Vom Rand aus im Zentrum mitspielen: Philipp Löhle

First we take Baden-Baden

Von Andreas Jüttner

Oops, he did it again. Wieder hat jemand einen neuen Autorenpreis eingeführt, und wieder hat Philipp Löhle ihn gekriegt. Wir erinnern uns: Kaum war beim Theatertreffen-Stückemarkt ein Stückauftrag ausgelobt, da trat Löhle mit "Genannt Gospodin" auf den Plan. Das war im Mai 2007. Nun wurde beim Jugendtheaterpreis Baden-Württemberg erstmals ein Projektstipendium vergeben. Auftritt Löhle und das Theater Aalen mit dem Konzept "Die Rattenfalle". Ehrung, Tusch, Vorhang.

Und so wird der Jungautor demnächst bei den Aalenern ein paar Kinder ihre Mutter im Kleiderschrank einsperren und das Leben auf eigene Faust proben lassen. "Die versuchen, die Situation nach außen aufrecht zu erhalten und müssen dabei lernen, dass so ein Erwachsenenleben ganz schön anstrengend ist."

Der Ansatz zur "Rattenfalle" klingt, das kann man nach den bisherigen Werken sagen, nach typisch Löhle: Erstens wird eine der Realität abgeschaute ernste Situation dezent ins Komische überdreht und zweitens dabei untersucht, was es denn bedeutet, sich in einer Gesellschaft wie der unseren einrichten zu wollen – welche Anforderungen da gestellt werden, welche Freiheiten gestattet sind, wie individuell der Einzelne sein darf.

Vertreter der Generation Praktikum

Darum ging es auch schon in seinem Erfolgsstück "Genannt Gospodin", mit dem Löhle vor knapp einem Jahr Berlin sozusagen im zweiten Anlauf nahm. Dorthin war er nach dem Theaterwissenschafts-Studium gezogen, um sich als Angehöriger der Generation Praktikum durchzubeißen. Hatte in die Werbung reingeschnuppert, in den Journalismus, und dann als Formatentwickler für einen Privatsender gearbeitet. Wollte dann doch ans Theater, fand aber an keinem Berliner Haus eine Regieassistenz.

"Als eine Assistenz in Baden-Baden frei war, dachte ich, okay, wohnst du eben wieder ein paar Wochen bei deinen Eltern." Am Stadttheater bot man ihm aber statt des Produktionsvertrags gleich eine feste Stelle.

Daher wohnt der mittlere von drei Söhnen eines Orthopäden seit Herbst 2006 wieder im westlichsten Südwesten und hat neben der Mitarbeit an Weihnachtsmärchen, Klassikern und musikalischen Abenden auch seine erste Regiearbeit hingelegt, mit Henning Mankells Jugendstück "Der gewissenlose Mörder Hasse Karlsson berichtet die schreckliche Wahrheit, wie die Frau an der Eisenbahnbrücke zu Tode gekommen ist". Da ringt ein pubertierender Junge mit dem Anpassungsdruck an die gefährlichen "Mutproben" seines coolen Freundes und lernt den Wert einer eigenen Meinung auf die harte Tour. Es mag Zufall sein, dass es auch hier gewissermaßen um das Sich-Einrichten in der Welt geht. Aber es passt.

Zwar will Löhle, wenn sein Vertrag zum Saisonende ausläuft, wieder in Richtung Hauptstadt ziehen, "näher zur Freundin". Doch bereut hat er die Rückkehr in die Kurstadt nicht. "Etwas lernen kann man an jedem Haus. An einem kleinen vielleicht sogar mehr, weil man mehr eingebunden ist. Die Arbeitsatmosphäre zwischen den Abteilungen ist hier auch sehr offen."

Außerdem hat Löhle bislang gezeigt, dass man durchaus auch vom Rand aus im Zentrum mitspielen kann: Seine Laufbahn verzeichnet Uraufführungen am Schauspielhaus Bochum, an der Schaubühne Berlin und am Schauspielhaus Wien, ein Porträt mit Stückabdruck in "Theater heute", und ausgerechnet für das Stück um den erklärten Antikapitalisten Gospodin gab’s auch noch den Dramatikerpreis der Deutschen Wirtschaft (was vermuten lässt, dass die betreffende Jury wirklich lobbyistenfrei arbeitet). Den jüngsten Text "Lilly Link" schließlich hat sich gleich der Heidelberger Stückemarkt gesichert.

Neue Ernsthaftigkeit? Von wegen!

Auf die Frage, wie sich die verbriefte Zugehörigkeit zur "Phalanx des deutschsprachigen Theaterfortschritts" (nachtkritik.de über die Wiener Uraufführung "Die Kaperer") denn anfühlt, erzählt Löhle aber lieber von seinem Staunen, als eine Wiener Rezension ihn als "Vertreter der neuen Ernsthaftigkeit" einstufte. "Da schreib’ ich lauter Komödien, oder auch Tragikomödien, und dann so was." Offenbar genügt schon eine Haltung, um als ernsthaft zu gelten. Eine Haltung, wie Löhles Helden sie durchweg aufweisen und wie man sie deshalb vielleicht auch beim Autor vermuten könnte. Dabei befindet der einfach: "Eine gute Komödie braucht nun mal ein gutes Thema."

Das kann eben auch der Kapitalismus sein wie in "Genannt Gospodin". Oder die Klimakatastrophe samt Borniertheit der Mitmenschen, an der sich der Idealist Mörchen in den "Kaperern" abrackert. Oder der Gruppenzwang der siebziger Jahre wie in "Big Mitmache", wo Terrorismus und frühe Ökobewegung aberwitzig aufeinander prallen. Oder die Suche nach der persönlichen Nische im Leben, wenn sich die Mitglieder einer Aktivistenclique zerstreuen und Karriere machen, während "Lilly Link" als einzige weiterhin die Revolution predigt. "Was ich an diesen Figuren spannend finde, ist, dass sie irgendwas bedingungslos hochhalten", sagt Löhle. "Wahrscheinlich, weil ich das selbst nicht so habe." Und nicht zuletzt stellt er seine Figuren auch einem Klischee entgegen: "Es ist doch so, dass es über unsere Generation immer heißt, sie wolle nichts machen und nichts erreichen. Dabei wollen viele durchaus was tun, aber man lässt sie nicht."

"Jetzt kommt der Löhle und schafft das"

Bevor jemand Löhle nicht lässt, sitzt der schon am nächsten Stück. Das Tempo stammt noch aus der Studentenzeit in Erlangen: Da drehte Löhle zunächst eifrig Kurzfilme, bis er sich nach einer Hausarbeit über Handkes "Publikumsbeschimpfung" an den ersten Bühnentext machte. "Da sollte eine Frau auf der Bühne aus dem Publikum heraus ausgefragt werden. So nach dem Motto: Peter Handke hat die vierte Wand nicht weggekriegt, jetzt kommt der Löhle und schafft das. Hat natürlich nicht geklappt."

Aber einen Dozenten aufmerksam gemacht, der Löhle zum Weitermachen ermutigte. Dann den Dramaturg des Stadttheaters, der ein Drei-Personen-Stück in Auftrag gab. Das Ergebnis "Kauf-Land" brachte Löhle im vergangenen Herbst sogar eine Zweitaufführung beim Festival "Spieltriebe 2" in Osnabrück ein. "Man darf gar nicht erzählen, wie schnell das damals geschrieben wurde", sagte er vor der Nachspielpremiere. "Das wollte ich immer mal überarbeiten, das Festival war dafür der ideale Anlass."

Auch "Genannt Gospodin" sieht er eher als Arbeitsangebot denn als sakrosanktes Werk: "Ich fand das eigentlich zu lang. Aber egal, welche Szene ich rausnehmen wollte – immer hat jemand gesagt: 'Was, wieso denn gerade die?' Also steht jetzt eben doch alles drin." Und über "Lilly Link" und dessen Einladung nach Heidelberg rutscht ihm heraus: "Ich würde nicht sagen, dass das fertig war, aber ich dachte, schick’s mal hin." Worauf er sofort hinterherschiebt: "Also, offiziell ist das natürlich fertig."

Schwankt da jemand noch, auf der Suche nach seiner Nische, zwischen sympathischem Hinschluderer und genialischem Vielschreiber? Oder hält er das bewusst offen, um sich einer Nische zu entziehen? Immerhin räumt Löhle grinsend ein, über die Mechanismen des Theatermarktes nachzudenken: "In 'Lilly Link' sind einige Sachen drin, von denen ich selber nicht verstehe, was die da machen. Aber es hat wohl etwas Rohes, Lebendiges, wenn ein Text in diesem Stadium ist, da ist er noch nicht so well-made. Offenbar wird das dann gern genommen."

Vielleicht aber wird es auch deshalb "gern genommen", weil Löhle bislang gelungen ist, was der Möchtergern-Künstler Norbert in "Genannt Gospodin" nur behauptet: "Ich habe da echt unsere Zeit eingefangen und unsere Probleme." Wobei das ausschlaggebende Wort "unsere" ist: Löhle schreibt über Leute mit Haltungen, die man als die eigenen Fragen wiedererkennen kann: die Fragen nach einem Platz im Leben, nach dem Wert von Solidarität, dem Sinn von Konsum. Nicht verschwurbelt metaphorisch, aber auch nicht marktschreierisch zeitnah, als sei da eine Zeitungsnotiz für die Bühne aufgepumpt worden.

Dass seine bisher drei abendfüllenden Stücke sich jeweils um eine Figur drehen, die eine Haltung ins Extrem treibt, hält er für Zufall. Auch da unterscheidet er sich von seinem Geschöpf Norbert: Der behauptet, nachdem er sich selbst kopiert hat und damit gescheitert ist, so etwas nenne man Stil. Löhle zuckt einfach die Achseln: "Die Stücke behandeln drei Aspekte eines Themas, zu dem es wahrscheinlich hundert Aspekte gibt." Und er guckt dabei nicht so, als wolle er die restlichen 97 auch noch ausreizen. Wozu auch? "Die Rattenfalle" wartet schon – und darüber hinaus macht ihm nur eines Sorgen: "Irgendwer hat gesagt, was man mit 30 macht, macht man für den Rest seines Lebens. Wenn ich also nächstes Jahr noch schreibe..." Die Vorstellung, sich festzulegen, findet er "etwas beunruhigend". Wie schön. Fast hätte man geglaubt, Philipp Löhle brächte gar nichts aus der Ruhe.

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