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Publikumsgespräch zu Felicitas Bruckers Inszenierung von Ewald Palmetshofers "hamlet ist tot. keine schwerkraft"

Ideologie ist futsch

von Jan Oberländer

16. Mai 2008. Dramatiker, die zum ersten Mal zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen sind, werden bei den Publikumsgesprächen traditionell "ein bisschen ausführlicher" vorgestellt. Das ist Gerhard Jörders Regel, und diese Regel wird auch auf Ewald Palmetshofer angewendet. Der 1978 geborene Autor sei, so der Moderator im Foyer des Theaters an der Ruhr, "theaterfern" in Oberösterreich aufgewachsen, dann aber doch zu einem Studium der Theaterwissenschaft und Germanistik, später der Philosophie und Theologie gekommen. Seine Abschlussarbeit hat er noch nicht beendet, dafür ist sein Stück "hamlet ist tot. keine schwerkraft" für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert.

Dessen Grundthema charakterisiert Jörder wie folgt: "Gott ist tot, Hamlet ist sowieso tot, Ideologie ist futsch, der Himmel ist leer, der große Moment will nicht eintreten." Diesen "trostlosen" Befund will der Autor, der in seiner großkarierten Sweatjacke auf dem eng besetzten Podium fast hinter Jörders Schulter verschwindet, nicht ins Positive wenden. Ohnehin sei es unmöglich, eine Position zu finden, von der aus man dies tun könne. Man lebe einfach, improvisiere, "manchmal geht's ja auch gut, und manchmal geht's daneben."

Abwesenheit der Abwesenheit

Palmetshofer formuliert ruhig, bescheiden, bloß bei abstrakten Explikationen werden seine Hände lebhaft, bei Fragen, auch aus dem Publikum, nach dem Wesen jener "Maschine", die nun anstelle Gottes im Himmel wirke, nach der Verschiebung der "Achsen" zwischen den Theaterfiguren und in der übrigen Welt. Die Maschine, die nach nicht erkennbaren Gesetzmäßigkeiten funktioniere, sei unter anderem ein Bild für die ungleiche Verteilung von Chancen.

Zum Kern des Stückes, oder besser: zu seiner Leerstelle, zur inhaltlichen Auseinandersetzung mit der "Abwesenheit", die Palmetshofers viertes geschriebenes (jedoch erst zweites aufgeführtes) Stück umkreist, dringt das Gespräch, auch aus Rücksicht auf allgemeine Nachvollziehbarkeit, nicht vor.

Umso markiger formuliert die Dramaturgin Brigitte Auer, wenn sie Palmetshofer als "sehr österreichischen Autor" charakterisiert, der über "viel Musikalität und Rhythmus, Sprachgefühl und Vortragsfähigkeit" verfüge. Nach Vergleichsgrößen gefragt, sieht sie eine "genetische" Verwandtschaft mit Autoren "von Frau Jelinek bis Thomas Bernhard". Im Publikum: Grinsen, Nicken.

Und sehr viel Zustimmung und Lob für die Inszenierung, Respekt vor dem Text. Eine junge Frau findet, das Stück habe "für unsere Generation einfach ins Mark getroffen". Es sei auch gar nicht "zu österreichisch" gewesen, sie fühle sich auch als Deutsche angesprochen.

Volle Pulle Jugendjargon

Was sicher auch an Palmetshofers dramatischer Sprache liegt. Jörder beschreibt sie als abstrakt, bisweilen "verzwirbelt" und voll mit im deutschsprachigen Drama bisher unerhörter mathematischer Bildlichkeit. Und zugleich biete sie "volle Pulle Jugendjargon".

Auch Regisseurin Felicitas Brucker, die das Stück zur Neueröffnung des Wiener Schauspielhauses unter Intendant Andreas Beck inszenierte, hat an "hamlet ist tot" die Sprache interessiert, "die an Grenzen kommt, Musik ist oder scheitert". Für die Inszenierung habe sie es zudem reizvoll gefunden, dass es in dem Stück eine Geschichte "auszugraben" gebe, die man "für sich selbst zusammensetzen" müsse.

Ebenso zeigen sich die Schauspieler von der Sprache fasziniert. Der Text, meint Bettina Kerl, sei "ein wahnsinniger Partner", der einen Rhythmus vorgebe. Interessant sei allerdings, dass die Aufführungen in Wien als viel lustiger empfunden werden, im Publikum werde "schnell viel gelacht". In Mülheim sei das anders – was eine Dame aus dem Publikum bestätigt –, aber das Stück lebe ja von mehr als nur den Lachern.

Wir sind ja nicht für die Quote da

Mit Kerl, Vincent Glander, Steffen Höld, Katja Jung, Nicola Kirsch und Stephan Lohse sitzt im Übrigen das gesamte Ensemble des Wiener Schauspielhauses auf dem Podium, der neue Intendant Beck – übrigens gebürtiger Mülheimer – steht an der Bar. Pünktlich zum Ende der ersten Spielzeit will Jörder denn auch das junge Haus mit seinem Konzept, ausschließlich zeitgenössische Dramatik zu präsentieren, "noch einmal ins Gespräch bringen".

Die Bemerkung des Moderators, bei einem seiner Besuche sei "allenfalls ein Viertel der Plätze" besetzt gewesen, kontert Beck mit einer charmanten Antwortverweigerung und trommelt selbstbewusst: "Wir sind ja nicht für die Quote da". Vielmehr gehe es um die "Lust am Spielen" und um das Schaffen einer Laborsituation, mit Schreibwerkstätten und Mentorensystem. "Wir müssen ja keinen Standard erfüllen, sondern können Dinge entwickeln. Wir sind ja nicht die Burg!"

Entwickeln statt schreiben

Jörder meint zwar, dass es sich wohl "in keinem Theater" so "drucklos" arbeiten lasse wie von Beck dargestellt. Palmetshofer, noch bis zum Sommer Hausautor am Schauspielhaus, hatte allerdings schon zuvor die künstlerische Produktivität der Konstellation als "großartig" bezeichnet. Die Nähe zu den Proben, die Arbeit mit den SchauspielerInnen ("Mit großem I ausgesprochen") sei wesentlich und etwas, "das die Arbeit am Text mitträgt" – der tatsächlich eher entwickelt als im traditionellen Sinne geschrieben werde. Ein neues Stück entsteht gerade.

Ob er sich angesichts des zunehmenden Erfolgs seiner Stücke, die Einladung nach Mülheim, sich häufender Textanfragen unter Druck fühle, fragt Jörder den Autor an einer Stelle. "Das merkt man nur an den Druckstellen", antwortet Palmetshofer. "Man wird sehen."

Lesen Sie außerdem die Mülheim-Nachtkritik zu "hamlet ist tot. keine schwerkraft" sowie unser Porträt Gerhard Jörders. Oder stöbern Sie im Palmetshofer-Dossier.

Kommentare (1)add comment
Druckstellen vom Hype
geschrieben von esther boldt , 17. Mai 2008, 19:05

Das war, glaube ich, die klügste Antwort, die ich je auf die Frage gehört habe: "Wie gehen Sie nach dem ersten Erfolg, dem großen Hype mit dem gestiegenen Druck um?" Die Antwort lässt sich wohl wirklich nur rückblickend finden - man wird sehen.



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