nachtkritiken

Zu allen eingeladenen Inszenierungen und Kinderstücken können Sie hier spätestens ab neun Uhr vormittags aktuelle Kritiken lesen, am Wochenende ab zehn Uhr.

25. Mai 2008.
Der dumpfe Herzschlag, der durch Andreas Kriegenburgs Drehbühnen-Inszenierung von Dea Lohers Schicksalsreigen "Das letzte Feuer" pulsiert, ging voll auf das Mülheimer Publikum über. Das stürzte nicht nur den ganzen Saal, einschließlich unserer Korrespondentin Ulrike Gondorf, in Furcht und Mitleid, sondern bewegte auch die Juroren bei der anschließenden Schlussdiskussion zu Bewunderungsbekundungen – und zur Vergabe des 33. Mülheimer Dramatikerpreises an Dea Loher.

24. Mai 2008. Wegen eines Selbstmörders strandet der ICE auf offener Strecke. In ihrer Kasseler Inszenierung von Theresia Walsers "Morgen in Katar" steuert Schirin Khodadadian die Insassen dieses Zuges schnellstmöglich aus der leisen Beiläufigkeit in die Karikatur. Das bedauert Dorothea Marcus.

22. Mai 2008. Kein Lama, keinen Bock. Kristo Šagor nimmt Philipp Löhles "Genannt Gospodin" in seiner Bochumer Uraufführung die Chance, die Verrücktheiten der Normalität zu entlarven. Dabei würde Wolfgang Behrens in dem Aussteiger-Helden nur allzu gern einen Wiedergänger des Dostojewski'schen Idioten sehen.

21. Mai 2008. "Fisch aus der Dose" nennt die Gruppe "Die Blindfische" ihr fröhlich zweckfreies Musikprogramm, das zum Abschluss der "KinderStücke" ein Zelt voller Kinder zum Mitsingen bringt. Außerdem bekommt der Rocknachwuchs beigebracht, wie eine Zugabe funktioniert. Wolfgang Behrens geht die Sache mit Rilke an.

20. Mai 2008. Singende Pinguine und Noah in Hausschlappen – Andrea Kramer stellt in ihrer Inszenierung von Ulrich Hubs "An der Arche um acht" die wirklich großen Fragen nach Gott, Moral und Käsekuchen. Nicht nur die Kinder im Mülheimer Theaterzelt, sondern auch Dorothea Marcus waren angetan.

18. Mai 2008. "Hexen hexen immer" – Maria Neumann und Gerd Posny veranstalten mit Kindern der Mülheimer Karl-Ziegler-Schule ein Zelttheaterspektakel mit Hunden, Mäusen, Elfen und Kuchen. Nikolaus Merck war staunend zugegen.

17. Mai 2008. Ewald Palmetshofer lässt in "hamlet ist tot. keine schwerkraft" die heutigen Nachkommen des weißen, männlichen, heterosexuellen Helden in merkwürdig fragmentierten Sätzen sprechen und obskurantistisch-theologische Monologe halten. Ein Text, der abheben, spielen, wirbeln will. In Felicitas Bruckers Wiener Inszenierung wird Palmetshofers Kunststück jedoch, zum Bedauern von Nikolaus Merck, in Richtung Realismus gesteuert.

17. Mai 2008. "Küsst euch!" – Das und anderes rufen die Kinder in die ambitionierte Inszenierung "Ein Wort ist ein Wort" von Martina van Boxen hinein. Leider werden sie zu wenig gehört, meint Esther Boldt.

16. Mai 2008. Ohne Präpositionen und bestimmte Artikel kommuniziert sich's schwer! Regine Müller lobt das Tempo und die Geradlinigkeit von Lars Reichows Bühnenversion von Hans Joachim Schädlichs Kinderbuchklassiker "Der Sprachabschneider", es wird ihr aber ein bisschen viel mit den Augen gerollt.

15. Mai 2008. Wenn die Wolfe hauchen – Rob Vriens Inszenierung von "Ein Schaf fürs Leben", mit der die "Kinderstücke" eröffnet werden, macht die Tierfabel zum Psychogramm eines Triebtäters. Ziemlich irritierend, so ein Schaf mit Ladyshaver, findet Christian Rakow.

14. Mai 2008. Die Zeitungen sind voll von Geschichten über vernachlässigte, misshandelte Kinder. Von ihnen erzählt auch Felicia Zeller in "Kaspar Häuser Meer". Statt jedoch zu Beamtenschelte oder Sozialschnulzerei anzuheben, stellt sie die Verwalterinnen des Elends in den Mittelpunkt. Regine Müller sah in Marcus Lobbes' Freiburger Inszenierung ein präzise aufeinander eingespieltes Burnout-Terzett.

12. Mai 2008. SMS-Kommunikation, vergeigte Prüfungen, Liebeskummer – in Laura de Wecks "Lieblingsmenschen", das als drittes Stück in Mülheim gastiert, sieht Christian Rakow dennoch kein Porträt der heutigen Studierendenschaft, sondern eine inhaltsbereinigte, wortwitzpolierte Textoberfläche.

8. Mai 2008. In René Polleschs Inszenierung "Liebe ist kälter als das Kapital", die anlässlich der Jubiläumsreihe zum "Deutschen Herbst" im September 2007 am Schauspiel Stuttgart entstand, sind fünf Schauspieler mit Türenklappern, Ohrfeigenverteilen und Repräsentieren beschäftigt. Esther Boldt erklärt, was das alles mit Terrorismus zu tun hat.

5. Mai 2008.
Die Spiele haben begonnen! Fritz Katers "Heaven (zu tristan)", das Eröffnungsstück der 33. Mülheimer Theatertage, entführte Esther Slevogt in eine verödende ostdeutsche Landschaft, deren Figurenbevölkerung den Verlust von Utopie so beleidigt beklagt, als hätte die Treuhand sie ihr vor der Nase wegprivatisiert.