Kritikenrundschau zu Dea Lohers "Das letzte Feuer"

Als wäre Gott nicht tot

In der Frankfurter Rundschau (28.1.2008) wagt Peter Michalzik einen großen Vergleich: Lese man zum ersten Mal Kafkas "Urteil", so stehe man "erst einmal mit offenem Mund da, erschüttert, verunsichert, erregt. Etwas davon hat auch das neue Stück von Dea Loher". Denn "Das letzte Feuer" stelle "hartnäckig, gnadenlos, unersättlich die Frage (...), was es ist, das zwischen diesen – oder den – Menschen eine Verbindung herstellt. Was macht Gefühle, Verständnis, Vertrauen? Lange wurde diese Frage nicht mehr so intensiv gestellt." Es sei dabei eine "Eigenart von Lohers Stück, wie es im Sozialen herumbohrt. Es gebe in ihm "die witzige Seite des Nichts. Auf der anderen Seite liegen die einsame Verzweiflung und die endlose Traurigkeit. Auch weil sie nebeneinander bestehen", sei es "ein großer Text". Die stetig sich drehende Bühne, die Andreas Kriegenburg und Anne Ehrlich für ihre Uraufführung verwendet haben, sei "monoton bis zum Hypnoseschlaf und funktioniert trotzdem. Nachdem man es gesehen hat, lässt sich keine überzeugendere Umsetzung vorstellen." Zumal die Schauspieler allesamt konzentriert spielten und "mit Loher unnachgiebig in diesen Figuren" herumbohrten.

Christine Dössel nennt Dea Loher in der Süddeutschen Zeitung (29.1.2008) die "Mater dolorosa unter den deutschsprachigen Dramatikern". Das Leid, das sie in ihren Dramen jeweils aufhäufe, überfordere selbst "harte Realisten". Aber so "feinnervig", wie sie es dann gestalte, hätte es auch eine gewisse poetische Natürlichkeit. Der Trost liege jeweils in der "Gemeinschaft der Leidtragenden". Auch "Das letzte Feuer" erzähle von einem "kollektiven 'Wir" und sei "sehr versiert geschrieben, poetisch, lakonisch und traurig-komisch zugleich". Die permanente Drehbewegung, in der Andreas Kriegenburg und Anne Ehrlich dies dann allerdings am Thalia Theater zeigen, sei eine "mechanisch-elegische, waidwund zelebrierte Schmerzens-Rotation".

Dea Loher erschaffe in ihren Stücken "eine bilderreiche Trostlosigkeit", meint Katrin Ullmann im Berliner Tagesspiegel (28.1.2008). Und auch "Das letzte Feuer" sei "berührend, traurig und doch voller leisem, feinem Humor". Die immerzu sich drehende Drehbühne der Uraufführung aber hat Katrin Ullmann missfallen: "Dass diese spielerisch gemeinte Idee (...) eher verspannte Auf- und Abtritte, eine schlechte Akustik und jede Menge Timing-Probleme mit sich führen würden", habe Regisseur Kriegenburg offensichtlich nicht bedacht. Dem Bühnengedrehe falle "auch Kriegenburgs übliche theatrale Bilderwelt zum Opfer. Er inszeniert Lohers Text zwar angenehm unpathetisch, doch gleichermaßen technisch. Kaum eine so ausgearbeitete Szene, dass sie über die Parkettreihen hinaus verständlich wäre. Inhalt, Sprache und Stimmung bleiben auf der Strecke."

Laut Frauke Hartmann (nachtkritik.de, 27.1.2008) ist Dea Loher "eine Meisterin der Sprache". Auch dieses Stück bestehe "nicht aus Handlung, sondern aus einer in Dialogen verpackten und sich langsam enthüllenden kollektiven Erzählung". Von einem Fremden erfahren wir, "dass er sich über 24 Stunden in einem Pensionszimmer die Nägel gefeilt hat, schreiend, blutend, bis kein Fleisch mehr auf den Knochen war." Ein Bild, vor dem man nicht wie im Kino die Augen verschließen kann. Diese Bilder im Kopf füllt Kriegenburg mit Fleisch und Blut. Denn er erfinde "zum Schmerz in Lohers Sprache (...) das Kino" und liefere so "einen neuen Beweis für die traumwandlerisch funktionierende kongeniale Zusammenarbeit" mit Loher: Er verhelfe ihrem Stück "zum Triumph".

Matthias Heine
stellt in der Welt (28.1.2008) fest, dass es Dea Loher "nicht um Realismus" gehe: "Deshalb reden ihre Abgestürzten auch in einer hochtönenden poetischen Sprache, die klar macht, dass sie (...) vor allem im Reich der Kunst leben." Und wenn "ein 'Wir' wie der Chor in der antiken Tragödie die Geschehnisse kommentiert, liest sich das gar wie freirhythmische Odenstrophen". Und in diesen "lyrischen Höhen" werde "sogar noch richtig altmodisch mit Gott gehadert als wäre er nicht tot". Man könne zwar "zweifeln, ob Lohers Stück wirklich die Sterne erreicht, nach denen es greift. Unbestreitbar ist, dass die Schauspieler" es in Kriegenburgs Insznierung spielen, "als wäre es schon jetzt eine große Tragödie der Weltliteratur". Vor allem Susanne Wolff: Ihre brustamputierte Lehrerin strahlt so mysteriös schön, wie man es nie geahnt hätte, "als man bei der Stücklektüre noch über diese allzu ausgedachte Gestalt die Nase rümpfte."

Simone Kaempf
findet in der taz (29.1.2008), dass Dea Lohers "sprachgewaltiges" Stück den Vergleich mit dem Film "Babel" "nicht zu scheuen" braucht. "In 34 Szenen kreuzen sich die Leben vieler verschiedener Figuren: der Eltern und der hinterbliebenen Familie, der Nachbarinnen, der Polizistin, die einen zugekoksten Autoraser verfolgte." Auch Anne Ehrlichs Drehbühne ist für sie kein Grund, sich zu beklagen. "Manchmal möchte man sie anhalten und die Bilder einfrieren, die von schöner leiser Trauer sind." Trotzdem: "Kriegenburg schafft es zwar, den Raum mit Gefühlen zu füllen und ihn wieder zu leeren, aber die glaubhafte Wendung ins schaurige Drama nimmt die Inszenierung nicht. In der Wohnung mit den abgeschlagenen Kacheln, vergilbten Tapeten und veraltetem Mobiliar erzählt sie mehr von sozialen Problemen, von Armut, Ausgrenzung und Blindheit den nächsten Menschen gegenüber. Und sie schaut mit liebevollem Blick auf die Wiederholungen des Alltags: das tägliche Aufstehen, Anziehen, Kaffeekochen, in dem auch tröstende Kraft stecken kann, immerhin."

Einen "erbarmungslosen Ringelreihen von Verzweiflung, Verlust, Krankheit, Schuld und Tod", nennt Christian Stöcker auf Spiegel online (27.1.2008) Lohers Stück. Kriegenburgs Urauffführung sei ein "schwindelerregender Traumatanz" und eine "vitale Demonstration dessen, was das Theater heute noch kann". Dabei sei die "Ansammlung Leidender, die Dea Loher zusammen in dieses Rennen ohne Ziel schickt, grotesk." Trotz der "permanenten Bewegung" geschehe auf der Bühne "fast nichts". In "einem stetigen Strom der Worte wird die Geschichte von einem zum anderen weitergereicht, mehr Prosa als Dialog".

Für Barbara Burckhardt (Theater heute, 03/08) ist "Das letzte Feuer" ein Text "mit einer fast unabsehbaren Anhäufung von Unglück, Leid, Mord und Tod, und kein Erlöser weit und breit". Dieses "verwickelte Schmerzensszenario wäre nur abstrus" zu nennen, "käme es als realistisches Drama daher". Das würden die "vertraut klingenden Alltagsnamen, die präzisen Berufsbezeichnungen" zwar einerseits nahelegen, werde aber andererseits von Lohers Sprache "sofort konterkariert". Denn "über weite Strecken stürzt sie sich tollkühn in ein durchaus nicht pathosfreies, rhythmisch gebundenes Sprechen". Die Figuren seien "Jedermann und Jederfrau, ihre traurigen Geschichten ein großer Klagegesang aus einer dem Zufall unterworfenen Welt ohne Sinn, Schönheit und Verstand, deren einzige schwache Hoffnung darin liegt, dass sie sich im dissonanten Chor der Vielen, fragmentiert, erzählen lässt. Noch. Ein Wir, das sich verfehlt, aber sucht". Kriegenburgs Inszenierung finde für das "Lohersche Verfahren aus Scheinrealität und Überhöhung" eine "beeindruckende szenische Entsprechung: die Drehbühne mit einem "lange nicht mehr gesehenem detaillierten Requisitenrealismus", die nach einer halben Stunde nerve, dann aber einen "somnambulen Sog" entwicklet. Und in ihr lauter "Unglücksraben von schönster spielerischer Präzision".

Wegen ihrer "ungewöhnlichen Form" seien die Stücke Dea Lohers eine "echte Herausforderung" für das Theater, befindet Patricia Seeger im Abendjournal von NDR 90,3 (28.1.2008): "Denn meist gibt es nur wenig Dialoge, dafür lange Prosapassagen, in denen wie in einem Buch einfach nur erzählt wird." In "Das letzte Feuer" gehe es um die "Zerbrechlichkeit von Beziehungen und den Umgang mit Verlust. Alle acht Figuren haben ein Trauma erlitten." Es sei die verzweifelte Suche der Menschen nach dem Glück, die Dea Loher in ihrem Stück schildert. "Glück in einer schwerzerfüllten Welt, wo Einsamkeit, Tod, Krankheit und Gewalt zum Alltag gehören." Dafür habe Kriegenburg "passende und eindringliche Bilder" gefunden. Ein "großartiger Theaterabend" mit großartigen Schauspielern.

Seitdem Dea Loher "vor ein paar Jahren" mit Andreas Kriegenburg im Thalia Theater das "Magazin des Glücks" aufgeblättert hat, kreisen ihre Stücke "um die Frage, was Glück sein kann", schreibt Klaus Witzeling im Hamburger Abendblatt (28.1.2008). "Gegen die Widerstände in der Wirklichkeit suchen ihre Figuren auch neuen nach Arbeit, Liebe, Erfolg, Geborgenheit, Wärme und einem sicheren Platz in den unsicheren Zeiten von Globalisierung, Krieg und Terrorismus." In der "bewährten Mischung aus Erzählung und Spielszenen wahrt die Dramatikerin Distanz zu den Charakteren, vertraut aber – im Gegensatz zu ihnen – den Worten, schenkt ihnen durch poetische Sprache und wortspielerischen Witz Plastizität – ohne dass sie prätentiös oder gekünstelt wirken". Dies sei aber auch dem Regisseur und dem "großartigen Ensemble" zu danken. Kriegenburg zeigt sich dabei mit seiner "dokumentarfilmisch zurückgenommenen, doch genauen Regie von neuer Seite" und überrasche wieder einmal: "Gefangene ihrer Glückssuche sind zu sehen, dennoch beglückt der Abend".

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