Kritikenrundschau zu Fritz Katers "Heaven (zu tristan)"

Hölle des Ostens

Auf nachtkritik.de (13.9.2007) schreibt Esther Boldt: "Heaven" erzählt von Flucht und innerer Migration, vom Architekturstudenten Anders Adlercreutz, der Wolfen und seine Freundin Simone verlässt. Er geht nach Amerika, sein Glück zu machen. (...) Die Geschichte der Jugend, die eigentlich schon alles hinter sich hat, wird mit der von Helga und Königsforst verschränkt. Sie war Mitarbeiterin im Filmwerk, er Psychiater, bis auch das Krankenhaus geschlossen wurde. Nun brechen sie auf in ein neues Leben, ohne dass sie dem alten entkommen werden. (...) Dem Fortschritt setzt Kater Figuren entgegen, die nur eine Blickrichtung haben: rückwärts. Der große Knall bildet sich in den privaten Beziehungen ab. Sind sie schon von Anfang an Isolierte, so zersprengt es sie schließlich ganz. (...) Kater montiert Motive und Texte aus Wagners "Tristan und Isolde", Bibelfragmente und Wissenschaftsgeschichte mit etwas Romantik à la Novalis und Tristans Raben, dem alten Aasfresser. Eine Gothic-Novel mit Nostalgieüberschuss, die Petras pointenreich, mit akrobatischen Einlagen inszeniert. Wenn schon alles den Bach runtergehen muss, dann wenigstens witzig."

Das Theater habe begonnen zu schweben, berichtet Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (14.9.2007), vor lauter Glück über eine "lange wunderschöne" von Fritzi Haberlandt und Ronald Kukulies dargebotene "Spielstrecke zarter Lebensbehauptung und zerbrechenden Lebenswillens". Dabei war der überragende Peter Kurth als Königsforst noch nicht einmal im Spiel. Michalzik ist so hin und weg, dass er glaubt, er könne eine ganze Wand mit schönen Adjektiven über die Aufführung vollschreiben. Er gipfelt in einem unerhörten Vergleich: "in der Spannung zwischen Verzweiflung und Zartheit, zwischen Aussichtslosigkeit und Selbsterfindung, in der Ernsthaftigkeit, mit der Kater sich dem Kitsch verlorener Seelen widmet, tritt er in die Fußstapfen", ja!, Heinrich von Kleists.

Dieter Bartetzko, etatmäßig Architekturkritiker der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, hat die "Hölle des Ostens" auf der Bühne der Frankfurter Kammerspiele gesehen (14.9.2007). "Nach zwanzig Minuten ist klar, dass man sich wieder mal im "Blut-Schweiß-Rotz-Sperma-Tränen-Pool deutscher Jungdramatik befindet". Die gescheiterte Tristan-Figur, sei nur "die Schmuddelmarionette eines Theaters, das Gag und Schrecken verwechselt". Die Schauspieler sind großartige Virtuosen, derweil Petras den "ganzen Dreck unseres verrotteten Kapitalismus auf die Bühne bringen will". Doch dieser Dreck "ist auf dem Weg durch den Kopf des Autors zu sterilem Papier geworden und erregt nicht den Widerwillen, der ihm gebührt, sondern nur noch spontanen Ekel vor unkontrollierbaren Spritzern in den Zuschauerraum".

Marcus Hladek in der Frankfurter Neuen Presse (14.9.2007) gönnt es Petras, dass angesichts der Qualität von "Heaven" das "Dramometer nach oben" ausschlage. Mit seinem "klaren Thema" fasse das Stück "genug harsche Realität in sich", "scharf konturiert" seien die Figuren und nur ein wenig "sinnhubere" das Werk beim "Gequatsche" der Tristan-Figur "über Novalis". Hinreißend differenziert spiele Peter Kurth, schon mimisch verleihe Fritzi Haberlandt ihrer Simone eine "stockende Intensität", die notfalls ganz allein die Inszenierung aus dem Feuer risse.

Auch Jürgen Berger in der Süddeutschen Zeitung (14.9.2007) ist des Lobes voll. Sehr ausführlich geht er auf das völlig stumme Telefongespräch ein, das Fritzi Haberlandt nur durch virtuose Mimik in ein Erlebnis verwandelt, und konstatiert, dass Petras "mehr denn je ein linearer Bühnenerzähler" sei, der seine "Inszenierungsideen aus dem Text heraus entwickelt". Auch der Autor kriegt sein goldenes Fett ab, "da Fritz Kater zwar ein mit Mythen angereichertes Spiel von der Kernzertrümmerung einer Seelenlandschaft geschrieben, dem Ganzen aber viel melancholischen Witz mit auf den Weg gegeben hat, der die verschiedenen Geschichten zusammenhält".

Für Franz Wille in Theater Heute (10/2007) fügt sich "Heaven (zu tristan)" "eigentlich bruchlos in die jüngste Reihe von Ost-Depressions-Dramatik, welche die sozialen Kontaktprofile einstürzender Neubauten feiert (Tine Rahel Völckers 'Die Höhle vor der Stadt ...') oder autonome Selbstversorgerstaaten in verwahrlosten Neubausiedlungen ausruft (Thomas Freyers 'Separatisten')." Fritz Kater, schreibt Herr Wille weiter, habe einen guten Bekannten, den Regisseur und Intendanten des Berliner Gorki Theaters, Armin Petras. "Er begegnet dem Autor mit zugewandter Respektlosigkeit und dreht ihm gelegentlich das Wort im Munde herum, bis Katers Menschenpark aufblüht." Da die Figuren in "Heaven" "intellektuell im gehobenen Zeitungsleserbereich siedeln", fehle es ihnen nicht an Erklärungen für Ihr Befinden. "Der zuständige Regietherapeut" zeige sich von "den angeschlagenen psychosozialen Erklärungsmustern – Identitätsverlust! Traumatisierung! – allerdings wenig beeindruckt. Sobald ein Sinnspruch ansteht, wird er darstellerisch so blendend ausgeleuchtet, bis er zur nackten Phrase schrumpelt."

Matthias Heine glaubt in der Welt (19.11.2007), dass Armin Petras mit "Heaven" "etwas ganz Neues" ausprobiere: "Eine Aufführung, in der Emotionen der Figuren nicht ironisiert und in äußerliche Spielereien 'übersetzt' werden." Zumindest weitgehend. Die Schauspieler seien "ganz famos", und zwar "nicht nur die, bei denen man es ohnehin erwartet wie die Hausstars Kurth und Haberlandt", sondern auch Ronald Kukulies, der "hier als liebenswerter Loser zum langhaarigen Hippiekönig der Herzen" werde. So sehr sich aber "die Aufführung nach dem 'Heaven' des ganz großen Gefühlsdramas" strecke, bleibe sie "doch in einem nicht ganz so aufregenden Vorhimmel stecken". Kurzweilig sei sie aber allemal.

Bei Armin Petras – so meint Christine Wahl im Tagesspiegel (19.11.2007) – sei wie immer "weltkanonisches Mythengut à la 'Tristan und Isolde'" an der Tagesordnung. Das solle man allerdings "keinesfalls kleinlich aufdröseln, sondern sportlich nehmen", "als grob gespanntes Assoziationsangebotsnetz, um den Bitterfelder Raum ein Stück weit ins Universelle zu öffnen." Der Preis dafür sei "die petrastypische Ausrisshaftigkeit; bisweilen am Rande der Zerfaserung." In "Heaven" überrasche Petras "stellenweise mit verhältnismäßig ungebrochener Melodramatik", was dem Abend nur bedingt bekomme. Stark sei er vor allem da, wo er die Wirklichkeit stärker verdichte. Und am stärksten sei Fritzi Haberlandt, die "hier ein neues, tolles Ausdrucksspektrum" zeige.

Gunnar Decker im Neuen Deutschland (19.11.2007) zufolge inszeniert Petras sein neues Stück "Heaven", das "kein Stück im strengen Sinne", sondern "eine Spurensuche im Labyrinth der eigenen Biografie" sei, "mit traumsicherer Gewalt". Die Aufführung sei "präzise durchgearbeitet – durchgedacht bis an die Grenze, wo etwas nicht mehr übersetzbar wird, Geheimnis bleibt". Das "Zugleich von banalster Alltäglichkeit und romantischem Traummotiv" (Wagners Liebestod-Motiv) nennt Decker gar einen "Geniestreich". Und es sei "ein großer Abend für hervorragende Schauspieler, die sich der Tragik-Komödie eines Lebens im Aufbau-Abriss-Umbau aussetzen". "Das Geheimnis für das Gelingen dieses Abends: Sie alle wagen den Sprung ins Ungewisse."

Für Ulrich Seidler von der Berliner Zeitung (19.11.2007) ist es "eine Art kleines deutsch-deutsches Happyend", dass "Heaven" mit großem Erfolg zuerst am schauspielfrankfurt herauskam: "Nicht nur das Erzählen (das Außenstehende leicht mit Jammern verwechseln) hat begonnen, sondern auch das Zuhören (das Außenstehende leicht mit Verstehen verwechseln)." Petras schaffe es wie wenige, "die gesellschaftlichen Konflikte mit individuellen Figuren zu erzählen – ohne die Konflikte zu Privatangelegenheiten (...) verkommen zu lassen". Stück und Inszenierung seien "fast so geräumig wie das Leben selbst, man könnte ewig weiter auslegen". Was nicht zuletzt mit den Schauspielern zu tun habe, die bei Petras "überdurchschnittlich harte Seelenarbeit" leisteten.

Der Doyen der Ost-Theaterkritik, Martin Linzer, schreibt in seiner Kolumne in Theater der Zeit (04/2008), die einzelnen Erzählstränge von "Heaven" stünden wie "erratische Blöcke zueinander" und folgten doch "einer höheren Dramaturgie", die die Geschichte samt allen Einschüben, historischen Verweisen und Zitaten zusammenhalte. "Gesellschaftliche Konflikte immer als individuelle Konflikte erzählend, entsteht ein Mosaikbild deutsch-deutscher Befindlichkeit als Momentaufnahme eines historischen Prozesses. Das ist (...) frei von jeder (N)Ostalgie wie von Besserwisserei." Die Inszenierung sei "spannend ohne Überhitzung", die "gefundenen Bilder und Bildmetaphern von herber Poesie. Ein Ereignis ist das Ensemble, aufs Äußerste gefordert, wie stets bei Petras, aber auch hochmotiviert und bis zum Umfallen Figuren in ihrer Widersprüchlichkeit formend: lebendige Menschen eben."

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