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Publikumsgespräch zu Schirin Khodadadians Inszenierung von Theresia Walsers "Morgen in Katar"

Unsichtbare Seelenverknorzungen

von Wolfgang Behrens

23. Mai 2008. Der Ruf der Mülheimer Publikumsgespräche ist weit über das "Stücke"-Festival hinausgedrungen: Hier würden die Zuschauer, so heißt es bis in die Bundeshauptstadt, fachverständig, widerspruchsfreudig und ungemein heftig mit den Autoren und Regisseuren diskutieren. Heute ist das anders: Beim Gespräch zu Theresia Walsers "Morgen in Katar" im Ringlokschuppen erhebt sich vorm Publikum ein hoher, schwarzer Querriegel, hinter dem die Podiumsteilnehmer sitzen, als gelte es Verlautbarungen des Zentralkomitees Chinas zu kommunizieren. Dagegen hat selbst der einladende Charme des Moderators Gerhard Jörder keine Chance: Das Publikum wirkt wie paralysiert.

Auch die Autorin Theresia Walser scheint nicht gerade gut gelaunt: Ihre Antworten klingen freudlos, und man glaubt zu ahnen, dass sie mit der Kasseler Aufführung ihres Stückes nicht so ganz zufrieden ist. Jörder drückt es später sehr fein und zurückhaltend aus, wenn er von "Haarrissen" spricht, die sich zwischen der Autorin und dem Regieteam um Schirin Khodadadian gezeigt hätten. Und das, obwohl Khodadadian so etwas wie die Wunschregisseurin von Theresia Walser ist (oder muss man sagen: war?).

Polyphonie zwischen Tisch-Inseln

Theresia Walsers Erfahrungen mit Regiezugriffen auf ihre Stücke waren nicht immer positiv, und sie hat sich zu wehren gewusst. Als Jörder sie darauf anspricht, stellt sie aber eines klar: Es gehe ihr nicht um die "Intention des Autors" und nicht um dessen "innere Bilder", wie ihr immer wieder unterstellt wird. Solche Formulierungen hält sie selbst für romantisch verschwurbelt. Aber es gehe um die "innere Struktur" eines Textes, um den "Text als Partitur". Und der Text stelle halt bestimmte Forderungen: Bereits ein einzelner extemporierender Schauspieler könne die Struktur, die Musik des Textes zerstören.

Sie skizziert dann auch in wenigen Worten die Struktur von "Morgen in Katar": Sie spricht die einzelnen Tische in dem ICE-Großraumwagen, der das Setting bietet, als "Inseln" an, sie spricht von der Polyphonie, die sich zwischen ihnen ergebe, und davon, wie erst langsam Bewegung in die Situation komme. Und sie deutet sanft an, dass dieses langsame In-Bewegung-Kommen in der Kasseler Inszenierung nicht umgesetzt sei, da sich dort ja alle von Anfang an bewegten.

Wie sie auch andere Entscheidungen des Regieteams zumindest problematisiert: Während Walser den Raum des ICEs horizontal zum Bühnenrand konzeptioniert hat, hat ihn die Bühnenbildnerin Ulrike Obermüller vertikal gestellt und steil ansteigen lassen: um die Herausgehobenheit der Grundkonstellation zu akzentuieren, wie Obermüller erläutert. Walser hält dagegen, dass die Kasseler Bühne die Auf- und Abtrittssituation entscheidend verändere und auch der Eingeschlossenheitssituation der Zuginsassen abträglich sei.

Nicht das Thema, sondern der Ton macht die Musik

Schauspieler und Regisseurin beteuern indes, wie sehr sie den Text zum Maßstab genommen hätten: Hans-Werner Leupelt, der Darsteller des Wüntrop, erzählt etwa, dass man sich als Schauspieler wunderbar von Walsers Text leiten lassen könne (was doch eine seltene Erfahrung sei), dass die Figuren im Text bereits drin steckten und nur freigelegt werden müssten. Und als Gerhard Jörder Schirin Khodadadian darauf anspricht, man habe ihr ja auch vorgeworfen, die trockene Beiläufigkeit des Textes nicht getroffen und die Pointen ausgestellt zu haben, erwidert sie: Nein, die Pointen seien dem Text eingeschrieben, sie und die Schauspieler hätten eben nicht schlauer als der Text sein wollen. Hätte das Publikum nicht an temporärer Lähmung gelitten, hätte man spätestens hier Widerspruch erwartet.

Wie wenig die Sicht des Kasseler Teams und die der Autorin zur Deckung kommen, offenbart sich eklatant, als Horst Busch, der Dramaturg der Produktion, vorschlägt, mit dem Publikum über die wichtigen Themen des Stückes zu reden: über Globalisierung etwa, oder über die Angst vor dem Terror der islamischen Welt. Da muss ihm Theresia Walser entschieden widersprechen, denn um diese Themen gehe es überhaupt nicht: "Der Ton macht die Musik." Die von Busch genannten Themen würden nur als "Versatzstücke" verwendet, gleichsam als ein Rauschen im Hintergrund. "Wenn es mir um etwas geht, dann um die Seelenverknorzungen der Figuren."

Es ist also wohl doch nicht nur der Jörder'sche Haarriss, der sich zwischen Theresia Walser und der Uraufführungstruppe auftut, eher schon ein ganzer San-Andreas-Graben. Und von Seelenverknorzungen war in der Aufführung wirklich herzlich wenig zu sehen.

Lesen Sie außerdem die Mülheim-Nachtkritik zu "Morgen in Katar" und unser Porträt Gerhard Jörders. Oder stöbern sie im Theresia Walser-Dossier.

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