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Hexen hexen immer – Maria Neumann und Gerd Posny veranstalten mit Kindern der Karl-Ziegler-Schule ein Spektakel mit Hunden, Mäusen, Elfen und Kuchen

Sehnsüchte im Sternenrittergewand

von Nikolaus Merck

17. Mai 2008. Samstagnachmittag: Auf, auf zum Wasserbahnhof. Schöner beziehungsreicher Name für den Wasserort. Werden wir noch brauchen den Wasserbahnhof, wenn es nicht bald aufhört zu nieseln und zu regnen. Im wunderschönen Monat Mai, als es uns klamm ward an der Ruhr. Juchhee!

Kinder bringen ihre Eltern mit, Eltern zwingen ihre Kinder zum Theaterbesuch, Erziehungs-business as usual. Es folgt: Warten und stehen im Niesel. Drinnen im Zelt tobt die letzte Probe. Dann rein, Kinder nach vorn auf die Sitzkissen, zusammenrücken, kannst Du sehen, Schatz? Was diesmal anders ist: Neun- bis elfjährige Kinder der Karl-Ziegler-Schule zu Mülheim haben ihr aus kleineren und größeren Szenen zusammengesetztes Theaterstück selbst geschrieben, in einer vom Kulturbetrieb Mülheim veranstalteten Schreibwerkstatt im letzten Herbst. Als die Ergebnisse vorlagen, las sie die Schauspielerin Maria Neumann, rief "Juchhu!" und: "Das muss ich machen", ging hin und probte mit den Schreibe-Kindern.

Remmidemmi in der Manege

Am Samstag neben dem Wasserbahnhof nun das Ergebnis im Zelt unterm Regen: "Hexen hexen immer. Ein Spektakel". Das mit den Hexen kann sein, Spektakel stimmt jedenfalls. 19 Kinder, ein Pudel, eine Schauspielerin, zwei Helferinnen und ein Musikant (Gerd Posny vom Theater an der Ruhr) sorgen schon beim stürmischen Entrée in die Manege ordentlich für Remmidemmi. Dann folgen die Geschichten rasch aufeinander. Paula aus Syrien, die ihren Vater nie persönlich kennengelernt hat, nur am Telefon, gespielt von zwei Mädchen, eine erzählt und, feine Idee das, die andere tanzt. Im nächsten Kapitel treten zwei Busenfreundinnen auf, aus denen mit rechten Mühen drei beste Freundinnen werden, endlich genug, um Otto, dem kotzbrockigen kleinen Bruder, eins auf die Rübe zu geben.

Oder die großen Sachen, "Die mutigen Elfen", die der kranken Mutter den heilenden Zaubertrank aus obskuren Regionen besorgen, von deren Betreten die Polizei hierzulande schärfstens abriete. Oder die Geschichte mit Phönix, dem fliegenden Pferd, und "Karl dem Dichter im Bild", aber die gibt es nur als Hörspiel. Doch was heißt hier nur? Die Kids verhandeln ihre altersgemäßen wie die epochalen Probleme, verhandeln ihre Träume und Sehnsüchte, die sich gerne ins Sternenrittergewand kleiden, in vielerlei medialer Manier.

Billy allein im Wald

Tanz, Hörspiel, Video oder Schauspiel pur, die Jungkreativen scheuen vor schier gar nix zurück. Und allen Ergebnissen sieht man das heiße und beseelte Bemühen an. Natürlich wird herumgenuschelt – aber nicht nur: Es gibt auch die starke Gesangsnummer von Ferhat Özmeral und Tobias Amann. Natürlich wird heftig und verwirrend durcheinander gewuselt – aber nicht nur: Überall sind auch klare und geradlinige Haltungen zu sehen.

Warum allerdings Maria Neumann ausgerechnet die Geschichte von Billy Maus, der im Wald ausgesetzt wird, zum Glück überlebt und zehn Jahre später seine Eltern wieder findet, warum also Maria Neumann ausgerechnet die Angst des verlassenen Kindes mit professioneller Schauspielerei unangenehm lebendig werden ließ, erschloss sich dem erwachsenen Betrachter nicht. Aber – da mögen die Generationen unterschiedlich reagieren. Der neunjährige Jonja, befragt nach dem stärksten Eindruck des Nachmittags, gab zu Protokoll: "Die Szene mit den Mäusen." – "Wieso gerade die?" – "Weil die so witzig war." – "Aber Jonja, das war doch ganz traurig, wie Billy ganz allein und verlassen Angst bekam...?" – "Nein, ich fand das witzig." Wie dem auch sei, selbst die große Billy-Mäuse-Angst verlor sich spätestens im finalen Kurzstück, in dem sich ein schimmliger Apfelbrei in einen prachtvollen Apfelkuchen (spendiert von der ansässigen Großbäckerei) verwandelte, voluminös genug, um dem ganzen Zelt die sonntagnachmittagsübliche Mehlspeise zu spendieren.

Brecht 4 Kidz

Nachbemerkung: Selbstredend liegen Sinn und Zweck einer solchen Veranstaltung weniger in der Produktion öffentlich präsentabler Ergebnisse. Es geht, gerade wie in Bertolt Brechts originaler Lehrstück-Theorie, um die Selbstbelehrung der Spieler, um Einübung von Haltungen und Verhaltungsweisen. Der in dieser Hinsicht erzielte Ertrag lässt sich naturgemäß nicht von außen, den müssen Eltern, Erzieher und vor allem die Kinder selber beurteilen.

Hexen hexen immer. Ein Spektakel
Koproduktion von Theaterbüro des Kulturbetriebs, Theater an der Ruhr und Karl-Ziegler-Schule.

Künstlerische Leitung: Maria Neumann und Gerd Posny. Textarbeit: Maria Neumann und Barbara Schmidt. Theaterpädagogische Betreuung: Heide Urban.

Mit: Sabrina Adolf, Tobias Amann, Almedina Bronja, Adisa Cucak, Jessine Frenzel, Davina Götting, Lea Kolodziej, Adelina Livakovec, Dominik Marczok, Paula Nevin Abu Zeid, Ferhat Özmeral, Vanessa Schneider, Franziska Schoofs, Vanessa Sivry, Thanusiah Selvanooerthy, Josefine Smorra, Melina Stanke, Michael Steinfort, Sibel Yasici.

Kommentare (1)add comment
was ist denn mit den Namen passiert?
geschrieben von ... , 11. Juni 2009, 18:06

haha total viele Namen wurden falsch geschrieben.


(Lieber unbekannter Korrekturleser,
vielleicht sagen Sie einfach, welche Namen wie richtig geschrieben werden, damit wir das korrigieren können?
Freundliche Grüße,
die Redaktion)




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