Kritikenrundschau zu Ewald Palmetshofers "hamlet ist tot. keine schwerkraft"

Zelebration der Antikommunikation

Eva Maria Klinger zitiert Schauspielhaus-Chef Andreas Beck vor der Premiere von Ewald Palmetshofers Stück in der Bühne (11/2007): "Ist das nicht ein herrlicher Titel für unsere Eröffnung? Der Titel des Stücks verweist auf die begrenzte Gültigkeit der Klassiker und die Aufhebung natürlicher oder gar moralischer Verabredungen."

Über die Uraufführung von "hamlet ist tot. keine schwerkraft" meldet die österreichische Nachrichtenagentur apa am 23.11.2007: was in dem Stück verhandelt werde, "ist zwar nicht leicht zu durchschauen, dafür jedoch mit viel Witz umgesetzt."

Mit ebenfalls schwierig zu durchschauenden Sätzen beschreibt Ronald Pohl im Standard (22.11.2007) das Stück: Palmetshofers "hamlet dreht sich ohne Unterlass. Wenn das Stück anfängt, ist es sozusagen schon wieder aus. Was wiederum damit zusammenhängt, dass sich Palmetshofer sehr genau überlegt hat, was das denn überhaupt sei – die Gegenwart?" Die Figuren "kreisen in überkippenden Satzmonstren ihre nicht immer klar durchschaubaren Ansichten ein, Punkte bilden lange Geraden – dazwischen werden himmlisch leere (Text-)Flächen ausgespannt. Palmetshofer treibt eine virtuose Kunst der dramatischen Schraffur. Irgendwie ist das alles hochpolitisch. Nur ersetzt die Reflexion unhaltbarer, unklarer Zustände noch lange nicht ein politisch verantwortliches Handeln."

Auf nachtkritik.de (23.11.2007) schreibt Lena Schneider über "hamlet ist tot": "wenn Sprachkraft und inhaltlicher Ehrgeiz tonangebend für die neue Intendanz sind, dann taumelt die Bühne erfrischend ungezähmten, verunsichernden Zeiten entgegen." Palmetshofers Stück pendele "zwischen Familien, -Inzest, -Religions-, und Gesellschaftsgeschichte". Das Bestechende daran sei, dass es zeige, "wie all das irgendwie zusammengehört, es dem Kopf aber gleichzeitig nicht gelingt, die Zusammenhänge zu erfassen." So wie Menschen denken, lasse Palmetshofer seine Figuren sprechen: "in Fragmenten, in halben und unvollständigen Sätzen, die sich mal ineinander knäulen, mal auseinander bröseln."

"Die Jahre des blutigen Volkstheaters sind noch nicht gezählt", freut sich im Standard (24.11.2007) Margarete Affenzeller, die bei "hamlet ist tot" eine "erfreuliche Reminiszenz" an Werner Schwab oder Thomas Jonigk findet. Das Ensemble der Uraufführung sei "fabelhaft", es bewege sich "kraftvoll und dabei immer feinspurig durch das verminte Feld einer Familientragödie". In Palmetshofers "hamlet" "erbrechen" die Sätze "regelmäßig, bevor sie zum Kern der Wahrheit führen. Und will eine einmal über Liebe reden, dann faselt sie himmellang von "Unendlichkeit" und "Breite". Manchmal trete ein Protagonist hervor und halte "ein Kurzreferat - über CO2 oder Fairtrade, Themen, die einen bis in die eigene Substandardwohnung verfolgen."

In der Presse (24.11.2007) setzt Norbert Mayer das Stück als "Blutwurst scharf gewürzt und mit ausreichend Beilagen" auf die Speisekarte. Es handele sich um ein "wildes Stück", mit "zotiger Jugendsprache und Anfällen postmoderner Existenzphilosophie". Auch Regisseurin Felicitas Brucker halte sich bei "der Umsetzung dieses anarchischen Gerichts" nicht zurück. "Es wernerschwabelt und elfriedejelinekt in diesem Text, lustvoll schmiegt sich die Inszenierung an ihn, und noch dazu prahlen die sechs jungen Schauspieler (…) mit ihrem bereits prächtig entwickelten Können. In einem Satz: Es werden 100 unterhaltsame Minuten geboten. Das ist mehr als nur eine Talentprobe, das ist wunderbares Theater."

In der Frankfurter Rundschau (24.11.2007) schreibt Stephan Hilpold: "Theoriegestammel trifft auf Zahnraddialoge. Wolf Haas auf Werber Schwab." Das Ganze müsse man sich als eine "in sich gebrochene Familientragödie" vorstellen: "Bruder liebt Schwester, Mutter hasst Oma, Vater ist sprachlos." Am Blatt "nicht ganz einfach verdaubar", auf der Bühne des Schauspielhauses aber "ein trashiger Spaß". In Bruckers Regie lebe noch einmal "eine Theaterphase auf, die man schon voreilig ad acta gelegt" hat: "Das Prekariat als Personal blutiger Familienspäße – samt praller Retroklamotten und draller Ferkeleien."

Caro Wiesauer schreibt im Kurier, Wiener Ausgabe (24.11.2007), von einem "sprachgewaltigen Stoff". In immer wiederkehrenden Schleifen "zelebrieren" vier junge Menschen und ein Ehepaar die "Antikommunikation". Während auf der einen Seite "nichtssagendes Befindlichkeitsgeschwätz" parodiert werde, entwickele sich auf zweiter Ebene ein "spannender, nicht leicht durchschaubarer Plot". "Theaterspielen als würde es ums Leben gehen. Schön."

Ernst P. Strobl schreibt in den Salzburger Nachrichten (24.11.2007): "Theatralisch hat Palmetshofer die österreichische Tradition inhaliert. Ein Thomas Bernhard für Arme? Oder doch eher ein Jünger von Wolfgang Bauer? (…) Der 1978 geborene Mühlviertler ist sicher ein Talent."

In der Süddeutschen Zeitung (26.11.2007) urteilt Till Briegleb: Bei "hamlet ist tot" handele es sich um eine "realistische Studie über schwelende Verletzungen" mit "knappen Dialogskalpellen". "Die sorgfältig vertuschte Gefühlsfratze befreit sich in der Katastrophe, Humor und Hass, Monotonie und Erregung halten sich in Felicitas Bruckers musikalischer Belastungsprobe des Textes klug die Waage."

Im Wiener Falter (30.11.2007) lobt Wolfgang Kralicek: "Es passiert einiges in diesem Stück, aber wichtiger als die Handlung ist die Sprache, ihr Sound, der Rhythmus. In einer eigenwilligen Mischung aus Poesie, Mathematik und leerem Geplapper beschreibt der 29-jährige Palmetshofer eine Welt ohne Herz." Regisseurin Brucker arbeite "gekonnt den Humor heraus", nur wenn die Farce am Ende "in eine Tragödie kippen" solle, wirke das "etwas gezwungen".

In Theater heute (02/2008) schreibt Franz Wille: "Es gab schon lange kein so schönes Familienstück wie 'hamlet ist tot, keine schwerkraft', das einerseits alles kann, was Ibsen auch konnte – langsames Entblättern der menschlichen Fassadenhintergründe –, aber den alten Norweger dabei endlich so alt aussehen lässt, wie er tatsächlich ist: ein gutes Jahrhundert nämlich." "Solche Dialoge" habe "vor Ewald Palmetshofer noch keiner geschrieben."

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