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Ein Wort ist ein Wort – Martina van Boxens Inszenierung ist zu ambitioniert, um Spaß zu machen

Mitspiel nicht erwünscht

von Esther Boldt

16. Mai 2008. Draußen scheint die Sonne, im Zelt ist es heiß – und trotzdem finden die Kinder es super. Geschwind krabbeln sie auf die Bänke oder setzen sich gleich auf den Boden. Wie schon der Titel besagt, geht es in Michael Ramløses Stück "Ein Wort ist ein Wort" um die Sprache. Auf der Bühne sitzt ein Mann in Latzhosen (Matthias Alber) zwischen Stapeln von Holzkisten und langweilt sich. Er versucht, sich mit Zaubertricks die Zeit zu vertreiben, aber das Taschentuch will einfach nicht in seiner geschlossenen Faust verschwinden. Zu ihm gesellt sich eine energische Frau im roten Kleid hinzu (Elke Cybulski), die es auch gern lustiger hätte. Dann bekommt sie eine Idee: Sie könnten einen Laden eröffnen, in dem Wörter verkauft werden.

Ihre Ware finden sie in den Kisten: Eine rumpelt, weil in ihr die "Wut" ist, in einer anderen ist die "Stille", in einer dritten sind "schlimme Wörter". Aber es kommt niemand, um Worte zu kaufen – dabei gibt es, wie die vielen Zwischenrufe zeigen, lebhaftes Interesse im jungen Publikum. Die werden auf der Bühne aber leider ignoriert.

"Küsst euch!"

Mangels Kunden übt das namenlos bleibende Paar den Verkauf im Rollenspiel, das Wort "Mütze" wird verkauft, ein "Traum" geteilt, und darüber nähern sich der etwas verschlafen wirkende, harmoniesüchtige Clowns-Mann und die polternde, ungeduldige Hoppla-Frau einander an. Am Ende wird Freundschaft geschlossen, ein Kistchen mit dem Wort "Freund" getauscht, das aber unbezahlbar ist und folglich nur verschenkt werden kann. Sie schenkt es ihm, er schaut verlegen, und die Kinder, durch romantische Film-Enden geschult, rufen "küsst euch!" und "heiraten!".

Man spürt das große Wollen der Inszenierung von Martina van Boxen, das vielleicht auch von PISA herweht. Voller Bildungsdrang soll hier etwas über den Sinn der Sprache weitergegeben werden. Kein leichter Stoff. Die Wörter bleiben hier – anders etwa als bei James Krüss' "Timm Thaler" – immer abstrakt, denn "Ein Wort ist ein Wort" entwickelt keine tragfähige Geschichte um sie herum.

Anrufen gegen die vierte Wand

So wird der fingierte Wörterverkauf schnell öde, auf der Bühne parliert man verkopft, unterwegs werden die Kinder ausgebootet. Beharrlich versuchen die Schauspieler, die vierte Wand zu behaupten, gegen die die kleinen Zuschauer anrufen und sich einzumischen versuchen. Gerade das will Kindertheater ja oft provozieren – hier ausgerechnet nicht. Eine absurde Situation von fehlgeleiteter Kommunikation, der man etwas Lustiges abgewinnen könnte, wäre sie nicht so traurig.

Trotzdem bleiben die Kinder dran, verfolgen das Bühnengeschehen mit bewundernswerter Hartnäckigkeit und begierig danach herauszufinden, was da eigentlich passiert. Auf dem Boden sitzend, schieben sie sich immer näher an die ebenerdige Spielfläche heran, um von Elke Cybulski sanft, aber nachdrücklich wieder fort geschoben zu werden. Eine geschlossene Illusion ist aber offensichtlich nicht das, was diese Kinder interessiert, sie wollen darin vorkommen, sie wollen laut mitdenken dürfen, ein Teil der Veranstaltung sein.

Mehr Spielspaß, weniger Ambition

Wie gut solche Interaktion funktionieren kann, haben Showcase Beat Le Mot im letzten Jahr mit ihrem herrlichen "Hotzenplotz" bewiesen. Ohne Kinder war dieses Stück verloren, das wiederholten die Feuilletons und empfahlen allen: Vormittags hingehen, wenn viele Kinder da sind, dann ist die Aufführung am besten. Denn die Performer von Showcase hatten für ihr junges Publikum eine feste Rolle vorgesehen, die sie bereitwillig und zur großen Freude der anwesenden Erwachsenen erfüllten. Die Kinder wurden zu Komplizen der Spaßgesellen auf der Bühne, auch wenn deren Botschaft vielleicht nicht so elaboriert war, sondern primär aufs sehr theatrale Vergnügen angelegt.

Denn wer sagt, dass man aus dem Theater immer etwas Erlerntes mit nach Hause nehmen muss? Dass Freunde eine dufte Sache sind – und das konnten sie hier als Botschaft mitnehmen – wussten die Mülheimer Kids wahrscheinlich auch schon vorher. Bei "Ein Wort ist ein Wort" hätte man sich auf jeden Fall etwas weniger bildungstechnische Ambitionen gewünscht, dafür mehr Spaß am Spiel und vor allem, dass die Kinder dabei mitgenommen werden.

Ein Wort ist ein Wort
von Michael Ramløse

Regie: Martina van Boxen, Kostüme: Antoni Knigge, Bühne: Michael Habelitz. Mit Matthias Alber und Elke Cybulski.

www.theaterwerkstatt-hannover.de


Mehr zum "Kinderstücke"-Festival.

Kommentare (1)add comment
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geschrieben von luiselotte , 17. Mai 2008, 11:05

das ist ja das uralte problem des kindertheaters. entweder fühlt es sich irgendeinem verkitschten kindheitsbegriff verpflichtet (wozu man inzwischen auch das berliner grips theater zählen muß, mit seiner blöden kinderladen-klischee-romantik von der klugen linken göre) oder kinder dürfen gar keine kinder sein. müssen ständig das leid der welt über sich ergehen lassen (als protagonisten oder zuschauer). oder den machern ist peinlich, dass sie theater für kinder machen und sie ersticken ihre projekte in ästhetischer überambition, was offensichtlich hier der fall gewesen ist. ja. hier müsste jenseits des lobbyismus der assitej-funktionäre dringend eine unabhängige instanz her, die sich hier mal übergreifend kümmert. war da nicht mal ein mülheimer kinderstück-preis angedacht?



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