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Publikumsgespräch zu René Polleschs Inszenierung von "Liebe ist kälter als das Kapital"

Die Regeln der Anderen

von Christian Rakow

7. Mai 2008. Das war ein Publikumsgespräch, wie es nicht alle Tage vorkommt: Die Protagonisten, angriffslustig (mit grauer Löwenmähne: Moderator Gerhard Jörder) und fabulierfreudig (das schwarze Hemd bis zur Brust geöffnet: Autor René Pollesch), attackieren sich hartnäckig, doch mit Fairplay (Jörder: "Ich will verstehen, was das mit der RAF zu tun hat"), und frotzeln (Pollesch: "Strengen Sie sich doch mal an, Herr Jörder"). Die Luft ist gesättigt von Lachern, Anekdoten und Bonmots (Pollesch: "Ich bin nicht Madonna, ich muss mich nicht andauernd neu erfinden"). Kurz: Es ist die würdige Verlängerung des Theaterabends, der gerade, unter heftigem Zuspruch des jüngeren Teils der NRW-Theaterszene, über die Bühne der Mülheimer Stadthalle ging.

Kälter als Buenos Aires

Jörder holt das Publikum mit einigen Basics ab: Pollesch, vier Mal nach Mülheim eingeladen und zwei Mal Sieger (unisono: "eine gute Quote"), ist mittlerweile in den Stuttgarter Abo-Spielplan aufgenommen und überhaupt breitenwirksam geworden. Dann bringt ein sinnfälliger Versprecher des Moderators die Runde in Gang: "Liebe ist kälter als der Tod". Ja, sagt Pollesch, dieser Fassbinder-Titel sei zwar "supergeil", aber auch "zu romantisch". Durch seine Abwandlung wolle er das Theater von gängigen Missverständnissen befreien und sich gegen den Kurzschluss wenden, wonach die Liebe doch eigentlich "warm" und das Kapital "kalt" sei.

Und schon steuert Pollesch auf eine erste, seit der Mülheimer Eröffnungsrede 2007 bestens bekannte und doch immer wieder gern gehörte Geschichte zu. Eine Schauspielerin spielte einmal in Buenos Aires mit Inbrunst, unter Ausschöpfung der "ganzen Klaviatur von Emotionen" Sarah Kanes "Psychose 4.48". Was dabei auf der Strecke blieb, so Pollesch, war das "große Nein zum Leben", das Kanes Text in seinen Augen besonders macht. "Nach der Inszenierung konnte man sagen: Das wird schon wieder." So wurde Kanes Grenztext konsumierbar gemacht, "neutralisiert".

Immer wieder tritt Pollesch mit solchen kürzeren oder längeren Künstleralltagserzählungen abseits des Wegesrands, scheint er den Fragen zunächst auszuweichen, um sie dann durch die Hintertür umso genauer zu beantworten. Was er mit seinen Stücken beim Publikum bezwecke, fragt ein Zuschauer. Und Pollesch erörtert, wie ein Theater denkt, das primär nach seinen Rezipienten schiele. Drei Mal habe sich die Schauspielerin Silja Bächli in ihrer ersten Saison am Schauspiel Stuttgart in Stücken der neueren englischen Dramatik ausziehen und vergewaltigen lassen müssen. Weil man das im Repräsentationstheater so mache – ganz ohne Unbehagen: "Wo ist denn Dein Problem, Silja? Siehst doch gut aus."

Der Vorhang zu und alle Synapsen offen

Fragen legen immer auch Rahmenbedingungen für Antworten fest. Pollesch entzieht sich hier, darin ganz dem postmodernen Denken verpflichtet, indem er die angesprochenen Themen in seinem eigenen Sprachspiel neu formuliert. Wer den Wirkungsabsichten seines Theaters nachfragt, wird vom Antwortgeber vordergründig enttäuscht. Umgekehrt kann er stattdessen dessen Spielregeln kennen lernen, etwa Kunst ohne Wirkungsabsichten zu denken.

Pollesch schaut sein Gegenüber im Publikum stets konzentriert an, als führe er ein privates Gespräch. Er kann auch still sein, lehnt sich oft zurück, raucht ohne Unterlass und lässt die Antworten seines Dramaturgen oder der Schauspieler, die mit ihm auf dem Podium versammelt sind, neben sich gelten. Und doch halten sich seine Begleiter mit Erklärungen zurück. Pollesch schalte bei den Spielern "die Synapsen ein", er lehre, Schauspiel "bewusster zu denken", und das erweise sich dann auch in anderen, konventionelleren Arbeiten als hilfreich, sagt Katja Bürkle.

Foucault zu guter Letzt

Ob Pollesch andere Theaterformen abschaffen wolle, hakt Jörder mehrfach nach, und Pollesch weicht den Volten aus: "Ich muss mich selbst nicht zum Pluralismus auffordern." Ob er fürchte, einmal zum Auslaufmodell zu werden, so wie Castorf und die Volksbühne gerade. "Da fällt mir wieder eine Anekdote ein", und Pollesch räsoniert: Wenn jemand zwei Mal hintereinander einen Klassiker nur mit Frauen inszeniert, gelte das schon als Marotte. Niemand aber frage, wieso in Klassikern ansonsten immer "weiße, heterosexuelle Männer" die ganze Menschheit repräsentierten. Neuheit ist eine Frage des Standpunkts, oder – am Schluss kommt dann doch erstmals ein Theoriezitat – mit Foucault: "Ständig wiederholtes Handeln ist Macht."

Ja, Pollesch wiederholt selbst viel an diesem Abend, variiert Geschichten, die man aus seinen Stücken oder Interviews kennt. Doch sind die Regeln, die er hier vorführt, seine Regeln, wahrlich kein Gemeingut. Sein Machteffekt zielt nicht aufs große Ganze und erscheint umso mehr als notwendiger Gegenentwurf zu einem Theaterkanon, der, nach Jörder, wieder mehr auf Traditionelles und "Gefühltes" setzt. Für den Autoren Pollesch, der demgegenüber seine Figuren "kalt aus der Hüfte schießen" lassen möchte, gab es hier vehementen Schlussapplaus.

Lesen Sie außerdem die Mülheim-Nachtkritik zu "Liebe ist kälter als das Kapital", die Interviews mit René Pollesch und der Schauspielerin Katja Bürkle sowie die Beiträge im "Liebe ist kälter..."-Dossier. Außerdem unser Porträt Gerhard Jörders.

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