Achtung, öffnet in einem neuen Fenster. | Drucken |

Christa und Bernhard Fluck sind Stammgäste bei den Mülheimer Theatertagen – und die tollsten Zuschauer, die sich ein Theater wünschen kann

Theaterfanatiker im besten Sinne

von Dorothea Marcus

Wenn alle wären wie sie, hätte das Theaterland Deutschland wohl doppelt so viele Theater. Es ist schwer, die beiden heute Abend zu erwischen, denn sie diskutiert mit Kristo Šagor noch über sein Inszenierungskonzept des offenen Wohnzimmers, und er versichert Philipp Löhle gerade, dass sein Stück keineswegs so schlecht war, wie es in der Diskussion beim Mülheimer Publikum weggekommen ist.

Christa und Bernhard Fluck sind 70 und 73 Jahre alt, leben in Düsseldorf, und man könnte sie ruhigen Gewissens als Theaterfanatiker bezeichnet. Oder wie soll man es sonst nennen, wenn zwei Menschen ihr Leben lang freiwillig im Durchschnitt einmal pro Woche ins Theater gehen, ohne Kritiker, Schauspieler, Regisseure oder Dramaturgen zu sein? "Wir sind vollkommen theaterbegeistert. Wir gehen in die Spitzentheater dort, wo wir ihrer habhaft werden können", sagt Christa Fluck.

Dafür reisen sie quer durch die Republik oder auch schon mal ins Ausland, zum Beispiel nach Avignon. Gestern waren sie bei den Duisburger Akzenten, davor bei den Ruhrfestspielen, in wenigen Tagen werden sie nach Berlin zur neuen Volksbühnen-Inszenierung von Dimiter Gotscheff fahren.

Diskutieren mit Schleef und Jelinek

Bei den Mülheimer "Stücken" sind die beiden seit Jahren Stammgäste und bei jedem Publikumsgespräch anzutreffen, zu deren Lebendigkeit sie mit ihren genauen Beobachtungen und klugen Fragen einen bemerkenswerten Beitrag leisten. Aber sie bleiben auch länger. So erinnert sich Christa Fluck noch daran, wie sie 1998 mit Einar Schleef und Elfriede Jelinek bis zwei Uhr nachts über das "Sportstück" diskutierte, für dessen Sieg sie vehement eingetreten war.

Seitdem war Jelinek noch achtmal eingeladen und hat zweimal in Mülheim gewonnen. Und nun findet selbst Christa Fluck, dass trotz Jelineks Genialität auch mal andere in Mülheim vorkommen sollten. "Der Jahrgang 2008 hat besonders hohe Qualität", sagt ihr Mann fachmännisch. "Endlich keine Textflächen mehr, stattdessen geht man sprachmächtig und fantasievoll an neue Stoffe heran." Besonders gut haben ihm Felicia Zeller und Laura de Weck gefallen.

Geteilte Leidenschaft

Akribisch bereiten sie sich auf jede Mülheim-Saison vor. Selbstverständlich hat Christa Fluck Theater heute abonniert und jedes eingeladene Stück, das abgedruckt ist, gelesen. Auch in privater Nachwuchsförderung sind sie aktiv: ihre Töchter, eine Filmregisseurin und eine Ärztin, haben sie mit Theater infiziert, jetzt sind die Enkel dran und werden oft nach Mülheim mitgenommen.

Dass sie Pensionärin ist, sieht man der Frau mit dem blonden Pagenschnitt, Jeans und Lederjacke kaum an. Seit 1960 sind die beiden verheiratet und haben ihre Leidenschaft von da an miteinander geteilt – nicht nur die für Theater: "Jahrelang waren wir in der Düsseldorfer Kunstszene unterwegs." Dass es ihnen dabei nicht nur um das Flair der Bohème geht, sondern in erster Linie um die Kunst und deren Inhalte, nimmt man ihnen sofort ab.

Regietheater? Ist doch klasse!

Wird man da nicht, wie manch ein Kritiker im 20. Berufsjahr, müde, abgebrüht und sogar zynisch gegenüber dem Theater? "Niemals", sagt Christa Fluck entschieden und gerät ins Schwärmen: "Dieses Gesamtkunstwerk, diese zusätzliche Dimension, die der Text durch die Inszenierung bekommt, diese Zusatzwirklichkeit, die man geschenkt kriegt".

Die Auswüchse des Regietheaters können sie nicht schockieren; ihre Lieblingsregisseure sind Robert Wilson, Andreas Kriegenburg und Michael Thalheimer. Aber kritisch sind sie auch denen gegenüber: Bernhard Fluck etwa war bei Thalheimers "Emilia Galotti"-Version nicht ganz wohl, seine Frau hatte zuletzt Schwierigkeiten mit Genazinos "Hausschrat" in der Inszenierung von Roberto Ciulli.

Aber das kann ihrer Leidenschaft keinen Abbruch tun. Natürlich werden sie bei der Abschlussdiskussion wieder dabeisitzen, auch wenn sie da ausnahmsweise nicht mitreden können, weil nur die Jury diskutiert. Ihre Favoriten auf den Sieg stehen schon fest. Welche das sind, verraten Christa und Bernhard Fluck freilich nicht.

Kommentare (0)add comment

Kommentar schreiben
kleiner | groesser
 

busy