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Ein Schaf fürs Leben – Rob Vriens macht die Tierfabel zum Psychogramm eines Triebtäters

Die mit dem Wolf tanzt

von Christian Rakow

14. Mai 2008. Im Kindertheater tut sich etwas. Durchsichtige Plots, mit breitem Grinsen und in bunten Verkleidungen vorgetragen, sind in den bemerkenswerteren Arbeiten dieses Genres anscheinend passé. Man setzt auf Brüche, perspektivierte Erzählungen, offene Schlüsse – und kauft sich damit auch Risiken ein: Spätestens mit den vehementen Diskussionen über Frank Castorfs "Emil und die Detektive" im Forum auf nachtkritik.de ist deutlich geworden, dass es Erwachsenen bisweilen die Schuhe auszieht, was da auf den Bühnen als kindgemäß verkauft wird.

Zu den Stücken, die das große Kopfschütteln bei allen oberhalb der angegebenen Altersspanne (6 bis 11 Jahre) auslösen, darf sich auch die Eröffnungsinszenierung des diesjährigen "Kinderstücke"-Programms in Mülheim zählen: "Ein Schaf fürs Leben" vom Theaterhaus Frankfurt. Schon die zutage liegende Geschichte ist nicht ohne Tücken und Rätsel: Ein streunender, hungriger Wolf verführt ein Schaf zu einer Schlittenfahrt, um es anschließend im dunklen Wald, bei einem See verspeisen zu können. Während das Schaf, in kompletter Verkennung der Gefahr, sich prächtig amüsiert, sich zunehmend mit dem Wolf anfreundet und ihn gar vor dem Ertrinken rettet, driftet der Wolf bald in den inneren Konflikt: Wie kann er töten, was er lieb gewinnt? Nach einem Angsttraum beendet er schließlich die für beide prekäre Situation, indem er das ahnungslos ihm ergebene Schaf nach Hause schickt – alles andere als ein Happy End.

Schaf mit Ladyshaver

Einen "Konflikt zwischen Instinktverhalten einerseits und ethisch-moralisch motiviertem Verhalten" entdeckte die Jury des NRW-Kinderbuchpreises 2004 in dem Buch von Maritgen Matter und Anke Faust, auf dem die Inszenierung basiert. Das Theater hebt seinerseits die Mehrdeutigkeit der Fabel hervor. Die Schauspieler streiten einleitend, was sie erzählen wollen: "Eine Freundschaftsgeschichte". Nein, "einen Krimi!" Oder doch "eine Liebesgeschichte"? "Auf alle Fälle eine Geschichte mit Musik." Was dann aber folgt, weist doch in eine andere Richtung. Wir sehen einen Psychothriller à la "Es geschah am helllichten Tag".

Denn unter der Regie von Rob Vriens gehen Günther Henne und Uta Nawrath sehr weit in der Vermenschlichung ihrer Figuren. Inmitten eines Sets wie für eine Jam-Session, mit Verstärker und Mikrofonen, treffen wir Henne als Nadelstreifanzugträger mit Wolfspelzgürtel und finsterem Blick. Nawrath stellt ihr Schaf mit Fransenrock, Flokatischal, bauchfreiem T-Shirt vor. Zur Begrüßung (Schauplatz: Schafstall), rasiert sie sich ihre Beine mit einem Ladyshaver und räkelt sich dazu auf einem Teppich. Untermalt werden die Szenen und Erzähltexte von der Cellistin Anka Hirsch. Der Grundgestus ist lässig, souverän; man spielt mit Sounds, die Schlittenfahrt ist mit E-Gitarrenriffs unterlegt. Ästhetisch präsentiert sich diese Arbeit erstklassig.

Bitte etwas mehr Didaxe!

Doch der Subtext, der sich hier zunehmend aufdringlich einschleicht, ist mehr als irritierend. Hennes Wolf lässt seine Augen funkeln, wenn er plant, die Entführung "mit Stil" anzugehen. "Erfahrung, darauf kommt es an – und das werde ich Ihnen heute Abend zeigen", haucht er und untermauert sein Anliegen mit einem Lied: "Ich nehm’ sie mit auf einen Ritt." Die Entführungsgeschichte kommt als Verführungsgeschichte daher. Und diese trägt deutlich pädophile Züge, weil das Schaf durchweg naiv und unfähig zur Einschätzung der Lage ist. Schon früh kann man hier nicht mehr unschuldig zuhören, wenn dieses so ungleiche Paar in den Wald zum See einbiegt.

"Ich bin krank", bekennt der Wolf nach seiner Rettung vieldeutig (nachdem er mit Rotwein wiederbelebt wurde). Und wirklich plagen ihn Versagensängste und das Mitleid mit seinem Opfer. So gibt die Tierfabel in dieser Inszenierung zunehmend das Psychogramm eines Triebtäters preis, der gegen seine innere Programmierung ankämpft. Eine reizvolle Aufnahme – aber als solche wohl kaum für Kinder geeignet. Mag sein, man kann darauf rechnen, dass Kinder solche Subtexte noch nicht lesen können. Viertklässler neben mir im Theaterzelt am Ruhrufer gaben an, es habe ihnen gut gefallen, und schaurig sei es auch nicht gewesen. Andernfalls dürfte hier – bei allem Respekt für die Offenheitsbestrebungen neuerer Kindertheaterästhetik – doch etwas mehr altersgerechte Moral und Didaxe für die Schäflein vonnöten sein: Wenn der Wolf kommt, bitte gleich laut Alarm schlagen – und nie, nie mitgehen!

Ein Schaf fürs Leben
nach Maritgen Matter und Anke Faust
Premiere am 4. Juni 2005 am Theaterhaus Frankfurt/Main

Regie: Rob Vriens, Komposition und Cello: Anka Hirsch. Mit: Günther Henne, Uta Nawrath.

www.theaterhaus-frankfurt.de


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