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Publikumsgespräch zu Werner Düggelins Inszenierung von Laura de Wecks "Lieblingsmenschen"

Mir geht's ums Herz

von Anne Peter

11. Mai 2008. Laura de Weck bekommt die legendäre Diskussionsfreude des größtenteils überdurchschnittlich informierten Mülheimer Publikums bei der Podiumsdiskussion zu ihren "Lieblingsmenschen" recht deutlich zu spüren. Erstmal fängt es jedoch freundlich biografisch an. Moderator Gerhard Jörder führt sie als "Jungautorin", Schauspielerin am Jungen Schauspielhaus Hamburg, Tochter des ehemaligen Zeit-Chefredakteurs Roger de Weck ein, fragt nach Schauspielschule, ersten Schreibversuchen und stellt ihr vielfach nachgespieltes Debütstück als "echten Renner" vor.

Regisseur Werner Düggelin, den Jörder als Altmeister und großen "Entsentimentalisierer" beschreibt, sei von dem Stück der 1981 geborenen de Weck "begeistert" gewesen und habe das unbedingt machen wollen, weiß die Baseler Dramaturgin Julie Paucker. Der fast 80-jährige Meister selbst ist aus gesundheitlichen Gründen leider verhindert.

Generation der Zwanzig- bis Achtzigjährigen

Es sei, sagt de Weck, gar nicht ihre Absicht gewesen, "ein Generationenstück" zu schreiben, es sei "einfach eins geworden". Letztendlich aber geht es de Weck um generationsübergreifende, allgemeinmenschliche Inhalte wie Liebe, Freundschaft, Sinnsuche. Um anthropologische Konstanten, nicht historische Spezifika. Auch die allesamt jungen Schauspieler verwahren sich verschiedentlich gegen die vermutete Generationen-Repräsentanz ihrer Mittzwanziger-Figuren, erzählen etwa von anderen Publikumsdiskussionen, auf der selbst 80jährige die Kommunikationslosigkeit der Figuren problemlos auf sich beziehen konnten.

Auch die Handykommunikation per SMS, deren Inszenierungsmöglichkeiten auf dem Podium gleichfalls diskutiert werden (Sprechen oder Textprojektion?), ist für die Autorin weniger ein Jetztzeit-Zeichen denn ein Symptom bestimmter Kommunikationsstrukturen, nämlich dafür, "wie ritualisiert wir uns unterhalten". Hinter einer SMS könne man sich eben "noch hundert Mal besser verstecken als hinter einem Begrüßungsritual", mit dem sie "Lieblingsmenschen" ja einleitet.

SMS-Trash?

Ein Zuschauer wundert sich darüber, dass die dem Alltag abgelauschte, für ihn erstmal realistische Sprache in der Inszenierung zu einer sehr artifiziellen würde. Doch de Weck beansprucht für sich als Autorin, die Sprache "sehr überhöht" und "künstlich" gestaltet zu haben. "Das Letzte, was ich auf der Bühne machen will, ist Realismus", sagt sie.

An eben diesem Punkt formuliert sich Groß- und Grundsatzwiderspruch aus dem Publikum, das dies zu Teilen offensichtlich ganz anders wahrnimmt. "Ich glaube, dass das nicht mehr Literatur ist, das zu notieren", wendet ein Zuhörer – sichtlich erregt – ein. Dies sei "keine Form von Autorschaft". Er findet es – und bezieht seine Kritik damit auf eine andere, an dieser Stelle nicht anwesende Instanz – geradezu "verantwortungslos, dass die Jury dieses Stück eingeladen hat", das eigentlich den "Trash" der SMS-Kommunikation nicht überschreite und an der "Problematik des Handys" vorbeigehe. Jörder wirft dagegen den Erfolg des Stücks in die Waagschale. Und ein Zuschauer springt gleichfalls bei, indem er de Wecks "Lieblingsmenschen" als "dreidimensionale Figuren" beschreibt und deshalb sehr wohl von Literatur sprechen möchte.

Suche nach dem Echten

Das Ritualisierte und Formelhafte in der Kommunikation, das sie in ihrem Stück ausstellt, will de Weck gerade überwinden. Sie möchte, sagt sie, die von anderen längst als obsolet abgetane Frage nach der Authentizität für sich noch einmal ganz ernsthaft stellen: "Wann ist ein Mensch authentisch? Wann ist er echt?". Gerade davon zeigt sich ein dritter Zuschauer irritiert, schließlich gebe nichts Authentisches, dies sei bloße Fiktion. De Weck jedoch besteht darauf, noch auf der Suche nach dem Echten sein zu dürfen, an dessen (Leer-)Stelle sie die Figur des Philipp setzt – ihr "Held der Geschichte", der Einzige, "der sich nicht verstellt, der ist, wie er ist". Ihr gehe es um die Menschen, "um das Herz".

Gerade das fehlt allerdings einem anderen Zuschauer, für den beim Floskel-Zitieren und -Ausstellen keine Gefühle sichtbar werden. Der Text in Düggelins Inszenierung werde "einfach nur aufgesagt". Und am Ende komme dann inkonsequenterweise doch noch eine andere, einfühlsamere Spielweise zum Tragen.

Eine weitere Publikumsstimme vermisst dagegen den politischen Impetus, den de Weck in der Tat vehement bestreitet: Sie wolle weder "Politik machen" noch moralisieren. Dennoch besteht sie auf einer "Dringlichkeit" als Grundlage fürs Stückeschreiben. Erst wenn diese wieder groß genug sei und ein Thema sie inhaltlich wirklich gepackt habe, würde sie ihr nächstes Stück in Angriff nehmen. Umso besser, dass sie durch ihre Arbeit als Schauspielerin und die dementsprechende Absicherung die Möglichkeit habe, auf diese Dringlichkeit zu warten.

Lesen Sie außerdem die Mülheim-Nachtkritik zu "Lieblingsmenschen" und unser Porträt Gerhard Jörders. Oder stöbern sie im "Lieblingsmenschen"-Dossier.

Kommentare (4)add comment
...
geschrieben von Frauke , 13. Mai 2008, 01:05

De Weck wollte also "kein Generationenstück" schreiben, aber es ist "einfach eins geworden". Und gleichzeitig: das "letzte", was sie will, ist "Realismus". Das nenn ich mal eine stringente Argumentation! Fast so durchdacht wie das Stück!


mülheimer klüngel
geschrieben von laika , 13. Mai 2008, 19:05

kann man nun mal garstig sein und laut sagen, dass frau de weck vermutlich sowieso nur eingeladen wurde, weil ihr vater roger de weck ist? ob man ihr damit langfristig einen gefallen tut, ist zweifelhaft, auch wenn die dame sich kurzfristig auf dem podium wohl zu fühlen schien - den kritischen fragen aus dem publikum hatte sie ja jenseits von gefühlspornokitsch nicht besonders viel entgegen zu setzen ("wir verstecken unser wahres ich doch alle hinter phrasen."). die ist einfach nicht spannend, diese behauptetet empfindsamkeit, und da gibt es gerade echt dringendere fragen zu stellen.


Hallo Laika,
geschrieben von Redaktion , 13. Mai 2008, 19:05

bitte beziehen Sie Ihre Kritik auf die Sache. Solche Spekulationen sind wenig hilfreich. Laura de Wecks Stück "Lieblingsmenschen" lohnt die Diskussion, unabhängig von ihrer familiären Herkunft.


Zur Sache
geschrieben von josty polosty , 13. Mai 2008, 21:05

Das Positive am Stück ist, dass es mich wütend gemacht hat. Wütend, weil das "Fräulein-Wunder" de Weck in ihrem Stück ebenso wie auf dem Podium ein Jugendbild (re)produziert, das unmittelbar an den medial produzierten Bildern einer oberflächlichen, sprach- und beziehungslosen und völlig unpolitischen jungen Generation andockt: Keine Reflektion, kein Bruch, kein Konflikt, keine Notwendigkeit, kein Thema.

Besonders wütend, weil Laura de Weck in Girlie-Manier davon ausgeht, dass alles was ihr durch den Kopf geht, wichtig genug ist, veröffentlicht zu werden. Das ihr Stück und ihre Kommentare genauso belanglos sind wie die Information, dass sich Britney Spears per SMS von ihrem Freund getrennt hat, hätte ihr mal jemand sagen müssen. Das reicht nicht mal, um es heimlich beim Arzt zu lesen: Britney bietet hier und da wenigstens noch Glamour.

Fassungslos, weil eine kompetent besetzte Jury diese Belanglosigkeit durch die Einladung zu den Stücken adelt.

(...)

Mann, mann, mann ..., was für ein Abend.




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