Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken |

Publikumsgespräch zu Marcus Lobbes' Inszenierung von Felicia Zellers "Kaspar Häuser Meer"

"Genau so ist es!"

von Simone Kaempf

13. Mai 2008. Die Publikumsgespräche bei den Mülheimer Theatertagen dürfen gerne auch Werkstattgespräche sein – das ist nicht nur ein heimlicher Wunsch, sondern auch ein erklärtes Ziel von Moderator Gerhard Jörder. Dass sich nach der Vorstellung von "Kaspar Häuser Meer" genau so ein Gespräch entwickeln würde, deutete sich bereits im Schlussapplaus an: äußerst wohlwollend, das Einverständnis einhellig, dennoch spürbare Neugierde auf die Autorin und ihr Stück, das als Auftragswerk für das Theater Freiburg zum Thema Kindesmisshandlung entstand.

Als Moderator Jörder auf dem Podium die Frage ans Publikum richtet, ob bei der recht schnellen Sprech- und Spielweise der Inszenierung denn auch wirklich alles verstanden wurde, bestätigt eine Zuschauerin, dass der Abend nicht nur verstanden werde, sondern auch den Nerv treffe. Sie selbst sei Sozialarbeiterin: "Der Wind, den anfangs die umfallende Bühnenwand macht, der bläst mir tatsächlich um die Ohren. Montag morgens weiß man nicht, ob die Kinder, um die man sich am Freitag gekümmert hat, noch alle am Leben sind."

Theater als Teamwork

Wie entsteht ein Abend zu einem so schwierigen Thema, dessen besonders tragische Fälle wie Kevin oder Jessica nur die Spitze des Eisbergs sind? Diese Frage liegt bald in der Luft und schafft im Saal weniger eine Atmosphäre der Betroffenheit als des genauen Zuhörens. "Wir fühlten uns als Theater einerseits überfordert," erzählt der Dramaturg Josef Mackert, "deswegen gab es ein sehr langes Nachdenken am Theater, wie man das auf der Bühne verhandeln kann." Die Idee, statt der Opfer die betreuenden Sozialarbeiterinnen ins Zentrum des Stücks zu stellen, stammt von Felicia Zeller und wurde von ihr bereits sehr früh vorgeschlagen. Bis zur Premiere gab es dann aber bestimmt dreizehn Textversionen, schätzt Schauspielerin Bettina Grahs, die zusammen mit Britta Hammelstein und Rebecca Klingenberg kurz vor der Premiere selbst entscheiden durfte, ob sie die Vorstellung mit Requisiten "als Materialschlacht" oder auf der leeren Bühne spielten wollte, für die sie sich dann entschieden.

Theaterarbeit ist Teamwork – das spiegelt sich in dem Gespräch, in dem Jörder alle Beteiligten von der Entstehung des Abends erzählen lässt und damit den kurvenreichen Weg sichtbar macht, der zwischen erster Idee und Premiere liegen kann –, vor allem dann, wenn der Text auf den Proben gemeinschaftlich weiterentwickelt wird. Dass Dramatikerin, Regisseur, Dramaturg, Schauspieler und Bühnenbildner in diesem Prozess unterschiedliche Rollen haben, liegt auf der Hand, offenbart sich aber auf interessante Weise nochmal im Gespräch. Denn während Zeller gleich zu Beginn klar stellt, "nicht gut theoretisch über meine Arbeit reden" zu können und dann zwischen genauen Beschreibungen, Selbstinszenierung und Selbstbanalisierung hin und her springt, ist es Dramaturg Josef Mackert, der immer wieder mit großer Klarheit formuliert. Die Arbeit des Dramaturgen präsentiert er als die eines mit der Autorin verbündeten Lektoren, der Ideen bündelt, reflektiert und lenkt. Während sich Zeller um eine klare Antwort drückte, was denn alle ihre mittlerweile mehr als ein Dutzend Theatertexte verbinden würde ("Ich bin fiktiver Autor. Alles erstunken und erlogen."), brachte Mackert auch das auf den Punkt: "Sie hört genau hin, was Menschen sagen oder auch nicht sagen. Dass sammelt sie und schafft dann eine Perspektivierung des Materials."

Nachdenken über Verantwortung

Für das Theater Freiburg ist der Abend nicht nur wegen der Einladung zu den Mülheimer Theatertagen ein Erfolg. "So gut ist in Freiburg lange kein zeitgenössisches Stück mehr gelaufen", berichtet Mackert. Nach der Premiere hätte zudem ein Stadtoberer beschlossen, alle Mitarbeiter des Jugendamts in eine Sondervorstellung von "Kaspar Häuser Meer" einzuladen. "Und es hat uns nachdenklich gemacht, dass auch nach der Vorstellung gesagt wurde: Genau so ist es." Ob das Stück denn im Freiburger Amt etwas verändert habe, will eine Zuschauerin wissen, und tritt mit der Nachfrage eine kleine Diskussion über die Wirkung von Theater los – angefeuert durch einen weiteren Zuschauer-Einwurf, dass man sich ja immer wünsche, dass Theater die Welt verändere.

Jörder hält dagegen, dass die Zeit vermutlich vorbei sei, in der Theater in politische Entscheidungsprozesse eingreifen könne. Auch Regisseur Marcus Lobbes stellt klar, dass es nie Ziel der Arbeit war, dass im Jugendamt mehr Stellen geschaffen würden. "Es geht darum, wie ich mich als Künstler zu dem Thema verhalte." Felicia Zeller ulkt: "Transparente oder Theaterstücke schreiben, ich denke darüber nach." Das letzte Wort gehört dem Dramaturgen: "Für mich ist das ein Stück über Verantwortung, unser aller Verantwortung, die wir an Spezialisten delegieren. Das Stück ermöglicht, darüber nachzudenken." Kein Wunder also, dass das Theater Freiburg die Autorin schon mit dem nächsten Stück beauftragt hat.

Lesen Sie außerdem die Mülheim-Nachtkritik zu "Kaspar Häuser Meer" und unser Porträt Gerhard Jörders. Oder stöbern sie im "Kaspar"-Dossier.

Kommentare (0)add comment

Kommentar schreiben
kleiner | groesser
 

busy