Kritikenrundschau zu Philipp Löhles "Genannt Gospodin"

Ein liebenswerter Taugenichts

In der Süddeutschen Zeitung (26.10.2007) fasst Martin Krumbholz Philipp Löhles "schönen Text" so zusammen: "Gospodin, was einfach 'Herr' heißt, ist ein sympathischer Radikalverweigerer. 'Sein Ruin, das ist sein Ziel' – und er wird es zuverlässig erreichen. Seine prekäre Existenz hat er auf ein Streichel-Lama gegründet, das ihm von Greenpeace aus humanitären Gründen weggenommen wird. Arbeitslos meldet er sich nicht, das wäre zuviel der Anpassung. Er verachtet alle 'Spießer' und sucht nach einer 'antikapitalistischen Lebensform', nach dem richtigen Leben im falschen. Bald schläft er auf dem Heu, das sein Lama nicht mehr benötigt."

"Antikapitalistisch" sei "das Stichwort", schreibt Christian Rakow auf nachtkritik.de (22.10.2007). Jungautor Philipp Löhle mache mit seiner Aussteigerfantasie "Genannt Gospodin" thematisch dort weiter, wo er mit "Kauf-Land" (2005) begonnen hat: beim Überdruss an der modernen Warenkultur. Dass "ein solcher Ausstieg aus der Geldwirtschaft im Zeitalter der digitalen Kreditökonomie etwas antiquiert erscheint – geschenkt!" Das Stück begnüge sich mit der liebenswerten Herleitung eines schrulligen, irgendwie integren Charakters. "Die Kapitalismuskritik extra light entpuppt sich als Schule der Moral in der Nähe zu existenzialistischen Erwägungen. Kierkegaard gibt dem Stück das Motto – 'Es kommt darauf an, dass einer es wagt, ganz er selbst, ein einzelner Mensch, dieser bestimmte einzelne Mensch zu sein' - und zwangsläufig endet Gospodins Weg im Gefängnis", wo er sein "selbst bestimmtes Glück findet".

In den Ruhr-Nachrichten (23.10.2007) schreibt Bettina Jäger: Philipp Löhles Stück sei eine "so süße wie skurrile Geschichte" um einen "netten Naivling". Die Bochumer Uraufführung finde deshalb passend in einer "Wohnhöhle" mit "Tendenz zum Selbstgehäkelten" statt. Überhaupt habe der junge Regisseur Kristo Šagor die Vorlage "charmant in Szene gesetzt"; Michael Lippold spiele dabei "verblüffend sympathisch" einen "liebenswerten Taugenichts und eine menschgewordene Provokation" zugleich. Einer, der "schwer auszuhalten ist". Allerdings poche "sanft eine Frage im Hintergrund: Hat Gospodin nicht ein bisschen Recht?"

Für Martina Schürmann, sie schreibt in der Neuen Ruhr Zeitung (23.10.2007), ist das Stück eine "irrwitzig-schräge, skurril überhöhte Gesellschafts-Utopie". Ein Text mit "originellem Personal", das auf den "subversiven Untergrund-Charme" der Inszenierung treffe. Gospodin, der Antikapitalist, werde am Ende ungewollt glücklich gemacht: Der "junge Philipp Löhle" habe über die Tagesschau als thematisch-dramatische Matrize hinweg auf "Menschen geschaut hat, die sich ihr Lebensgefühl nichts kosten lassen wollen".

In der Frankfurter Rundschau (24.10.2007) findet Stefan Keim, dass Philipp Löhle "das Porträt eines Aussteigers zwischen Vision und Lächerlichkeit" zeichnet. "Manche Szenen rutschen etwas zu sehr in die Parodie", heißt es über Šagors Regie. Doch insgesamt gelänge "eine stimmungsvolle, temporeiche Aufführung". "Gospodin" sehe sich "nicht als 'Erziehungsberechtigter' wie die Helden im Kinofilm 'Die fetten Jahre sind vorbei'". Wenn er wütend ist, schläft er ein. "Seine Revolte ist eine private, er will einfach nach seinen eigenen Vorstellungen leben." Keim prognostiziert dem Stück "Theaterzukunft".

In der Zeit (8.11.2007) meditiert Peter Kümmel über "Genannt Gospodin": Gospodin entzöge sich "den Zumutungen des 'Systems' nicht dadurch, dass er sich aus dem System herauskatapultiert". Er gehe ins Innerste, "dorthin, wo sie die Angst herstellen, mit welcher das System aufrechterhalten wird. Gospodin geht ins Gefängnis." Die "Nichtzuständigkeit, die manche jungen Leute durch Kiffen, Ohrenverstöpseln, temporäres Breitsein erlangen", gewinne Gospodin bei voller Nüchternheit. Die filmische Erzählweise sei eine "vernünftige künstlerische Entscheidung": Denn Gospodins "mangelnde Weltmitarbeit" habe so viele große Vorbilder (von "Diogenes in seiner Tonne, Gontscharows Oblomow und Melvilles Bartleby bis zu der satirischen Rollenfigur des 'glücklichen Arbeitslosen'"), dass er selbst wie ein Mythenwesen wirke, "das man nicht kennen und von dem man nur gehört haben kann". Wer ausschere und sich aufgebe, der falle "dem großen Passiv" anheim, "der wird zum Verschollenen." Gospodin allerdings könne man "einen gezielt Verschellenden" nennen.

Eberhard Rathgeb schreibt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (18.11.2007): Gospodins "Freiheit erfüllt sich im Systemkonzentrat der Internierung. Der Weg dorthin ist eine Regression in eine widerspruchs- und schmerzfreie Privatzone, die nur das Pendant zum flächendeckenden System öffentlichen Glücksversprechens ist. Das ist die Einsicht der gospodinischen Dialektik."

"Genannt Gospodin", schreibt Hans-Christoph Zimmermann in Theater der Zeit (12/2007) sei eine "Mischung aus Versuchsanordnung, Stationen- und antikapitalistischem Erlösungsdrama, das gnadenlos durch den sarkastischen Wolf gedreht" wird. Der Autor schicke seinen Helden "als heiligen Narren" auf den "Weg der reinen Lehre". Allerdings beschränke sich Gospodins "argumentatives Rüstzeug" darauf, dass er "von Hitler über die Grünen bis zu seiner Freundin Annette alle für 'Spießer' hält."

In Theater Heute (01/2008) schreibt Franz Wille: "Die kleine Reise gegen die Windmühlen unserer Wirtschaftsordnung wird eine schwere Herausforderung. Erst muss sich der wackere Gospodin aller Gefühle gegen Sachen entledigen (...) dann werden ihm ungefragt Jobs angeboten (...), schließlich hinterlässt ihm ein Kneipenfreund eine Tasche voll Geld, das er beim besten Willen nicht wieder loswird. Solche Belastungen des arbeitsscheuen ideologischen Gewissens hält man nur mit eiserner Selbstdisziplin durch, weshalb Gospodin schließlich auch seine Dogmen wie nur je ein guter Filmstudent an die Wand schreibt. Von 'Geld darf nicht nötig sein' bis zu einer interessanten Variante der individuellen Handlungsfreiheit: 'Freiheit ist, keine Entscheidung treffen zu müssen.'"

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