung heißt bei ihr allerdings vor allem: die Figuren philosophisch-theologische Begriffe und Denkweisen verwenden zu lassen, während sie in einem gänzlich säkularen Kontext auftreten. "Ich bin nur ein Mensch / und trotzdem", sagt Adam Geist in dem gleichnamigen Stück, mit dem Loher 1998 den Mülheimer Dramatikerpreis gewann. Trotzdem begreift der Mörder Adam Geist sich als "das Ebenbild Gottes". Doch "Gott ist tot", das sagt er genauso. Was bleibt, sind böse Geister, Angst- und Schuld-Gespenster. "Du rennst und rennst, aber die Dämonen sind immer da."

V

"Ich habe immer darauf gewartet, dass mein Leben ein Ganzes wird. Schön blöd was." resümiert eine der Figuren in "Das letzte Feuer". Ein Ganzes. Die Texte von Dea Loher schüren im Leser immer dieses Verlangen nach dem Ganzen, nach einer Antwort auf die letzten Fragen, um sie danach unweigerlich auf’s Gründlichste zu enttäuschen. Man bekommt eine Sehnsucht geschenkt und wird mit der "allem endlichen Leben anklebenden Traurigkeit" entlassen.

"Kleines Gebet könnt jetzt nicht schaden", findet der Notarzt Jurek in dem Kurzdrama "Sanka", nachdem er einem schwer verunglückten Patienten die Todesspritze verordnet hat. "Hab ich direkt keins parat", antwortet der Assistent.

Kommentare (0)add comment

Kommentar schreiben
kleiner | groesser
 

busy