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Publikumsgespräch zu Armin Petras' Inszenierung von Fritz Katers "Heaven (zu tristan)"

Aufgepfropft und draufgepappt?

von Anne Peter

4. Mai 2008. Gerhard Jörder beginnt mit einer einladenden Geste. Da der Saal im ersten Stock der Stadthalle nach der gut dreistündigen Eröffnungs-Inszenierung zur Publikumsdiskussion nicht allzu prall gefüllt ist, bittet der Moderator, an die vorderen Tische heranzurücken. Und bemüht sich damit von vornherein, den Abstand zwischen Publikum und Podium, auf dem mit ihm alle sieben Schauspieler, die Dramaturgin und der Regisseur sitzen, so weit wie möglich zu minimieren.

Dieses Bestreben durchzieht das gesamte Gespräch. Wenn eine Zuschauerin, die sich Fritz Katers "Heaven (zu tristan)" bereits zum dritten Mal angesehen hat, davon spricht, dass es ihr "immer wieder unter die Haut" gehe, kann Jörder dies "tendenziell bestätigen" – Bande knüpfen über Erfahrungsähnlichkeiten. Hemmschwellen heruntersetzen, indem er von den eigenen, ob der verschiedenen Ebenen hervorgerufenen Erfassungsschwierigkeiten beim ersten "Heaven"-Gucken erzählt.

Knackpunkt Mehrschicht

Diese Mehrschichtigkeit des Stücks ist ein Knackpunkt der Diskussion: Einem Zuschauer erscheint die Inszenierung dann "viel zwingender", wenn sich die Figuren keine "geliehene Identität" überstreifen. Letzteres zeugt für ihn von einem "Misstrauen in die Figuren".

Immer wieder kommt Jörder auf diese zentrale Frage zurück: Sind die literarischen, mythischen, historischen Anlagerungen an die Zeitgenossengeschichte aus Wolfen nun "integriert" oder den Figuren "draufgepappt"? Das Produktionsteam springt – klar – geschlossen in die Bresche für die Unabdingbarkeit der zweiten Ebene. Sie sei, so die Dramaturgin Andrea Koschwitz, den Figuren nicht "aufgepfropft", sondern komme aus diesen selbst. Für sie sind die Figuren Bücherleser mit Phantasie und Vorstellungskraft, womit sie die Geschichts- und Mythendimension gerade nicht – wie viele – als kommentierenden Metatext, sondern als der Figurenpsychologie inhärent versteht.

Auch mal weinen können

Für Regisseur Armin Petras handelt das Stück vor allem auch von der Schwierigkeit, in einer "utopielosen Zeit" zu leben. Und Utopie, das sei einfach die "Vorstellung von dem, was später mal sein könnte". Diese werde in "Heaven" eben mit Vergangenheit aufgefüllt. Gerade dies ist für Jörder eine Qualität Katers: dass er als einer der wenigen zeitgenössischen Autoren Geschichte auf die Bühne bringt und dabei "auch Tränen weinen kann".

Jörders Vermutung, dass der Regisseur jetzt mehr Gefühl zulasse als in früheren Inszenierungen, kann Fritzi Haberlandt, erfahrene Kater/Petras-Schauspielerin, bestätigen. Sie lobt Katers Text als "das größte Stück", das sie von ihm gelesen habe, "und das tiefste". Als eine "Großtragödie" mit Raum für komische Momente, in der sie eine Figur (Simone) zu spielen habe, "die mal heil war und dann kaputt wurde". Auch Kollege Ronald Kukulies beschreibt die Proben als eine "Suche nach einer tiefen Emotionalität", bei der man versucht habe, "den Figuren nachzuspüren". Petras Erklärung für die eigene Gefühlszuwendung fällt lakonisch aus: "Menschen werden älter."

Langer Abschied (nicht nur) vom Osten

Eine ebenfalls generalisierbare Tendenz glaubt der Moderator darin zu entdecken, dass sich die Katerdramatik vom konkreten DDR-Kontext wegbewege, mehr in Richtung des Grundsätzlichen. Ist "Heaven" vielleicht mehr "ein Stück über den Abschied schlechthin" als eines "über verödende Städte im Osten"? "Kein reines Oststück", befindet Petras klar. Er zieht die Parallele zu ähnlichen Problemen im Ruhrgebiet der 60er/70er Jahre und spricht – insgesamt involviert, aber vage bleibend – von der "allumfassenden Globalisierung", die der "Beginn eines langen Abschieds" und "Auftakt zu einer Veränderung unserer kompletten Lebens- und Arbeitswelt" sei. Zustimmung aus dem Publikum.

Andrea Koschwitz sieht mit Katers Mehrdimensionalität auch eine deutsche literarische Tradition wieder aufgenommen – "ich will jetzt nicht Schiller sagen." Hauptreferenzpunkt für sie ist die Romantik. Wie Kleist befrage Kater die Geschichte und spiegele sie an der Gegenwart. Armin Petras kann ihr nur beipflichten. Der "kapitalistischen Blabla-Gesellschaft" stellt er den "Kosmos, der eigentlich das Leben ist" gegenüber und glaubt, dass es "die Sehnsucht von dem Autor war, Figuren zu zeigen, die nicht eindimensional sind".

Schizophrenes Splitting

So interpretiert Petras sein schreibendes alter ego Kater, den er offiziell auf dem Podium vertritt, mit dem er nicht verwechselt werden möchte, sondern dem er "eng wahlverwandtschaftlich verbunden" zu sein angibt. Diese wohlbekannte Aufsplittung produziert als latent mitlaufender running gag, den auch die Schauspieler ab und an aufgreifen, immer wieder Schmunzeleffekte.

Außerdem – und das zeigt einmal mehr die Sinnhaftigkeit des schizophrenen Arbeitsteilungs-Konstruktes – erlaubt sie eine handfestere Auslegung des Textes; ist es doch weniger anrüchig, wenn der Regisseur den Text auf bestimmte Deutungen verengt, als wenn es der Schreibende mit der eigenen Dichtung tun würde. So kann Petras einem Zuschauer, der eine Figur nicht ganz einordnen kann ("da hätte ich mal gern eine Interpretation"), ganz unverblümt eine Kurzcharakterisierung geben. Freundlich geäußerte Zuschauerkritik münzt Petras meist in Selbstkritik um: Fehler des Regisseurs, nicht des Autors.

Am Ende, als die Sprache auf das Berliner Theatertreffen kommt, bei dem am nächsten Tag Petras' Frankfurter "Gertrud" gastiert, betont Petras nochmals, "dass Mülheim mein Lieblingsfestival ist", weil es hier "um Inhalte" gehe, in Berlin hingegen nur um den "Hype", ums "Wer-ist-der-Beste", um "Einschaltquoten". Ein umarmendes Schlusswort.

Lesen Sie außerdem die Mülheim-Nachtkritik zu "Heaven (zu tristan)" und unser Porträt Gerhard Jörders. Oder stöbern sie im "Heaven"-Dossier.

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