Heaven (zu tristan) – Fritz Katers weit über die Milieustudie hinausgehendes Beispiel eines komplexen Realismus

Im Soziotop der Selbstbeschreiber

von Christian Rakow

Das ist Wolfen, die alte Chemiestadt: Neubauten stürzen ein (im Video-Loop). Wir sehen Projektemacher, denen nichts gelingen will. Wer etwas auf sich hält, der flieht die Stadt. Die Zahlen sprechen Bände: 1990 – 44.000 Einwohner; 2005 – 25.000. "macht 19.000 minus plus ein micha", berechnet Simone, eine der Dagebliebenen. Micha, ihren Bruder, haben "seine kumpels" mit Baseballschlägern totgeschlagen. So sieht die raue Wirklichkeit hinter der Behördenstatistik aus, möchte man sagen. Doch Vorsicht – diese Wirklichkeit ist hier gleich mehrfach poetisch gefiltert.

In der "Zeit", berichtet Armin Petras, habe er einen Artikel gelesen, der sinngemäß beschrieb, "es wäre jetzt alles ganz toll in Wolfen". Und da ihm Zweifel kamen, ist er im Dienste seines schreibenden alter ego Fritz Kater selbst nach Wolfen gefahren und hat sich vor Ort umgeschaut. Die Früchte dieser Recherchereise liegen nun in "Heaven (zu tristan)" vor, das Petras mit seinem Ensemble vom Berliner Maxim Gorki Theater im September 2007 zunächst in Frankfurt/Main uraufgeführt und später nach Berlin transferiert hat, wo die Inszenierung jüngst den Friedrich-Luft-Preis gewann.

Eine gewisse Tendenz zur Krise

Ich fahr da hin! – dieses Ethos der Augenscheinnahme gehört zum Kernbestand einer Literatur, die sich als realistisch ausweist. Und wirklich zeigt "Heaven" in geradezu exemplarischer Weise, wie ein avancierter Realismus heutzutage vorgeht. Die Kartographie des Milieus mündet zunächst in ein Emplotment, das auf Problemverdichtung setzt: Helga (55) ist seit der Schließung der ORWO-Filmfabrik arbeitslos. Ihre Ehe mit dem Psychiater Königsforst (57) liegt darnieder. Gemeinsam planen sie den Selbstmord, nehmen dann aber davon Abstand. Woraufhin sich Königsforst mit einer jungen, (ebenfalls) suizidgefährdeten Patientin, Simone (28), einlässt und folgerichtig (ebenfalls) seinen Job verliert. Simone ihrerseits ist unehelich schwanger und sehnt sich nach ihrem Ex-Lover Anders (30), einem Architekturstudenten mit neoliberalen Anleihen, den es in die freie Welt hinausgezogen hat. Anders kehrt schließlich zurück, mit einer tödlichen Tropenkrankheit infiziert.

Die Tendenz zur Krise setzt sich in den Nebenfiguren fort: Sarah, die Tochter von Helga und Königsforst, verliebt sich stets in die falschen Männer (z.B. auch in Anders). Robert, Simones getreuer Freund und unglücklicher Verehrer, scheitert mit diversen Kleinstunternehmungen (z.B. am Weinanbau in der Kiesgrube). Und Micha, der wortkarge Bruder, stirbt, wie erwähnt, jung und blutig.

Die Sozialstudie aus der Schrumpfstadt ist also maximal eingedunkelt und auf klassische tragische Knackpunkte angelegt (Todesnähe, Ehebruch). Und ja, diese betont existenzielle Zuspitzung könnte kitschig sein, hätte sich Kater nicht einen speziellen Auftritt für seine Figuren zurechtgelegt. Immer wieder verlassen sie die Dialoge für kürzere oder längere Selbstreflexionen und Erzählstücke, geht ihr Regionalsound ("wollte se nicht ham") in kraftvoll gemeißelten Versen auf: "MEINE BRÜSTE MEINE LEHRER und DIE / WELTGESCHICHTE / das liegt mir am Herzen". So sagt es Helga und untertreibt damit gründlich. Denn tatsächlich liegt ihr die Weltgeschichte nicht nur am Herzen, sondern gewissermaßen in Fleisch und Blut.

Fabeln werden anprobiert wie Kostüme

Über ihre individuelle Rolle hinaus erweisen sich die Figuren bei Kater als enzyklopädische Wunderkinder, die punktgenau angeben können, in welchen historischen und mythischen Zusammenhängen ihre Dreiecks- und Fluchtgeschichten zu verorten sind: Als Chorus ihrer selbst zitieren sie Wagners "Tristan und Isolde" und zeigen sie sich über verschiedene Physikerschicksale ebenso informiert wie über die ideengeschichtliche Bedeutung von Tycho Brahes Sternenforschung auf der Insel "Hven". Die Offenheit dieser Standortbestimmungen irritiert, doch hat sie Methode.

Ohne die mythischen Katalysatoren, begreift man, lässt sich der alltägliche soziale Brennstoff aus Wolfen nicht zur Poesie entflammen. "Heaven" verpflichtet sich hierin der Prämisse eines jeden Realismus seit etwa Gottfried Kellers "Romeo und Julia auf dem Dorfe". Schon dort galt: Der Provinzalltag lohnt nur die literarische Reise, wenn darin altehrwürdige Fabeln sichtbar werden. Kater aber, und darin liegt seine Modernität, nimmt diesen Auftrag offensiver an: Die alten Fabeln laufen nicht mehr still und bedeutsam hinter dem Geschehen mit; sondern sie werden für jedermann sichtbar anprobiert wie ein Satz Kostüme.

Das gibt den Bühnensubjekten eine neue Würde. Statt handelnder Naivlinge, die ominös sinnfällig sind, treffen wir auf kompetente Selbstbeschreiber, denen es um ihr Verhältnis zu klassischen wie alltäglichen Rollen geht. Niemand ist bloß Tristan oder bloß ein ostdeutscher Aussiedler. Die Figuren reiben sich an diesen Sinnvorgaben, im steten Wechsel zwischen Frontalvortrag und Spiel, und erlangen so ihr spezifisches Gewicht. Es ist diese Souveränität der Darstellung, die "Heaven" weit über die Milieustudie hinaushebt – als Exemplar eines komplexen Realismus in Zeiten rapiden kulturellen Wandels, in Wolfen und vielerorts.

Kommentare (4)add comment
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geschrieben von Jan Babylon , 13. Mai 2008, 01:05

Endlich mal eine Kritik, die der Komplexität Katers gerecht wird. Das tut gut! Sonst hört man ja immer nur, dass es sich bei "Heaven" um ein ostdeutsches Nostalgiestück handelt. Was gerade im Ruhrgebiet komisch anmutet, kennen wir doch auch das Problem des Katzenjammers nach einem verlorenen Industriehype nur allzu gut. Es geht damit verbunden und darüber hinaus um die Sehnsucht nach Sinn, den man mal kannte und der nun verloren ist. Und dieser Sinn wird aktiv gesucht, Scheitern inklusive. Das hat mir (als Westler!) die Tränen in die Augen getrieben.


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geschrieben von Melle Ost , 14. Mai 2008, 13:05

Ich finde nicht, dass dieser Sinn so aktiv gesucht wird. "Kompetente Selbstbeschreiber" ist zwar eine schöne Interpretation, tatsächlich wirken diese mythischen und geschichtlichen Reflexionen doch eher aufgepfropft. Aus der Figurenpsychologie heraus ist das doch zumindest nicht entwickelt, oder? Es scheint doch eher der Autor zu sein - wie bei "Romeo und Julia auf dem Dorfe" eben auch, der hier zu uns spricht, oder. Die Figuren selbst sind doch irgendwie ein bisschen zu einfältig, um Tycho Brahe etc. zu kennen?


Hallo Melle Ost,
geschrieben von Mousse T. , 14. Mai 2008, 13:05

die Dramaturgin sah das beim Publikumsgespräch anscheinend anders, findet das ganze Beiwerk (Tycho Brahe etc.) plausibel aus der Psychologie der Figuren heraus entwickelt. Der Psychologe und seine Frau scheinen mir vielleicht noch annähernd kompetent genug, für die Kater-Geschichtskenntnis (mit Marx und Physikern). Wenn sich Simone und Anders mit Wagner-Zitaten wiedertreffen, wird's sicherlich zu fett. Auch spricht die Spielweise ja eher für eine Differenz zwischen milieugeschulter Figurenrede und 'kompetenter Selbstbeschreibung'.


Lieber Mousse T., liebe Melle Ost
geschrieben von Jan Babylon , 14. Mai 2008, 19:05

Ich finde es einfach überhaupt nicht wichtig, ob die mythische Dimension aus den Figuren heraus entwickelt wurde oder nicht! Die Diskussion geht am Potential des Stückes vorbei. Denn einfach "realistische" Figuren auf die Bühne zu stellen, ist ja nicht das Projekt von Kater, das macht die Kritik ja auch klar. Aber über das Leben, wie es uns so schlicht und oft hässlich begegnet, eine zweite Dimension zu ziehen, die eine Sinndimension aufreißt, das ist doch spannend. Und aus dieser Differenz zwischen einfachem Leben und mythischer Sinndimension die Melancholie zu ziehen, ist doch genial und trifft doch das Lebensgefühl Vieler!



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