Ewald Palmetshofer – ein Gespräch

Der radikale Theatertheologe

von Andreas Klaeui

Er sagt gern "radikal". Das Mühlviertel, die österreichische Gegend, aus der er herkommt, ist "radikal ländlich"; auch Theologie, sein Fach, hat "was Radikales" mit ihrem Endgültigkeitshorizont. Er hat Theologie und Philosophie durchaus studiert, mit heißem Bemühn, vordem schon Theaterwissenschaft und Germanistik. "Aber", so Ewald Palmetshofer, "ich hatte dabei immer den Eindruck, ich arbeitete nur mit Sekundärbearbeitungen der Themen, die mich wirklich interessierten. Was ich suchte, war ein Denkhandwerkszeug. Das Interesse an einer direkten inhaltlichen Auseinandersetzung, das war für mich der Impuls zum Fachwechsel."

Also: Lehramt Philosophie, Psychologie, Theologie. Psychologie und Philosophie sind in unsern Tagen ja durchaus gängig. Aber Theologie? "Das ist schon a bissl a No-go", gesteht er lachend. "Theologie gilt als radikal unsexy. Meine Überlegung ging dahin, dass das, was mich interessiert, in der Theologie thematisch stärker beheimatet ist. Philosophie war dazu das Korrektiv."

Man kann nicht so glauben, wie man müsste

Wer seine Stücke sieht, wird das nachvollziehen können: Die Themen, die ihn umtreiben, sind tatsächlich auch die Themen der Theologie. Gerechtigkeit, Leid, Tod – "in einem radikalen Sinn, aber ohne die Dinge jetzt aufzulösen, indem man von einer Unsterblichkeit ausgeht". Also kommen wir an einen Punkt, an dem sich die Gretchenfrage aufdrängt: Wie weit bedingt die Auseinandersetzung mit geistlichen Themen, das Studium der Theologie, ähem, schluck, auch Religiosität? Ewald Palmetshofer lacht, er nimmt sich aber auch Zeit für die Antwort. Dann meint er nachdenklich: "Man kann wohl nicht so glauben, wie man denkt, dass man müsste, um Theologie zu studieren."

Das Theologiestudium, sagt Ewald Palmetshofer, war eine "Wette": eine Wette mit sich selbst. "Seit Gott tot, ist der Himmel leer, aber nicht ganz, also fast leer, der Himmel, und drum kann man in einer allgemeinen Topographie des Himmels sagen, dass der Himmel selber zwar leer, aber als solcher, als leerer Himmel ist der Himmel eine Maschine", heißt es in "hamlet ist tot. keine schwerkraft". "Sexy" ist Theologie freilich nicht – aber vielleicht nah beim Theater? Hat nicht die Theologie, namentlich katholischer Observanz, auch eine stark dramatische Seite?

Katholisches Erschütterungstheater

Aufgewachsen ist Palmetshofer in einem 800-Seelen-Dorf im oberösterreichischen Mühlviertel, ländliches ("radikal"!) Industriegebiet an der Pendlerstrecke, orientiert auf Linz und die VOEST-Stahlwerke, für die auch der Vater arbeitete. Kein Milieu, in dem sich die Beschäftigung mit Theater aufdrängt; außer vielleicht bei den Fronleichnamsprozessionen: "Da waren tatsächlich lauter Teilbühnen über den Ort verteilt." Das Erschütterungstheater der katholischen Kirche hat schon "was Eingemachtes", bestätigt Ewald Palmetshofer. Aber das war es am Ende dann doch nicht, was ihn wirklich zum Theater gebracht hat.

Das kam erst später, in Wien, als er Kurzgeschichten schrieb und hernach vorlas – "ich lese irrsinnig gern vor" – und merkte: "Die haben was Performatives." Das haben Palmetshofers Texte in der Tat, das liegt an ihrer Sprache, an ihrem alltagsgesättigten, sehr anschaulichen, auch im positiven Sinne redundanten, dennoch sehr geformten Duktus.

Es ist keine realistische Sprache (auch wenn sie sich diesen Anschein gibt), es ist eine rhythmisierte, sich in immer wiederkehrenden Schlaufen bewegende hochartifizielle Rede. "Dass die Sprache an Alltagssprache erinnert, ist eigentlich nur ein Effekt, der sich beim Zuschauer einstellt", glaubt Ewald Palmetshofer. "Das hat wohl damit zu tun, dass wir auch im Alltag nicht natürlich sprechen. Es ist eine falsche Annahme, die Art, wie wir uns mitteilen, sei urwüchsig – Kommunikation ist immer künstlich überformt. Es gibt keine ursprüngliche Begegnung zwischen Menschen."

Nachdenken über das Ding Sprache

Ewald Palmetshofers Figuren inszenieren ihr eigenes Sprechen. In "hamlet ist tot. keine schwerkraft" etwa gehen sie immer wieder einen Schritt zurück in der Diskurssituation, re-inszenieren ihren Dialog. Sie unterscheiden sich nicht im Sprachduktus, es ist eine Figurengruppe, die aus einem gemeinsamen "Sprachpool" schöpft. Palmetshofer markiert eine deutliche Bruchstelle zwischen Sprache und Sein. "Wo es ans Eingemachte geht, ist Sprache nicht tauglich", meint er. Sie ist kein tragendes Substrat, nicht alles ist sagbar: Momente von Wahrheit können nur im Bruch sichtbar werden, "in Ex-negativo-Momenten, nicht im affirmativen Sinn inszeniert. Wahrheit ist Misstrauen der Sprache gegenüber."

Bevor er anfing, Dramen zu schreiben, verfasste Ewald Palmetshofer Mundarttexte. Da habe er viel nachgedacht "über das Ding, wie man Sprache spricht". Die mundartlich gefärbte Kunstsprache, die ihn heute kennzeichnet, ist auch eine Folge dieser Sprachproblematisierung. Wenn man sie beschreiben will, drängen sich musikalische Termini auf: Fugierung, Engführung, Kanon, Krebs ... – vom enorm musikalisch empfundenen Sprach-Rhythmus ganz abgesehen. Das, sagt Ewald Palmetshofer, erarbeite er sehr bewusst: "Die Musik, die in der Sprache liegt, soll auf einer unterschwelligen Ebene weitererzählen, was nicht gesagt werden kann."

Dann muss hinten auch was raus!

Mit Beginn dieser Saison hat Andreas Beck Palmetshofer als Hausautor ans Schauspielhaus Wien geholt, die Uraufführung von "hamlet ist tot. keine schwerkraft" war seine erste Wiener Premiere und ein Riesenerfolg. Was bedeutet die Hausautorschaft für seine weitere Arbeit? "Viel lesen", sagt er lachend: "Wenn wir planen, wie das Haus in der nächsten Saison programmiert werden kann, heißt das Lektüre, Lektüre, Lektüre. Es ist ein dramaturgischer Blick auf Texte, der dem Autorenblick fremd ist, das ist spannend für mich. Das Wichtigste für mich ist aber die Produktionsbegleitung: ich bin von Anfang an direkt dabei, kann Informationen bereitstellen, Textfassungen anpassen – sehr schnell reagieren. Vielleicht kommt die Regisseurin: 'Hier muss was raus', dann sage ich: 'Gut, dann muss aber hinten die entsprechende Stelle auch raus.' So können wir sehr präzise zusammenarbeiten."

Schreibt er seine Texte den Wiener Schauspielern nun auf den Leib? "Ich versuche, gezielt auf das Ensemble hinzuschreiben, aber was die Körperlichkeit der Schauspielerinnen und Schauspieler dann mit dem Text macht, das ist nicht kalkulierbar. Was zum Beispiel in 'hamlet ist tot' Katja Jung ganz konkret aus dem Text herausholt, so etwas hätte ich nie vorhergesehen. Mein Text signalisiert ja, dass er einen Regiezugriff braucht. Es gibt keine Regieanweisungen, kaum formale Vorgaben. Was dann aber letztendlich auf der Bühne zu sehen ist, ist eine mögliche Form, die mich genauso überrascht."

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