Genannt Gospodin - Philipp Löhles vielschichtige Kapitalismuskritik-Komödie

Arbeitslos und Spaß dabei

von Andreas Jüttner

Was fehlt dem deutschen Fernsehspiel? Ein Autor wie Philipp Löhle. Einer, der einerseits keine Scheu hat vor Themen und Situationen, die, wie es früher hieß, "auf den Nägeln brennen". Der sie andererseits aber vom medial gepflegten Betroffenheitston ins Komische kippt und trotzdem ernst nimmt. Sein Kniff: Er verändert nur wenige Parameter – aber die machen’s aus.

In "Genannt Gospodin" wird einem Arbeitslosen das Lama, mit dem er seinen Lebensunterhalt erbettelt, von Greenpeace weggenommen. Aus Tierschutzgründen. Seine Kumpels leihen sich Verstärker, Kühlschrank und Fernseher auf Nimmerwiedersehen. Die Freundin haut ab mit Matratze und Telefon. Alle wollen was von Gospodin – erst recht, als er auf dubiose Weise zu Geld kommt, das er eigentlich gar nicht haben will. Und am Ende sitzt er für einen Raub, den er nicht begangen hat, im Knast.

Ein TV-Drama zur Hartz-IV-Misere würde hier wahrscheinlich die Verwahrlosungstragödie eines Ausgestoßenen zelebrieren. Stattdessen zeigt das Stück die Komödie eines Aussteigers. Zwar rutscht Gospodin immer weiter raus aus der Gesellschaft – aber er will ja gar nicht rein. Was die Gesellschaft wiederum nicht verstehen kann und Gospodin zur Verzweiflung bringt, weil sie ihn immer wieder in ihren Konsenstrott zurückzuzerren versucht.

Zum Beispiel, indem eines Morgens Prospektpakete vor seiner Tür stehen, sich Woche für Woche vermehren, bis sie seinen Treppenabsatz blockieren und er wegen Nichtaustragens gefeuert wird – ohne jemals um diesen Job gebeten zu haben. Oder um sonst irgendeinen. Denn Gospodin hat ein Dogma. Er will "den Kapitalismus bei den Eiern packen", indem er "unabhängig von jeder Arbeitsmühle angenehm antikapitalistisch überlebt".

Runter vom Bürgersteig, rauf auf den Gehweg

Das ist so sympathisch wie alltagsuntauglich – und Löhle zeigt beides. Verständlich wird Gospodins Rückzug angesichts der ihn ausnutzenden Freunde, der mit absurdem Überangebot verwirrenden Konsumlandschaft und des Entscheidungszwangs in Berufswelt und Partnerschaft. Seine kleine Aussteigerrevolution vollzieht Gospodin, indem er die Welt interpretiert – und sie dadurch gleich verändert. Zumindest für sich. Als Annette ihm zum Schluss erklärt, er könne sie nicht besuchen, denn er säße ja im Knast, da antwortet er: "Deine Sicht."

Als konsequenter Dogmatiker wäre Gospodin freilich nur eine Nervensäge. Diese Gefahr umschifft Löhle, indem er Gospodin bei Zornanfällen nicht eifern, sondern einschlafen lässt. Und weil seine Prinzipien sich immer wieder an der Macht des Faktischen reiben, wird Gospodin zum tragikomischen Beispiel für die Stolpersteine beim Verändern der Welt.

Was tun gegen Hunger ohne Geld? Gospodin tauscht die sieben Bücher, die seine Freundin ihm gelassen hat, gegen zwei Brote, und ist daraufhin so stolz auf seinen Nonkonformismus, dass er auf dem Heimweg die Benutzung des Bürgersteigs allein wegen des Wortteils "Bürger" verweigert. Er läuft auf der Straße – bis ihm das Pfützenspritzwasser eines Autos ein Brot versaut und er beschließt, das rettende Ufer eben "Gehweg" zu nennen.

Ist das nun Pragmatismus oder Inkonsequenz? Ist Gospodin ein einsamer Held oder ein egozentrischer Hirni? Mit solchen Fragen fordert die Titelfigur vom Rezipienten eine Haltung ein – ähnlich wie im Fall von Hamlet. Schließlich spricht auch Gospodin mal vom "Universum in der Nussschale" und sagt in der abschließenden 13. Szene gar nichts, weil der Rest nun mal Schweigen ist.

Sparsames Theater für den Film im Kopf

Über den subtil-humorigen Umgang mit einem großen Thema hinaus besticht der Text auch formal. Denn den zwölf Dialogszenen stehen erzählende Passagen gegenüber, die tatsächlich fast wie Film-Storyboards wirken. Etwa wenn die Erzählerstimme Gospodins Weg durch die Stadt verfolgt und Momentaufnahmen von lakonischem Humor schildert, die einer Kamerafahrt in einem Jim-Jarmusch-Streifen keine Schande machen würden.

Wenn zu Beginn erzählt wird, wie Gospodin auf einer Parkbank erwacht, nach Hause läuft und dabei immer mehr ins Rennen gerät, dann schwingt unter der Sequenz Einheiz-Musik à la "Trainspotting" mit und über den Bildern scheinen die Vorspanntitel zu laufen.

Der Einsatz filmischer Stilmittel reicht bis zu Details wie dem blauen Schal von Gospodins Saufkumpan Hajo, der eine Tasche mit verdächtig viel Geld bei ihm deponiert – und dieser Schal ist nachher in einer "Nahaufnahme" das einzige Indiz dafür, dass es sich bei der Wasserleiche, die aus einem versunkenen Auto gezogen wird, um Hajo handelt.

Freilich: Am schönsten ist dieser Film im Kopf. Denn wenn alles eindeutig bebildert wäre, bliebe das Als-ob-Spiel des Theaters auf der Strecke. Und das kommt in den an komischen Missverständnissen reichen Ping-Pong-Dialogen voll zum Tragen, laufen diese doch stets zwischen Gospodin und einem einzigen Gegenüber ab. Dass die 13 Rollen somit von drei Schauspielern zu stemmen sind, kann einer Inszenierung helfen, mit simplen theatralen Mitteln effektiv die Gleichförmigkeit der Gesellschaft zu unterstreichen. Es ist aber auch einfach extrem ökonomisch. So ist "Genannt Gospodin" nicht zuletzt ein Angebot ans Theater, zwar nicht unbedingt "angenehm", aber leidlich "antikapitalistisch" zu überleben.

Kommentare (1)add comment
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geschrieben von Julian teKat , 14. Mai 2008, 13:05

Warnung an alle: Ich habe das Stück in Bochum gesehen und muss sagen, dass dieser nachtkritik-Text um Längen klüger, pointierter und lustiger ist als das Stück selbst!
Das Stück ist langweilig, weil die Utopie von Gospodin so dämlich ist, dass ihr Scheitern weder berührt noch nachdenklich stimmt. Eher sagt man sich: Gut, Junge, dass sie dich in den Knast gesteckt haben, da nervst du zumindest nicht weiterhin das sowieso schon leidvoll geprüfte Bochumer Publikum. Die Intendanz von Goerden ist schon Strafe genug, da muss es sich wirklich nicht noch mit Hippie-Schwachköpfen rumärgern.
Aber im Ernst: Dass das Stück seinen Protagonisten ins Gefängnis schickt, zeigt doch schon, dass dieser Protagonist sozusagen "entsorgt" werden muss, weil er uns eigentlich nichts zu sagen hat. In der klassischen Tragödie wird dieses Entsorgen gerne mal durch den Tod des Protagonisten bewerkstelligt - was wenigstens noch eine gewisse Würde hat. In "Genannt Gospodin" wird aber der Protagonist für verrückt erklärt und ins Gefängnis gesteckt, weil der Autor keine Lust hatte, ein bisschen mehr über ökonomische Zusammenhänge nachzudenken und dem armen Gospodin eine diskussionswürdige Utopie mitzugeben. So muss der Protagonist ausbaden, was der Autor versäumt hat! Fies!




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