Fritz Kater – der erste gesamtdeutsche Realist im Drama nach 1990

Fremd ist der Fremde auch daheim

von Christian Rakow

Nun ist es schon seit Jahren kein Geheimnis mehr, dass Fritz Kater niemand anderes als der schreibende Wiedergänger des Regisseurs Armin Petras ist. Und doch nimmt man beim Henschel-Schauspielverlag die Identität dieses fiktiven Autors weiterhin ernst. Zwar gibt es keine Fotos von Kater und direkten Kontakt zu ihm schon gar nicht, wohl aber eine biographische Note, die uns einen deutsch-deutschen Grenzgänger vorstellt: geboren 1966 in Bad Kleinen (DDR), 1987 Ausreise in die BRD, 1990 Rückkehr nach Berlin-Moabit.

Dass diese Vita Schlag 1990 endet, ist für eine Dramatikerexistenz mit ostdeutschen Wurzeln durchaus signifikant. Etwa um diese Zeit herum hatte Heiner Müller der FAZ in den Spiralblock diktiert, er habe mit dem Ende der DDR auch seinen dramatischen Stoff verloren. Was Müller zu tun blieb, waren autobiographische und lyrische Selbstaufnahmen, Rückblicke auf eine abgelebte Zeit. Bei Fritz Kater geht es erst nach 1990 mit dem Schreiben los, doch liegt auch für ihn das literarisch tragfähige Material in der jüngeren Vergangenheit, eben dort, wo das Erwähnenswerte seiner eigenen Biographie angesiedelt ist.

Mit ostdeutschem Thesaurus aufgeladen

So etwa in seinen Erfolgsstücken: Eine deutsch-deutsche Agenten- und Familiengeschichte zwischen 1969 und 1992 erzählt "WE ARE CAMERA/Jasonmaterial", das Armin Petras 2004 eine Einladung zum Theatertreffen einbrachte. Der Mülheim-Gewinner und Theatertreffen-Teilnehmer 2003 "zeit zu lieben zeit zu sterben" blickt tief in eine DDR-Jugend ohne Vater, aber mit politischer Verfolgung. Jungen fahren MZ, der BFC Dynamo und Union Berlin befinden sich noch auf der fußballerischen Landkarte, und Auslandsreisen führen nach Warschau.

Aber es ist nicht allein die informierte Stoffwahl, die diesen Stücken ihren historischen Zuschnitt gibt. Es liegt auch an ihren formalen Eigenschaften. Katers Figuren sind oft mehr Erzähler als Handelnde. Sie kultivieren eine äußerliche, behavioristische Erzählweise, die Geschichte im Blick des kühlen Beobachters aufbereitet.

Die Dominanz der Rückschau erlaubt Kater denn auch, das literarische Epizentrum DDR für unsere Gegenwart anzuzapfen. In "Heaven (zu tristan)" treten Helga und Königsforst als die Herrscher des Imperfekts auf, die den Text mit einem spezifisch ostdeutschen Thesaurus aufladen: mit Erinnerungen an die ORWO-Filmfabrik, Marx-Aperçus und sentimentalen Weltanschauungsskizzen (Tycho Brahe). Im Ergebnis steht dann nicht nur der gegenwärtige soziale Verfall Wolfens in beachtlicher historischer Breite da. Das Stück liefert auch eine über die ostdeutsche Befindlichkeit hinausreichende Mentalitätsstudie für jegliche Regionen rapiden sozialen Wandels, in denen Orientierungsverluste den Blick nach vorn verdunkeln.

Im Gärtlein der Ruhe- und Ortlosigkeit

"Warum bist du zurückgekommen?", fragt der Trainer in "Vineta (oderwassersucht)" (2001) den Boxer Steve. "Weil ich etwas suche… meine Heimat". Über dieses Motiv von Aufbruch und Wiederkehr verbindet sich "Heaven" mit Katers stärker dialogbasierten Gegenwartsstücken, "Sterne über Mansfeld" (2003) oder eben "Vineta". Der Architekturstudent Anders, einer der Protagonisten in "Heaven", flieht die deprimierende Nachwendestadt und kommt doch später zurück, mit einer Tropenkrankheit infiziert.

Stets ist diesen Helden die Heimat unauffindbar oder problematisch, aber die Welt da draußen irgendwie auch nicht das Richtige. Und weil dieses Gefühl einer permanenten Ruhe- und Ortlosigkeit ein durchaus modernes und in der realistischen Literatur seit, sagen wir, Wilhelm Raabes "Pfisters Mühle" (1884) bestens gepflegtes ist, bleiben Katers Stücke auch keineswegs an ihrem ostdeutschen Nährboden kleben. Die meisten der jüngeren Uraufführungen fanden am Hamburger Thalia Theater und in Frankfurt am Main statt. An diesen Häusern hat sich Fritz Kater mit Stoffen aus dem Oderbruch oder dem Mansfelder Land, selbst wenn es seine Biographie nicht mehr ausweist, als einer der ersten gesamtdeutschen Realisten im Drama nach 1990 etabliert.

Der Autor ist eine Textgeburt

Anruf bei Armin Petras in Leipzig. Man erwischt ihn zwischen Tür und Angel, gerade von der Probe in der Neuen Szene kommend. Sein Terminkalender scheint eng gepackt zu sein – wie zum Beweis, dass Tempofestigkeit und der Appeal des workaholic zum Bild des Regisseurs und seit 2006 auch Intendanten des Berliner Maxim Gorki Theaters Petras dazugehören. In der Sache Kater lässt er einen bestens gelaunt auflaufen. Die Frage, ob es da noch etwas über die offizielle Lebensskizze hinaus zu erfahren gäbe, kontert er kühl: "Ich glaube nicht." Von einem Rollenspiel zwischen Schreiber- und Regisseursidentität will Petras ebenso wenig wissen: "Ich bin ich." Soll heißen: Kater ist eine Textgeburt und seine Identität reicht als solche nicht weiter als der Schreibakt selbst. Für eine Hermeneutik über seine Werke hinaus steht dieser Autor nicht zur Verfügung.

Der Tod des Autors, hieß es einmal, falle zusammen mit der Geburt des Lesers. Im Falle Kater/Petras bedeutet die Aufteilung der Kompetenzbereiche eine Befreiung des Regisseurs zum originären Künstler. Stets behauptet Petras das Bühnenereignis in seinem Eigenwert gegen die Ansprüche der dramatischen Vorlage. Selbst in Uraufführungen fehlen teilweise ganze Textblöcke, sentimental anmutende Passagen sind ironisch umgewertet. Ein spielerischer Grundgestus dominiert, wo Kater Schwermut zulässt.

Mit einer gewissen Genugtuung

Und auch wenn – etwa in der Zweitaufführung von "Heaven" in Rostock – ein Regisseur wie Wolf Bunge zur Streichung ganzer Textdimensionen schreitet und nebst den Einlassungen zu den Physikerschicksalen auch gleich die Tristan-Passagen rauswirft, darf das als notwendige Dekonstruktion im Sinne des je neu zu schaffenden Theaterabends gelten. Von Seiten des Rechteinhabers jedenfalls interveniert man nicht.

"Nach Mülheim fahren wir mit einer gewissen Genugtuung", sagt Petras noch. Tatsächlich war "Heaven" für die Ruhrtriennale letztes Jahr konzipiert worden. Doch Festivalleiter Jürgen Flimm befand den fertigen Stücktext für nicht aufführungswürdig. Mittlerweile hat die Inszenierung, für die dann Elisabeth Schweegers schauspielfrankfurt als Koproduzent in die Bresche sprang, den Berliner Friedrich-Luft-Preis 2007 gewonnen. Bei Preisverleihungen wurde Fritz Kater selbstredend noch nie gesichtet. Das Preisgeld nimmt er trotzdem in Empfang.

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