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Fisch aus der Dose – Zum Abschluss der "KinderStücke" bringen "Die Blindfische" mit ihren fröhlich zweckfreien Mitmach-Songs ein Zelt voller Kinder zum Klatschen

School of Rock

von Wolfgang Behrens

20. Mai 2008. "Du musst dein Leben ändern." Der Imperativ, der Rainer Maria Rilke zufolge von einem gelungenen Kunstwerk ausstrahlt, hat sich – genau hundert Jahre nach der Entstehung seines Gedichts "Archaischer Torso Apollos" – deutlich abgeschwächt. Kunstreligiöse Anwandlungen werden heute eher skeptisch beurteilt, der große Appell ist aus den Hervorbringungen des Theaters, der Musik, der Bildenden Kunst fast gänzlich verschwunden. In Mülheim konnte man in der vergangenen Woche besichtigen, wohin er sich – in den Dimensionen etwas zurechtgestutzt – zurückgezogen haben könnte: ins Kindertheater. Wo das Theater der Großen jedem Zeigefinger aufs Heftigste misstraut, da gedeihen im Theater der Kleinen aufs Fröhlichste Fabel und Parabel – ob Pinguine, Wölfe oder Schafe, eines ist ausgemacht: Tua res agitur – deine Sache wird betrieben. Statistische Erhebungen, wie viele Kinder nach Ansicht eines Theaterstücks ihr Leben ändern, sind allerdings wohl nicht bekannt.

Unsinn statt Indoktrination

Was auf der einen Seite schön ist: dass nämlich Kunst/Theater hier (vielleicht) noch etwas bewirkt, eingreift und belehrt, das lässt auf der anderen Seite die Gefahr der Überpädagogisierung wachsen und kann im Extremfall – zumal bei einem noch sehr formbaren Publikum – sogar indoktrinäre Züge annehmen. Und deshalb gibt es natürlich auch im Kindertheater das Andere: den zweckfreien Unsinn, den Spaß, den Fun. L’art pour l’art sozusagen.

Zum Abschluss der "KinderStücke" hat man denn auch in Mülheim einmal alle Fabelhaftigkeit und jeden doppelten Boden fahren lassen, um einfach mal das Haus resp. das Zelt am Wasserhafen zu rocken. Das Trio „Die Blindfische“ präsentierte sein Programm "Fisch aus der Dose", Rocksongs mit – so die Ankündigung – "witzigen und nachdenklichen Texten". Wobei die nachdenklichen offenbar sehr gut versteckt waren: ganz überwiegend hörte man doch vertraut harmlose Kinderlyrik wie: "Wo ist der Ka-Ka-Kakadu, o Schreck! Der kleine Ka-Ka-Kakadu ist weg."

Pupen und Loopen

Die drei "Blindfische", die sich als eine Art lustig-gutmütige Piratentruppe in Ringelpullis und (zu zwei Dritteln) in Dreiviertelhosen einführen, kommen auf so beneidenswerte Weise hypersympathisch rüber, dass es ihnen mühelos gelingt, die Kinder zu zahlreichen (den älteren Semestern ja oft so verhassten) Mitmachnummern zu überreden. Da wird – zu den von E-Gitarre, Bass und Schlagzeug solide begleiteten Liedern – getrampelt und geklatscht, da werden Arme angewinkelt und Hände gerieben, Schlüssel geschüttelt und die Ohren des Sitznachbarn nach, ja, nach Kakadus durchsucht. Und die verkalkten Hirne der Angejahrten können nur staunen, wie schnell noch die Kleinsten Refraintexte lernen und sogar solistisch ins Mikrofon zu rappen verstehen, etwa: "Ich bin der Bauarbeiter, und ich baue immer weiter, mit der Kelle auf die Schnelle hier auf meiner Baustelle. Ich baue hoch, ich baue tief, immer grade, niemals schief."

Zweimal wird's wirklich interessant – will sagen: auch für den erwachsenen Zuschauer. Einmal entnehmen die "Blindfische" der übergroßen, als Hauptrequisit dienenden Wunder-Fischbüchse, die dem Programmnamen Pate steht, ein Mikrofon: Wer in das hineinsingt, -spricht oder -pupt, der wird gesampelt und geloopt. So wird den Kindern – hoppla, Pädagogik! – auf spielerische Weise ein Grundprinzip populärer Musik vorgeführt. Das hätte man ausbauen können.

Zu-ga-be!

Und dann ist da noch das Ende der Show, ein tolles Lehrstück: Als sich die Band verabschiedet, nehmen die längst völlig auf ihre drei musizierenden Helden eingeschworenen Kinder das wörtlich – und wollen sofort aufbrechen! Nur mit einigen Tricks können sie dazu bewegt werden, noch eine Zugabe zu fordern. Als die dann prompt anfängt, ist aber ein Teil des jungen Publikums schon so außer Rand und Band, das er immer weiter "Zugabe" schreit, obwohl die ja nun bald schon wieder rum ist.

Hier sollten die Kinder offensichtlich wirklich etwas lernen. Nämlich: wie ein ordentliches Rockkonzert abläuft, mit Abschlussjubel und Zugabenblock. Gelernt hat zudem der Berichterstatter: Wie seltsam dieses Ritual eigentlich ist, und wie schön die Eigendynamik der Kinder es ad absurdum führt.

Fisch aus der Dose
Rockmusik für Kinder ab 5 Jahren
von Die Blindfische
Mit: Markus Rohde (Gesang, Gitarre), Andi Steil (Gesang, Schlagzeug, Perkussion), Rolf Weinert (Gesang, Bass).

www.blindfische.de

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