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Publikumsgespräch zu Kristo Šagors Inszenierung von Philipp Löhles "Genannt Gospodin"

Konsequente Indifferenz

von Dorothea Marcus

21. Mai 2008. Philipp Löhle trägt ein T-Shirt, auf dem "Rally of Love" steht. Das ist zwar ein Album der finnischen Band 22 Pistepirkko, passt aber irgendwie auch zu ihm. Denn der (seit Mai) ehemalige Regieassistent des Theaters Baden-Baden stieg im Verlauf der letzten zwei Jahre zum Hoffnungsträger neuer deutscher Dramatik auf, was wohl auch daran liegt, dass er in seinen Stücken die Konzepte der 68er befragt. Mehr als mit der freien Liebe beschäftigt er sich darin jedoch mit der Weltverbesserung.

Es läuft gut für Philipp Löhle, stellt Moderator Gerhard Jörder beim Publikumsgespräch nach der Mülheim-Premiere von "Genannt Gospodin" fest: Seine Stücke werden etwa an der Berliner Schaubühne und am Schauspielhaus Wien uraufgeführt, er gewann beim Theatertreffen 07 einen Stückauftrag und vor wenigen Tagen beim Heidelberger Stückemarkt den Autorenpreis, vor einem Jahr außerdem schon den Dramatikerpreis der deutschen Wirtschaft.

Endlich mal ein Systemverweigerer

Es scheint, als hätte man sich danach gesehnt: nach einem Autor, der fragt, wie man Konsumgesellschaft und Kapitalismus heute noch etwas entgegensetzen kann. Aber tut der er das wirklich? Löhle selbst nennt seine Stücke auf dem Podium "Versuchsanordnungen" zu der Frage, wie man in einer überfütterten Welt überhaupt Position beziehen kann.

Seine Figuren sind selbst ernannte Außenseiter und Systemverweigerer mit bestimmten Haltungen. Sie nennen sich Revolutionäre, sind Insassen von sozialistischen Patientenkollektiven mit realem Vorbild ("Big Mitmache"), kippen als Protestaktion Parfüm in die U-Bahn oder legen Zementfußbälle aus, an denen sich Menschen die Füße brechen. Oder sind wie Gospodin: ein Konsumverweigerer, der ohne Geld leben will, dabei nach und nach alles verliert und schließlich im Gefängnis die wahre Freiheit entdeckt ("Freiheit ist, keine Entscheidung treffen zu müssen.")

Konsequent heißt lächerlich

Ist Gospodin eine lächerliche Figur oder ein Vorbild? Ein Oblomov, der das Leben freudig verweigert? Oder ein Märtyrer? Eine Figur, die von anderen ins Jenseits gedrängt wird, die Außenseiterposition aber für sich positiv umwertet? Gerhard Jörder schlägt den Büchner'schen Leonce als literarische Folie vor: Gospodin als jemand mit einer großen Sehnsucht nach dem Paradies des Nichtstuns. Damit kann sich Regisseur Kristo Šagor durchaus anfreunden.

Der Hauptdarsteller Michael Lippold, der auf dem T-Shirt statt des Pumas ein Lama-Zeichen trägt – schließlich hat Greenpeace Gospodin sein Lama weggenommen – sieht seine Figur als naiven Tor. Lächerlich sei er höchstens im Sinne von Dostojewski: "Man ist immer lächerlich, wenn man konsequent ist." In seiner Konsequenz bewahre Gospodin jedoch Würde, und immerhin versuche er, die Wahrheit zu suchen – und verschweige auch nicht seine Zweifel und Verführbarkeit. Letztlich muss aber auch Lippold zugeben, dass Gospodin allenfalls ein Sympathieträger ist und keine Identifikationsfigur.

Weniger Lachen, weniger Charme

"Ich bin vom Stück entsetzt, Stücke über Arbeitslose hatten wir vor zwei Jahren schon durch", schimpft jemand im Publikum, der extra von Bochum nach Mülheim gekommen ist, weil er so viel von Löhle gehört hatte. Argumente fallen ihm allerdings nicht so recht ein. Vielleicht sei er einfach zu alt für das Stück, vermutet eine andere Zuhörerin keck – bei den Mülheimer Podiumsdiskussionen wird traditionell kein Blatt vor den Mund genommen.

Der Inszenierung sei "nicht zuträglich", dass sie nicht wie im Text zwischen Monologen und Zweierszenen trenne und die eigentliche Geschichte hintergehe, urteilt eine Zuschauerin, die das Stück vor sich liegen hat, fachmännisch. Daraufhin erzählt Kristo Šagor, dass seine Inszenierung auf den Raum im Bochumer Theater unter Tage zugeschnitten wurde – einen kleinen Raum Raum mit niedriger Decke und Betonwänden, den er im nächsten Jahr leiten und öffentlich bewohnen wird – und es in Mülheim schwer gehabt habe. Weil das Fachpublikum wenig gelacht habe und sich im engen Wohnzimmer-Ambiente jede Regung auf den Schauspieler übertrage, habe man sich sehr anstrengen müssen, was "dem Charme vielleicht abträglich" gewesen sei, meint die Schauspielerin Jele Brückner.

Weltverbesserung halbgar

"Ist das Stück eine Utopie oder eine Farce?", fragt Gerhard Jörder den Autor schließlich und kommt damit zurück auf die zentrale Frage des Abends. Nämlich: Wo liegen Löhles Sympathien, beim friedlichen Spießertum oder bei Gospodin mit seinem Hang zur Weltverbesserung, möge er auch "halbgar" sein? Doch der Dramatiker will sich nicht entscheiden: "Eine Mischung aus allem", sagt Löhle ein wenig defensiv und bemerkt, dass alle Formen der Weltveränderung zur Simulation geworden seien, "selbst Demos sind nur noch Zitate". Jeder Versuch, aus der Konsumgesellschaft auszubrechen, sei schon einmal da gewesen, letztlich komme man immer zum System zurück, es gebe keine Handlungsoptionen.

Er sei eher auf der Suche danach, wie man beides verbinden könne: Pragmatismus und politischen Anspruch. Die Antwort hat er aber noch nicht gefunden. Jörder hakt nach: Ob er also letztlich ein "kalter Diagnostiker" sei, der Phänomene vorführt, ohne selbst Position zu beziehen? Das wird Löhle auch von Seiten des Publikums angekreidet. Der Posten des indifferenten Beobachters sei keine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Problem, sondern affirmativ und in letzter Konsequenz sogar zynisch, gibt eine Besucherin zu bedenken.

"Aber immerhin arbeitet der Mann an einem Thema!", verteidigt Jörder den Dramatiker. In der Tat, bei aller wohlfeilen Indifferenz: Wie viele Autoren können das heute von sich behaupten?

Lesen Sie außerdem die Mülheim-Nachtkritik zu "Genannt Gospodin" und unser Porträt Gerhard Jörders. Oder stöbern sie im Philipp Löhle-Dossier.

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