hamlet ist tot. keine schwerkraft – Ewald Palmetshofer schickt seine Figuren mit Kunstsprache in die Warteschlaufe

Über dem Vorstadtparadies ist der Himmel leer

von Andreas Klaeui

Die Situation könnte von Yasmina Reza erfunden sein: Gespräche nach einer Beerdigung ("Conversations après un enterrement" heißt eines ihrer Stücke). Die Dani und der Mani, "eine Tochter" und "ein Sohn", kommen aus der Stadt noch einmal nach Hause, zum Fünfundneunzigsten der Oma, aber auch zum Begräbnis vom Hannes, dem Schulfreund. Sein Vater hat ihn mit dem Jagdgewehr erschossen, weil er Geld für Drogen klauen wollte. Und hinterher gleich sich selber aus Verdruss über den Ehebruch der Gattin mit Danis und Manis Vater. Also gibt es nach dem Schweinebraten ein Begräbnis.

Dort sind auch Bine und Oli, ebenfalls von früher und – bis zu ihrer Heirat – nicht ganz unkompliziert über Kreuz verbandelt mit Mani und Dani. Und zu Hause wartet Caro, "eine Mutter", mit den Schweinebratenresten und möchte der Oma am liebsten eine Schnur am Treppenabsatz spannen, damit sie sich endlich das Genick bricht; und Vater Kurt, der immer alles positiv sieht. Und alle warten darauf, dass sich endlich etwas ereignet.

Raus aus dem Bühnentopf der Salon-Gestimmtheit

Wie die kleinen Peinlichkeiten, die großen Monstrositäten hier so ganz beiläufig an den Tag finden, auch dies könnte sich in Yasmina Rezas Dramaturgie nicht schöner entfalten. Ein Familien- und Freundestreffen, doch hinter dem Vorstadtparadies lauert die Hölle. Dennoch würde niemand Yasmina Reza und Ewald Palmetshofer in einen Bühnentopf werfen wollen. Aber wieso denn nicht?

Der Sprache wegen. Wo sich Rezas Komödien in der Salon-Gestimmtheit der Pariser Faubourgs zentrifugal versprühen, hat Palmetshofers Sprache, was seine Figuren nicht haben: eine Schwerkraft. Palmetshofers Sprache ist eine sehr konkrete, sehr anschauliche Sprache. Dialektal und salopp zeigt sie sich und ist dabei ein hochartifizielles Konstrukt. Da ist nichts dem Alltag abgehorcht, alles von A bis Z künstlich produziert und sehr bewusst musikalisiert. Das Paradox ist, dass diese Sprache ihre Erdung just aus einer abgrundtiefen Sprachskepsis bezieht. Palmetshofers Figuren sprechen die Kunstsprache, die sie sprechen – und die sie alle gleichermaßen sprechen, weil ihnen Sprache als kommunikative Basis gerade abhanden gekommen ist.

Und was ist dein Hiroshima?

Folglich können sie auch keine je eigene sprachliche Ausprägung haben. Worin Palmetshofers Figuren sich unterscheiden, ist nicht ihr Diskurs, sondern seine je unterschiedliche Gerichtetheit. Und auch da ist es mit den Unterschieden im Grunde nicht so weit her: Alle teilen sie eine Form von gemeinsamer Erschütterung, eine unbestimmte Sehnsucht, die der Text auch gar nicht näher einkreist oder konkret macht; Palmetshofers Figuren befinden sich gleichsam in einer ständigen Warteschlaufe. Sie warten auf einen Bruch im Gefüge: "Das ist das Ereignis, denkst du dir, das ist deine Revolution, dein Hiroshima, das ist dein 9/11, deine Wiedergeburt, Wende, Taufe, scheiß drauf, Auferstehung, von mir aus, dass du diesen Menschen triffst und plötzlich alles Sinn, plötzlich macht da alles Sinn, wie da plötzlich alles Sinn macht, in diesem Augenblick", sagt Dani in einem Monolog. Aber der Himmel ist leer, nurmehr eine Maschine, in der jeder sein Nümmerchen zieht, wie eine der Figuren sagt, Handeln oder Nichthandeln irrelevant: "Hamlet ist tot" tönt ja fast wie "Gott ist tot".

"Sie hoffen auf ein Ereignis, das Neues möglich macht", erklärt Ewald Palmetshofer, "aber sie können nicht sagen, was das Neue wäre. Weil nur eine Sprache fürs Alte vorhanden ist, und sie das Neue gar nicht formulieren könnten. Schwerkraft ist für mich deshalb nicht unbedingt eine existentielle Metapher. 'keine schwerkraft' rekurriert eher auf eine Fundamentlosigkeit in der Wirklichkeit, was fehlt, ist ein kultürlicher gemeinsamer tragfähiger Grund." Der Schiffbruch einer Epoche in der Einsamkeit.

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