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An der Arche um Acht – Andrea Kramer stellt in ihrer Inszenierung von Ulrich Hubs Kinderstück die wirklich großen Fragen nach Gott, Moral und Käsekuchen

Sintflut? Kommt nicht wieder vor!

von Dorothea Marcus

19. Mai 2008. Wenn drei Pinguine aufeinander treffen, kann es schon mal zu einer Schlägerei kommen. Ist schließlich ziemlich öde an der Arktis, und irgendwie stinkt immer jemand nach Fisch. Die drei Schauspieler in felligen Pinguinkostümen springen sich an und werfen sich um, aus purer Langeweile, manchmal singen und tanzen sie auch.

Als ein – unsichtbarer – Schmetterling vor dem schimmernden, grün angeleuchteten Plastikfolienvorhang vorbeiflattert, entzünden sich existentielle Fragen. Wer hat gesagt, dass man nicht töten soll? Gibt es Gott? Und wenn er wirklich alles geschaffen hat, hat er nicht auch böse Pinguine gemacht und sie mithin von jeder Schuld freigesprochen? Oder ist man ein Mörder, wenn man sich schließlich unabsichtlich auf den Schmetterling setzt, den man kurz vorher verbal umbringen wollte? "Gott gibt es nicht!", kräht der vermeintliche Untäter und verschwindet beleidigt. Offenbar ein Sakrileg – durch die Kinder im ausverkauften Zelt am Wasserbahnhof geht ein Raunen.

Tickets für die Arche

In die philosophische Moraldiskussion der Übriggebliebenen platzt eine Frau in grauem Kostüm mit rosa Hut, zuckenden Kopfbewegungen und langen Hüttenschuhen. Ganz klar, eine Taube. Sie meldet das baldige Hereinbrechen der Sintflut – Gott wolle die Mensch- und Tierheit für ihre Bösartigkeit bestrafen – und bietet zwei Rettungsplätze auf der Arche an. Damit erledigt sie die religiöse Seinsfrage quasi von selbst: Wer so etwas veranlasst, muss existent sein.

Das schafft neue Konflikte: Wie kann Gott zulassen, das alle anderen Tiere ertrinken? Darf man seinen Freund einfach zurücklassen, nur weil man sich mit ihm gestritten hat? In einer riesigen Tasche wird er schließlich doch noch auf die Arche – beim Consol Theater eine Leiter hinter einem zweiten Plastikfolienvorhang – geschmuggelt, an der strengen Taube vorbei, die vor lauter Organisationsstress einfach nicht drauf kommt, was sie an Land vergessen hat.

Gott mag keinen Käsekuchen

Von nun an könnte Andrea Kramers Inszenierung auch in einem avancierten Kindergottesdienst stattfinden, in dem Gott wie eine konstante und verlässliche Größe behandelt wird. Zwar glänzt Noah durch Abwesenheit, dafür wird – zuweilen etwas mühselig und schief – getanzt und gesungen, und regelmäßig wachen schlafende Elefanten oder Löwen auf und werden als dröhnende Tonkonserven eingespielt. Weil der geschmuggelte Freund versteckt bleiben muss, aber quietschlebendig und lautstark redselig ist, ergeben sich lustige Situationen.

Zum Beispiel, als sich einer der Pinguine in der Tasche zur Tarnung als Gott ausgibt und die Taube damit fast reinlegt. Woran erkennt man, dass jemand auf keinen Fall Gott ist? Daran, dass er Bedürfnisse nach Käsekuchen hat – oder dass er zugibt, das die Entscheidung für die Sintflut vielleicht doch etwas übertrieben war? Darf Gott irren? Und kann man, moralisch gesehen, jemandem die Kekse wegessen, den man doch eben gerade vor dem Ertrinken gerettet hat?

Noah mit Hauschuhen

Als die Taube drauf kommt, dass sie ihr zweites Gegenstück an Land vergessen hat, ist es zu spät. Wie ihre Gattung die Sintflut überleben konnte, bleibt aber schließlich die einzig ungeklärte Stelle des Stücks. Denn es ist erfrischend und erstaunlich, wie das preisgekrönte Stück von Ulrich Hub – ursprünglich ein Hörspiel – es immer wieder schafft, mit leichter Hand die wirklich großen Fragen aufzuwerfen und dabei nie betulich oder bemüht zu wirken.

Beim Anlegen der Arche nach 40 Tagen macht Noah Gesichtskontrolle an der Schiffsschranke, die aus dem Brett besteht, das er trägt. "Selten so amüsiert wie auf der Arche Noah", versichern die Pinguine, um möglichst schnell an ihm vorbeizukommen. Dann verwechseln sie ihn aber doch mit Gott – schließlich haben sie ihn sich immer so vorgestellt, in langem Mantel mit Hausschuhen. "Das ist Noah, du Trottel!", herrscht die Taube sie an und thematisiert damit indirekt selbst das religiöse Bildnisproblem. Aber immerhin steht Noah vielleicht wirklich in engerem Zwiegespräch mit "ihm" und kann übermitteln, dass Gott seinen Fehler immerhin eingesehen hat und nicht wiederholen wird.

Ihhhh, ein Pinguinkuss!

Eigentlich dürfte nun niemand mehr bestreiten, dass es Gott gibt – doch kaum haben die drei Pinguine festen Boden unter den Füßen, geht das Gestreite und Gezweifel wieder los, voll bodenständiger Realität entgeht die Inszenierung so auch dem Gottesdienstverdacht. Nur die Taube steht traurig daneben, auch ein zärtlicher Pinguinkuss ("Ihhhh!" rufen die Kinder begeistert) kann sie nicht aus ihrer tiefen Gattungseinsamkeit erretten.

Doch zum Glück endet das Stück nicht so profan, sondern bleibt klug in der Schwebe: Zum Schluss sinken bunte Blätter auf die drei Pinguin-Freunde, und der totgeglaubte – unsichtbare – Schmetterling ist wieder da. Auch wenn es vielleicht ein anderer als der zu Beginn "ermordete" ist – könnte es eine schönere und undogmatischere Gottesvermutung geben? Dass die vier Schauspieler vom Gelsenkirchener Consol Theater, allen voran die Taube, manchmal ein wenig zu augenrollend und expressiv schauspielern, verzeiht man gerne bei diesem weisen und mit einfachen Mitteln klug inszenierten Stück, dessen Fragen sich noch lange im Kopf bewegen.

An der Arche um acht
von Ulrich Hub

Regie: Andrea Kramer. Mit: Sabine Flack, Eric Rentmeister, Fabian Sattler, Marco Sepe, Elmar Rasch

www.consoltheater.de

Die Nachtkritik zu Ulrich Hubs "Ich, Moby Dick" in Köln lesen Sie hier.

Kommentare (2)add comment
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geschrieben von Kindsmutter , 21. Mai 2008, 12:05

Ihre Begeisterung hat meine theaterinteressierte 10jährige Tochter (Räuber Hotzenplotz von Showcase Beat Le Mot fand sie "Supergeil") leider nicht geteilt. Sie erzählte mir, drei Pinguine hätten sich angesprungen und es sei darum gegangen, ob es GOtt gebe oder nicht. Am Ende seien sie zu der Meinung gekommen, es gebe ihn. "Langweilig!"


Leerstelle
geschrieben von Trautmann , 21. Mai 2008, 16:05

Tauben sind Zwitter - ich hatte immer schon geahnt, dass mit den Viechern irgend etwas nicht stimmt.



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