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Die Gewinnerin steht fest – Die Jurydebatte um den Dramatikerpreis zum Abschluss der 33. Mülheimer Theatertage

Wahnsinnig gut erfunden

von Dirk Pilz

24. Mai 2008. Sie gingen förmlich in die Knie und stammelten ihre Bewunderung heraus: "großartig", "wahnsinnig", "wundervoll". Diese "Intensität" und "Musikalität", die "Stringenz" und welch' "Meisterschaft" dabei! Am Ende fiel die Entscheidung in seltener Einmütigkeit: Ohne Gegenstimme wurde Dea Lohers Stück "Das letzte Feuer" der Mülheimer Dramatikerpreis 2008 samt 15.000 Euro Preisgeld zugesprochen.

Die Wahl hatte sich bei der von Gerhard Jörder moderierten Jurydebatte früh angedeutet. Wilfried Schulz, seines Zeichens Intendant am Schauspiel Hannover, belobigte den Text in seinem Jury-Votum für die "große Strenge" und bemerkte einen sonst kaum beachteten Punkt: Dieses Stück von "seltener Klarheit", in dem ein tödlich verunglücktes Kind der geheime Schmerzpunkt einer Stadtteilgemeinschaft ist, versammle zwar viel Schmerz, "in der Wärme der Sprache liege dabei aber auch ein großer Trost". Peter Michalzik, Frankfurter Theaterkritiker, stufte zustimmend das Drama als "sehr ausgereift" und "klug" ein, Anke Dürr, Theaterredakteurin beim KulturSPIEGEL, fand die Figuren "einfach wahnsinnig gut erfunden", Marion Hirte, Chefdramaturgin am Schauspielhaus Graz, wollte allenfalls auf "sehr hohem Niveau kritteln" und für den Dramatiker Oliver Bukowski ist "Das letzte Feuer" auch deshalb ein großer Text, weil er unangestrengt komische Töne anzuschlagen wisse.

Berauscht an der eigenen Begeisterung

Fast war es, als habe sich die Jury an ihrer eigenen Loher-Begeisterung berauscht. Dea Loher, zum sechsten Mal nach Mülheim eingeladen, hat den wichtigsten Preis für Gegenwartsdramatik damit zum zweiten Mal erhalten; 1998 gewann die in Bayern geborene und heute meist in Berlin lebende Autorin mit ihrer Woyzeck-Fortschreibung "Adam Geist".

Es gab in der Jurydebatte rasch Kandidaten, die eindeutig nicht in Frage kamen: Laura de Weck mit ihrem Stück "Lieblingsmenschen" (ein sympathischer Versuch, mehr nicht, hieß es übereinstimmend), Fritz Kater mit "Heaven (zu tristan)" (die vielen historischen und mythischen Bezüge erschlössen sich letztlich eben doch nicht), René Polleschs "Liebe ist kälter als das Kapital" (keine Weiterentwicklung im Pollesch-Werk), Philipp Löhles "Genannt Gospodin" (zu "theoretisch" meinte Dürr, "loungige Lässigkeit" sah Schulz am Werk) und Theresia Walsers "Morgen in Katar" (Stücke, die in Zügen spielen, funktionierten einfach nicht, so Michalzik).

Aufschlussreich widersprüchlich

Ernsthaft diskutiert wurden daher lediglich drei der acht eingeladenen Stücke. Und warum der Preis nicht an Felicia Zellers "Kaspar Häuser Meer" oder an Ewald Palmetshofers "hamlet ist tot. keine schwerkraft" ging, wurde aufschlussreich widersprüchlich begründet.

Bei Zeller konnten sich die fünf Juroren nicht darauf einigen, inwiefern das Stück über drei Sozialarbeiterinnen ein realistisches Stück sei. Für Michalzik ist der hohe Wiedererkennungswert "verräterisch", denn in seinem Abbildungscharakter renne der Text offene Türen ein. Schulz sieht den Text sich an "die Realität heran schreiben", Dürr erkannte eine "kondensierte Sprache", durch die viel "über" die Realität zu erfahren sei. Für Hirte dagegen ist es kein realistisches Drama, es wirke aber so, während Bukowski betonte, dass es "höchst artifiziell" gemacht sei. Sehr verdichtet und sehr dicht an der Lebenswirklichkeit – und deshalb ein "realistisches Drama"? Das Podium konnte sich nicht einigen, was Realismus eigentlich meint und entschied sich gegen Zeller. Zum ersten Mal seit Bestehen der Mülheimer Dramatikertage wich deshalb der in geheimer Abstimmung ermittelte Publikumspreis von der Juryentscheidung ab: Für die insgesamt über 3.000 Zuschauer bei der 33. Festival-Ausgabe heißt die Siegerin eindeutig Felicia Zeller.

Irgendwie nicht zu fassen

Noch aufschlussreicher aber war, warum Ewald Palmetshofer – wie Zeller erstmals im Mülheimer Wettbewerb vertreten – leer ausging. Der Jury war "hamlet ist tot" ein unergründliches Denkwerk – und verwendete am häufigsten das Wort "irgendwie". "Irgendwie weiß ich dieses Stück nicht zu fassen" (Michalzik); "irgendwie ein merkwürdiger Sound" (Schulz); "irgendwie strukturell überfrachtet" (Hirte); "irgendwie sehr theoretisch" (Bukowski). Das "deutlich schwierigste Stück" des Wettbewerbs (Michalzik) produzierte allergrößtes Verunsicherungspotential: Ist es genial? Tut es nur so? Und wo will dieser Text eigentlich hinaus? Großes Rätselraten. Anke Dürr konnte am Schluss nicht einmal mehr eine schlichte Inhaltsangabe von Marion Hirte teilen. Man einigte sich daher auf eine leicht gönnerhafte Lösung: Weiterschreiben, Herr Palmetshofer, Sie offensichtliches Talent! Ein wenig fühlte man sich hier an Goethes altväterlich bis herablassenden Rat für den jungen Hölderlin erinnert: Probiere er sich zunächst an "kleineren Formen", dann werde das vielleicht auch etwas.

Insofern hat sich die Jury mit ihrer Entscheidung auf die sichere Seite begeben. Denn dass Dea Loher für "Das letzte Feuer" den Preis bekam, wird den Juroren kaum jemand vorwerfen können: Es ist ein unerhört engmaschiger, gedankentiefer, poetischer Text, der sich an den großen Fragen und letzten Dingen abarbeitet und dabei von einer eigenen Sprache mit gewachsener Stilsicherheit getragen wird. Dea Loher ist aus besten Gründen eine längst durchgesetzte und allerhöchst anerkannte Autorin. Die Entscheidung für Zeller oder Palmetshofer wäre so gesehen mutiger, angreifbarer, vielleicht auch zukunftsweisender gewesen.

Lesen zu mehr zu Auswahl- und Juryverfahren, was uns die Juroren Peter Michalzik und Oliver Bukowski darüber sagten und was für die acht nominierten Dramatiker ein gutes Drama ausmacht. Wie die anderen Medien die Preisentscheidung bewerteten, lesen Sie in unserer Presseschau. Wenn Sie sich selbst ein Bild machen möchten, können Sie auf der "Stücke"-Seite noch mal den Diskussions-Mitschnitt ansehen.

Kommentare (19)add comment
wer seid das ihr?
geschrieben von redondo , 25. Mai 2008, 13:05

... in der jury, dass ihr den mut nicht aufbringt, zeller oder palmetshofer zu küren. obwohl: teile der jury scheiterten ja bei palmetshofer wunderbarem stück schon daran, dass sie es nicht verstanden haben (hat der vater die kinder nun getötet oder nicht ...). trotzdem hat herr pilz natürlich recht: dea loher ist preiswürdig, keine frage - schon allein für das furiose finale mit "wonderwall" und dem epilog. und auch das noch: warum ein stück wie "lieblingsmenschen" von laura de weck eingeladen worden ist, wo doch so viele andere es auch wert gewesen wären (so die jury), das wird das große rätsel von stücke 08 bleiben. unterm strich bleibt aber ein schönes festival und eine großartige begleitung durch nachtstücke. danke!


"Der Himmel ist leer"
geschrieben von Adam Bernhard Böll , 25. Mai 2008, 23:05

Stimmt! Palmetshofers "hamlet" ist ein wunderbares Stück! Der Mani ist eine Figur, die eines Tages im Lexikon der Weltliteratur gelandet sein wird, mit seinen Gedanken über Gott und die Welt, mit denen ich mich (ungern) identifizieren muss, da ich auch so ein "hamlet" bin.
Der Text wartet noch auf seine Inszenierung!!!

"Gospodin" ist sehr gute Karikatur einerseits und Utopie andererseits.
Selbstverständlich können Frauen (auch Männer) so sein wie Annette (die Freundin von Gospodin). Es war schon in Gogols Zeiten so ("Revisor"), und unsere Zeit bedarf auch solcher Revisore, die nun Gospodins heißen.

"Lieblingsmenschen"? Auf die kann ich
verzichten.



...
geschrieben von Helga Wunsch , 26. Mai 2008, 09:05

ich fand Felicia Zeller am tollsten. Dea Loher ist sehr professionell, aber darin eine Spur zu konventionell. Auch der Zeller-Ruhrpod ist sehr hinreißend, wie sie da so redet und man denkt bei jedem Satz: was für eine schillernde Finsternis, was für eine abgründige Lebenslust. Super. Schade, daß es jetzt aus ist.


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geschrieben von Rudi Rüssel , 26. Mai 2008, 12:05

Habe die Debatte als Livestraming verfolgt, und finde, daß Herr Pilz hier als laudenbachhafter Lobbyist und Stimmungsmacher arggumentiert, statt einfach zu beschreiben, was war. Die Juroren haben doch sehr klar (außer der wabernde Michalzik) klar gemacht, wieso der Preis an Dea Loher ging. Es geht ja nicht um Politik sondern um die Qualiltät der Arbeiten. Was heißt da zukunftsweisend? Das ist doch Blödsinn.


Gut, aber risikolos
geschrieben von Linus , 26. Mai 2008, 14:05

Lieber Herr Rüssel,
ich kann Ihre Kritik nicht teilen. Natürlich ist das kein neutraler Bericht, tut auch nicht so als ob. Er bezieht eine Position und begründet sie.
Es wird deutlich gesagt, was für ihn die Qualitäten des Loher'schen Textes sind (engmaschig, gedankentief, poetisch, große Fragen, eigene Sprache, Stilsicherheit) und dass man der Jury die Entscheidung deshalb natürlich nicht vorwerfen kann, denn: es ist ein GUTER Text.
Dennoch kann man diese Entscheidung doch als die "sichere Wahl" beschreiben. Die sie, im Vergleich zu einer Entscheidung für die Mülheim-Neulinge Zeller oder Palmetshofer, zweifelsohne ist. Loher ist doch, wie der Text sagt, einfach schon durchgesetzt und anerkannt. Mit der Entscheidung für sie geht man kein Risiko ein. Das stimmt doch. Was ist daran falsch?
Bei Loher, deren Qualität auch mit diesem Kommentar nicht bestritten werden soll, weiß man doch einfach schon viel mehr als z.B. bei Palmetshofer, woran man ist. Der gehört noch nicht zum Kanon des zeigenössischen Dramas, dafür hat man noch keine Begriffe, das muss erstmal noch beschrieben werden. Und den Anfang wollen oder können die Juroren (zumindest in dieser Abschlussdebatte) offensichtlich kaum leisten.
Die dort gemachten Äußerungen waren in der Tat alle sehr "irgendwie"-gespickt. Irgendwie groß, irgendwie ist da was. Das kann man als Leseeindruck absolut nachvollziehen. Aber von einem Juror würde man doch eine etwas eingehendere Beschäftigung erwarten. Kaum einer hat sich - so schien es zumindest - die Mühe gemacht, mal ein bisschen Exegese zu betreiben. Stattdessen bleibt man staunend und etwas irritiert vor der Nebelwand stehen und sagt, man wüsste nicht so richtig, ob der Kaiser dahinter tatsächlich groß oder einfach nackt sei. Aber hineingehen in den Nebel, das tut keiner. Auszeichnen will man ihn dann freilich schon gar nicht. Könnte ja alles bloß heiße Luft sein. Aber wieso wird das denn nicht mal geprüft (und wer sollte das prüfen, wenn nicht diese Juroren, die schließlich den wichtigsten Preis für neue deutsche Dramatik verleihen wollen), bevor man den Text abtut?
Natürlich wäre die Entscheidung für Palmetshofer mutiger und angreifbarer gewesen. Zukunftsweisend vielleicht. Vielleicht weil man es mit etwas Neuem zu tun hat, mit etwas, mit dem man nicht sofort umgehen kann, das zwei Schritte voraus zu sein scheint, einen aber immerzu lockt, hinterher zu gehen und wissen zu wollen, wo es hingeht.



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geschrieben von Rudi Rüssel , 26. Mai 2008, 14:05

Das ist doch kein Nachwuchs-Talente-Preis, sondern ein Dramatiker-Preis. Aus diesem Grund ist auch das Argument "zukunftsweisend" Quatsch, denn der Preis wird für ein Drama vergeben, das bereits geschrieben wurde und nicht für eins, dass möglicherweise igendwann noch geschrieben werden soll. Palmetshofer mag vielleicht mit seinem heilig-existenzialistischen Sound irgendwie cooler wirken. Bewsonders auf Leute, die eine Schwäche für Heilandsposen in der Literatur haben. Aber das heißt nicht, dass es mehr Substanz oder Qualität in diesem Text gibt, als bei Dea Loher oder auch Felicia Zeller. Und was Sie genau von der Jury wollen, verstehe ich auch nicht, Wenn nicht klar ist, ob der Kaiser nackt oder bekleidet ist, kann das ja auch an den raunenden und (wenn man böse will) irgendwie auch epigonalen Tonlagen von Palmeshofer liegen. Bloß weil dieser Text sich nebulös um Abgrüne windet, muß er doch nicht gleich einen Preis kriegen. Außerdem kann es die Jury wohl nie allen recht machen. Die "Alten" wie Strauß und Handke beschweren sich, dass sie hier nicht mehr vorkommen. Die Palmetshofer-jugendlorbeerkranzwindende-Nachwuchslobby ist jetzt auch eingeschnappt. Und das Neue, mein lieber Risikolos, ist im Übrigen nichts, was eine Jury erst mühsam erahnen muss, sondern was sich bereits manifest selbst behauptet haben sollte.


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geschrieben von aha , 26. Mai 2008, 15:05

wieso sind Zeller oder Palmetshofer Nachwuchsleute? Weil sie jung sind? ich verstehe zukunftsweisend nicht so, dass da zukünftig noch was kommen kann oder soll, sondern dass es Stücke sind, die über den momentanen Stand der Dinge, das momentan als meisterhaft geltende (Loher) hinausweist und eine neue sache probiert wird. ich finde, zeller und palmetshofer HABEN starke texte geschrieben, in den sich eine NEUE stimme behauptet. eben eine ANDERE als das, was man so kennt, finde ich. loher hat nicht mehr oder weniger substanz, aber sehr viel mehr ihre linie gefunden. vielleicht ist sie ja deshalb auch besser, kann sein. aber die anderen gleich in die nachwuchsecke zu stellen, ist mir zu einfach. dann muss man auch mal sagen, WARUM loher wirklich BESSER ist.


Kein Nachwuchs
geschrieben von Linus , 26. Mai 2008, 15:05

Wenn Sie Palmetshofer jetzt auch noch das "Nachwuchs"-Etikett aufkleben wollen, lieber Herr Rüssel, machen Sie ihn schon wieder kleiner als er ist. Der Text hat die Wohlwollensperspektive doch gar nicht nötig, ist auch so stark genug. Er kann für meine Begriffe jetzt und so wie er ist, neben anderen Texten, beispielsweise denen von Dea Loher, bestehen.
Da muss man freilich sehr unterschiedliche Arten von Texten vergleichen. Aber wenn nun mal ein Preis für neue deutsche Dramatik vergeben werden soll, muss die Jury wohl in diesen sauren Apfel beißen. Dass sie es allen Recht machen soll, finde ich natürlich nicht. Sie muss ihre Entscheidungen bloß gut begründen. Warum das eine besser als das andere ist.
Zu sagen "toll unglaublich großartig wunderbar!", wie es bei Loher teilweise der Fall war, auch wenn einige, aber nicht alle Juroren auch noch Stichhaltigeres auf Lager hatten (siehe Text oben), oder bei Palmetshofer über das "irgendwie" kaum hinwegzukommen (auch da gab es Ausnahmen), ist doch etwas zu wenig für eine Jury, die sich durch Sachkompetenz auszeichnen möchte.
Was das "Zukunftsweisende" betrifft, würde ich das ähnlich verstehen wie mein Vorredner. Das Neue ist für mich bei Palmetshofer dementsprechend schon manifest. Man muss doch bloß mal den Text lesen, um zu sehen, dass es da IST. Und nicht erst sein wird oder mühsam erahnt werden muss.
Palmetshofer lediglich wegen seines "Soundes" für cooler zu halten, ist ebenfalls ein Missverständnis. Da sounded nicht einer hip auf Oberflächen herum, da wird nicht einfach geraunt oder sich nebulös um Abgründe gewindet, sondern da wird gedacht, gerungen, da werden große Fragen formuliert, sowohl metaphysischer als auch gesellschaftspolitischer Art. Wieso soll das alles bloß Heilandspose sein? Mir scheint, Palmetshofer ist ziemlich weit von irgendwelchem Posing entfernt, sondern meint es verdammt ernst.



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geschrieben von Rudi Rüffel , 26. Mai 2008, 16:05

also eines versteh ich nicht: Mülheim ist kein Nachwuchs-Festival, stimmt. Also sind alle eingeladenen Text auch preiswürdig, oder? aber dann wird bei der Entscheidung doch gesagt, einer wie Palmetshofer kann den Preis nicht kriegen, es sei ja kein Nachwuchsfestival. Hä?? Spinn ich oder ist das nicht verdammt unlogisch??? Wenn er "Nachwuchs" ist, wieso wird er dann eingeladen? Okay, es laden andere ein als die, die den Preis vergeben - aber der Vorwurf ist dennoch hohl. Erstens, weil es im Falle von Plametshofer schlicht nicht stimmt (nur altersmäßig) und zweitens, weil man die eingeladenen Stücke nicht derart "nach"sortieren kann - denn dann braucht man von vornherein nicht drüber reden. außerdem ist diese nachwuchs-schublade arrogant. das ist ja wie beim dfb!


nachwachsende Textbauten
geschrieben von marie zehelein , 26. Mai 2008, 17:05

Mich hat es auch überrascht, dass gleich zu Beginn der Jury-Diskussion das Bestreben auftauchte, zwischen "alten Hasen" und "Newcomern" zu unterscheiden, einschließlich des Bedauerns, dass man nicht zwei Preise in zwei Kategorien vergeben kann. Dabei wäre es ja wirklich erfreulich, wenn Mülheim ein Ort wäre, an dem diese - eben doch Hierarchien und Differenzen einziehende - Kategorisierung keine Rolle spielt. Habe mich auch gefragt, ob hier nun Potenzial oder Gegenwart ausgezeichnet werden soll, ging es doch in der Palmetshofer-Debatte vor allem darum, ob da noch was Tragfähiges kommt oder ob das nun alles nur eine nebulöseTextbeeindruckungsmaschine war. Bei allen offen bleibenden Fragen finde ich aber extrem interessant am Mülheimer Preis, dass diese Jury-Debatte öffentlich stattfindet - seit letztem Jahr mit einer via Internet noch größeren Öffentlichkeit - und natürlich, dass diese Diskussionen hier so engagiert weiter geführt werden. Eine ganz große Freude.


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geschrieben von Rudi Rüssel , 26. Mai 2008, 20:05

Bitte nicht missverstehen: Ich sage nicht, daß es hier um einen Talente- oder Nachwuchspreis geht. bzw. um Nachwuchsautoren. Nur hat Pilz so argumentiert, als sei bereits das Potenzial preiswürdig und nicht das konkrete Drama. Das klang für mein bescheidenes Laienohr als Vorwurf an die Jury ein wenig merkwürdig. Ein ehrgeiziger Kritiker kann sich von mir aus gerne als Trüffelsschwein betätigen. Ein Juror hat doch wohl andere Aufgaben und Prioritäten. Im Übrigen finde ich es auch von den Verteidigern dieser Position komisch, daß sie so zu tun, als hätten es die Juroren beim Urteil "toll, wunderbar, usw" bewenden lassen, nein: eigenlich sogar fast ein wenig dummdreist. Ja, und der Palmetshofer, lieber Linus. Ich habe den Text auch gelesen und kann nur sagen, das dunkle Raunen scheint manchem immer noch die liebste Schmusedecke zu sein. Sie muffelt ja wohl auch immer etwas nach einem selber.


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geschrieben von Trüffelschwein , 27. Mai 2008, 14:05

Was raunt Ihr letzter Satz da, Herr Rüssel? Das Stück-Raunen als Schmusedecke, die nach einem selber muffelt? Weil sich im ungenauen Raunen jeder selbst riechen kann? Mmmh, komisches Bild. Vielleicht brauche ich Interpretationshilfe. Da ist meine Trüffelschweinnase wohl nicht gut genug. Wer außerdem in Palmetshofers Text bloß Raunen vernimmt, der sollte sich vielleicht einmal die Schweinsohren putzen. Wenn man nicht überhaupt das polyvalente Raunen meint, ohne das literarische Texte gar nicht als Literatur funktionieren würden.
Wieso eigentlich sollten Juroren keine Trüffelschweine sein? Ist es nicht die Natur des Trüffelschweins, das Gute (die Trüffel) aufzuspüren? Was sind denn Ihrer Meinung nach die "anderen Aufgaben und Prioritäten" des Jurors? Klar, noch viel mehr Trüffelschwein müssen die Auswahlgremiumsmitglieder sein, den Juroren ist das feststehende Menü ja schon bereitet, aus dem sie dann nur noch die Lieblingsspeise wählen dürfen.
Übrigens verstehe ich wirklich nicht, was Sie dem Nachtkritiker vorweisen. Dass er das Wort "zukunftsweisend" benutzt? Ich sehe nicht, an welcher Stelle er dies irgendwie mit 'Nachwuchs' oder bloß mit 'Potenzial' zusammenbringen würde. Das tat allein die Jury! Deren Palmetshofer-Statements hatten in der Tat etwas "Altväterliches" – Junge, komm bald wieder, dann bist du vielleicht auch alt und reif genug für den Preis.
Übrigens, noch etwas zum Stichwort "zukunftsweisend": Auch der am Ende des Theatertreffens verliehene 3sat-Preis wird ja "für besonders zukunftsweisende Leistungen" verliehen, die Preisträger heißen Kimmig, Nübling, Gotscheff, Kriegenburg – das würde ja wohl niemand mit Nachwuchs in Verbindung bringen wollen, oder?



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geschrieben von Rudi Rüssel , 27. Mai 2008, 21:05

Noch so ein Palmetshöfling! Fast rührt mich ja der hier so massiv vertretene, aber ja leider doch auch ein wenig gartenlaubenhafte Glaube ans Zukunftsweisende im jungen Genie. Auch vermisse ich neue Argumente, weshalb ich mich nun aus der Debatte zurückziehen und ein warmes Palmetshofer Pilzner schlürfen werde. Aber vielleicht kommt ja doch noch ein echt polivalentes Superargument, das meine unliterarischen Schweinsohren aufhorchen läßt. Ich möchte übrigens die Mülheimer Jury und den vor ihr vergebenen Preis unbedingt vor dem Vergleich mit einem derart marketingorientierten Kulturpreis wie dem 3sat-Preis in Schutz nehmen. Diese Zukunftsweisung will ja wohl eher auf den Stifter und seinen Platz in der Kulturwelt, und weniger auf den Träger des Preises angewandt sein, der ja kaum mehr als ein kultureller Grüßaugust ist und deswegen selbstverständlich mit großen Namen und nicht mit Jungautoren besetzt wird. Je größer der Name, desto größer der Ruhm für 3sat, wo man sich schließlich mit dem Preisträger schmücken will. Interpretationshilfe in Sachen Schmusedecke brauchen Sie übrigens nicht, liebes Trüffelschwein. Das haben Sie doch schon selbst recht hübsch und ganz ohne meine Hilfe ausgedeutet.


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geschrieben von Rudi Rüffel , 27. Mai 2008, 21:05

Hallo Rüssel,
den Ball nehm' ich nicht auf: von Ihnen ist bislang kein einziges Argument gekommen, sondern nur Verächtliches Großonkel-Getue. Da haben Sie sich das Recht verwirkt, hier nach Argumenten zu rufen. Fällt Ihnen denn gar nichts anderes als Lächerlich machen ein? Kommts vom vielen Bier? Klingt alles so, als seien Sie selbst ein Herr oder eine Dame der Jury.
Aber kleiner Tipp, warum es sich lohnt, über Palmetshofer nachzudenken: lesen Sie mal den Text (nicht DURCHlesen, sondern LESEN), dann fällt Ihnen vielleicht auf, dass die zum Beispiel die Verben an bestimmten Stellen nicht fehlen. Und: wie wärs mal mit einem Blick auf die matemathische Metapher und ihre Umsetzung in der Textstruktur? Jetzt sagen Sie wahrscheinlich: Himmel, das ist doch Theorie. Tja, aber so einfach ist es vielleicht nicht.
ach, und niemand streitet hier ab, dass Lohers Text gut ist - es wird nur gesagt, dass man Palmetshofer nicht so einfach abhaken kann.
Zum Wohl,
Rudi Rüffel



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geschrieben von Rudi Rüssel , 28. Mai 2008, 00:05

Was für einen Ball denn? Langsam geht mir dieser ganze Palmetshofstaat echt auf die Nerven. Solche humorlosen und bornierten Fürsprecher hat der Mann nun wirklich nicht verdient. Oder zieht seine Dramatik am Ende solche Oberlehrer magisch an, wie sie ihn hier nun so manisch verteidigen. Ich befürchte allerdings eher, daß der arme Palmetshofer in Ohnmacht fällt, wenn er Rüffels deutschlehrerartigen Ausführungen über sein Stück und dessen Textstruktur ließt. Pfüati miteinand!


Wie lesen Sie denn?
geschrieben von Linus , 28. Mai 2008, 14:05

Bester Rüssel, der Sie selbst nicht gerade vor Humor sprühen, was spricht denn gegen eine ernsthafte Diskussion?
Im Gegensatz zu Ihnen, der für Dea Loher bisher kein einziges Argument in die Waagschale zu werfen wusste, legt Rüffel einfach ein paar Beispiele auf den Tisch, über die es sich nachzudenken lohnte, und die verdeutlichen können, wie sich das von Ihnen so geschmähte Palmetshofer'sche "Raunen" herstellt, wie es gemacht ist, nämlich mit bewusst weggelassenen oder gesetzten Verben, mit naturwissenschaftlicher Bildlichkeit etc.
Und das finden Sie oberlehrerhaft?
Wie gucken Sie denn bitteschön auf Texte? Überfordert Sie das? Wie soll man denn Dramen sonst lesen geschweige denn bewerten, wenn man sich mit solchen Auffälligkeiten nicht beschäftigen möchte? Ehrlich gesagt wundert es mich da gar nicht, wenn Sie nur Raunen vernehmen. Solche Leser wünscht man Palmetshofer nun auch nicht gerade...



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geschrieben von Elena , 28. Mai 2008, 16:05

Schade, daß "Rudi Rüssel" hier keine gleich starken Gegenspieler hat. Klar, das ist ein Polemiker, aber doch ein sehr witziger mit schlauen Argumenten. Außerdem hat er gar nicht für Dea Loher Partei ergriffen, sondern sich nur darüber mockiert, daß der Bericht auf dieser Seite über die Jurydebatte so tendenziös und stimmungsmachend war. Das stimmt ja wohl auch. Da wurde am Anfang die Jury als dämlich staunender und argumentsloser Haufen vorgeführt und so durch die Hintertür auch noch die Arbeit von Dea Loher abqualifiziert. Später hat dann Dirk Pilz seinen eigenen Kandidaten eingeführt und belobigt. Was ist das denn anderes als Lobyistentum? Nichts anderes hat "Rudi Rüssel" meiner Meinung nach gemeint. Deswegen führt auch die Antwort mit den plumpen Provokationen von Linus nicht weiter.


Affinität statt Abneigung
geschrieben von Samuel , 30. Mai 2008, 15:05

Ist eigentlich jemandem aufgefallen, dass Dirk Pilz nicht nur diesen Text zur Jurydebatte, sondern ausgerechnet auch das Porträt und die Stückkritik zu Dea Loher geschrieben hat? Da klingt es ganz und gar nicht so, als fände er das Stück schlecht, sondern als hege er eine große Affinität zum Werk Lohers. Dazu würde eine Abqualifikation derselbigen, wie sie dem obigen Text vorgeworfen wird, nicht recht passen, oder?
Nüchtern betrachtet sagt er da doch eigentlich bloß, dass die Jury (auch) sehr emotional auf Loher reagiert hat (danach zitiert er aber durchaus deren Pro-Argumente), dass sie mit der Entscheidung für sie eine sichere Wahl getroffen hat (die ja deshalb nicht per se schlecht oder falsch ist, bloß eben nicht sehr gewagt) und dass er die Argumente gegen die beiden anderen Kandidaten etwas widersprüchlich bzw. unzureichend findet.



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geschrieben von Kiki , 03. Juni 2008, 00:06

Ich werde den Herrn, der ein Problem mit Palmetshofer hat zwar nerven, aber ich bin froh dass auch andere so begeistert von dieser Sprache sind. Ich habe schon lange nichts so gut vernetztes,recherchiertes, aussagekräftiges und sprachlich so tolles gelesen.Bin sogar 300 km gefahren um diese Inszenierung zu sehen nachdem ich das Stück gelesen hatte. Diese hat mich jedoch streckenweise enttäuscht. Ich denke es wurde vielleicht nicht die richtige Umsetzung gefunden.Oder ist das Stück eher zum Lesen geeignet??? Ich hab noch keine Antwort. Dea Lohers Stück hab ich nur gelesen, nicht gesehen, und mich quasi dadurchgezwungen. Hat mich relativ gelangweilt, ausser einigen Passagen.Ich war begeistert von Dea Lohers Unschuld z.B., aber dieser Text scheint mir extrem mittelmässig. Vielleicht hat die Inszenierung ihn ja gerettet. Aber die Genialität von Palmetshofers Sound nicht zu erkennen scheint mir schon bedenklich.
Und das hat nichts mit E.P's Alter zu tun.
Aber wie es so schön bei uns heisst: les goûts et les couleurs...




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