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Peter Michalzik erzählt, wie Auswahlgremium und Jury arbeiten, um am Ende das beste neue Drama zu küren

Der höchste Gipfel

Interview: Jan Oberländer

Herr Michalzik, Sie spielen in diesem Jahr eine Doppelrolle in Mülheim: Sie sind sowohl Mitglied des Auswahlgremiums, das die acht Stücke für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert, als auch Sprecher des Gremiums innerhalb der Jury, die dann am Ende der Theatertage den Preis vergibt. Was ist Ihrer Meinung nach der Stellenwert des Mülheimer Festivals innerhalb der deutschen Festivallandschaft?

Es macht eigentlich nur Sinn, Mülheim im Vergleich mit Festivals zu sehen, bei denen es um neue Stücke geht. Im Verhältnis zu den Festivals mit neuen Stücken, von denen es ja mittlerweile ziemlich viele gibt – möglicherweise mehr als uns gut tun –, hat Mülheim eine ganz eindeutige Rolle. Nämlich: das Beste auszuwählen. Also aus dem Neuen die Spitzenkultur herauszudestillieren. Natürlich gibt es Ausrutscher, aber in der Regel wird in Mülheim wirklich das Beste dessen ausgewählt, was an neuen Stücken produziert worden ist. So wie ich das sehe, ist dieser Preis der höchste Gipfel, den man da erklimmen kann.

Mülheim hat also im Theaterbetrieb den höchsten Stellenwert. Nach was für Kriterien wird dieses Beste denn ausgewählt?

Da gibt's keine Kriterien. Wenn es sie wirklich gäbe, diese Objektivität, die der Frage ja zugrunde liegt, dann bräuchten wir keine Kritiker und keine Jurys mehr. Dann könnten wir die Maschine vorne aufmachen, die Stücke reinstecken, und hinten würde etwas rauskommen, was uns sagen würde: Das ist ein gutes Stück, das ist das beste. Die gibt's aber nicht, diese Maschine, weil es diese festen Kriterien eben nicht gibt. Natürlich kann man argumentieren, ob ein Stück gut oder schlecht ist, aber sinnvollerweise tut man das immer am konkreten Text.

Das klingt jetzt so, als spiele der einzelne Kritiker und sein persönlicher Kritikergeschmack eine ziemlich große Rolle.

Ja, klar. Aber wir sind ja fünf. Fünf, die da alles angucken und dann acht Stücke auswählen. Die naturgemäß nicht immer einer Meinung sind. Und sich dann aber gütlich und unter Hintanstellung eigener Vorlieben auf acht einigen. Die natürlich mit Argumenten arbeiten. Natürlich muss ein Stück ein inhaltliches Interesse bei uns hervorrufen. Natürlich muss es sprachlich dem gewachsen sein, was es verhandelt. Und natürlich sollte es eine ästhetische Position einnehmen, die wir bedeutsam finden. Dabei bilden wir keine Tendenzen ab, wir wählen das aus, was wir für relevant halten.

Und aus dem, was Sie für relevant halten, entsteht dann das wichtigste Festival für neue deutschsprachige Dramatik?

Das ist doch immer so. Auch wenn da ein Intendant oder Schauspieler oder wer auch immer in der Jury sitzen würde.

Aber woher leitet sich die Spitzenbedeutung des Festivals ab?

Aus der Erfahrung! Das ist alles ganz einfach: Leute, die sich mehr und intensiver und mit mehr Hingabe mit einem Gegenstand beschäftigen, machen mehr Erfahrungen. Vermehrte Erfahrung produziert vermehrte Urteilssicherheit. Da ist kein Geheimnis dahinter.

Bundesligakritiker machen ein Bundesligafestival?

Nein! Das hört sich so an, als wenn da Selbstermächtigung und Selbstherrlichkeit dahinter stünden. Es ist doch ein ganz normaler Vorgang, dass Fußballspieler, die Bundesligatraining machen, besser spielen als Feierabendkicker. Leute, die sich den ganzen Tag mit einem Thema beschäftigen, sind halt in intensiverem Kontakt damit.

Bei diesem Festival geht es also um ziemlich viel: um Preisgeld, um Anerkennung für die Autoren, um Aufmerksamkeit, um Karrieren. Und gleichzeitig hat das Ganze natürlich einfach viel mit Pragmatik zu tun, weil man das Festival erstmal zum Laufen bringen muss, andererseits auch mit den subjektiven Kritikermeinungen. Da haben Sie natürlich wirklich viel Macht.

Naja, Macht drückt sich doch anders aus...

Aber innerhalb des Theaterbetriebs besitzen Sie doch eine Schlüsselposition. Das sagen Sie doch selbst.

Ja, gut, haben wir, eine von mehreren Schlüsselpositionen im deutschen Theater. Ein spezieller Vorteil des Mülheimer Kritikergremiums ist: Das sind keine Fanatiker mit ihren persönlichen Theatervorlieben, sondern die haben alle in ihrem Beruf gelernt, dass es ganz unterschiedliche Arten gibt, Theater zu sehen. Zum Berufsbild des Kritikers gehört doch, seine Subjektivität zu objektivieren. Zu fünft geht das auch leichter als allein. Praktisch ist die Gremien- und Juryarbeit ein großer Vorgang des Objektivierens. Aber nicht, weil wir einen Katalog von Kriterien hätten, sondern weil wir konkret über jedes Stück miteinander diskutieren.

Beim "Stücke"-Festival geht es ja dezidiert um die Texte und Autoren. Wieso muss man die Inszenierungen überhaupt noch gucken?

Die Situation des Dramas als Text ist eine durchaus prekäre. Ein Drama kann zwar gedruckt existieren, ist so aber noch nicht in der Welt. Weil die Erscheinungsform des Dramas ja überhaupt nicht der Text ist, sondern das, was dann da auf der Bühne zu sehen ist. Ein Stück ist überhaupt erst ein Stück, wenn es aufgeführt wird.

Kann es sein, dass ein guter Text nicht eingeladen wird, weil die Inszenierung zu schlecht ist?

Da gibt es drei Fälle: Die Inszenierung ist leidlich bis sehr gut, dann steht der Einladung nichts im Wege. Oder es gibt mehrere Inszenierungen, da bemühen wir uns, die beste oder für den Text hilfreichste einzuladen. Und dann der komplizierte Fall: Es gibt ein Stück, das wir durchaus für interessant halten, aber in einer Inszenierung vorliegt, die wir nicht für einladbar halten. Und dann passiert genau das: dass wir es nicht einladen. Da gab es in diesem Jahr mehrere Kandidaten.

Bei der Auswahl ist es ja so, dass die Festivalleitung am Anfang eine Liste von ca. 130 Uraufführungen anlegt, mit Texten, die überhaupt in Frage kommen. Aus diesen werden dann vom Gremium nach und nach Stücke aussortiert. Zwischendurch gibt es vier bis fünf Treffen. Kommt es dabei vor, dass ein Stück von nur einem Juror gelesen oder gesehen und daraufhin verworfen wird?

Wenn einer sagt: "Das könnt ihr wirklich vergessen", dann ist es draußen. Aber auch da gibt es Fälle, wo jemand anderer Meinung ist, und der fährt dann hin. Aber im Grunde vertrauen wir uns. Es versucht ja nicht jeder, sein Ding durchzudrücken, sondern wir sind ein Gremium, das versucht, möglichst viele Positionen zu berücksichtigen.

Das Auswahlgremium setzt sich ja aus fünf Theaterkritikern zusammen, die ihren Sitz im Prinzip auf unbegrenzte Zeit behalten können.

Ja. Es gibt ja auch Fälle, wo Menschen das lebenslang gemacht haben. Aber praktisch ist es wahrscheinlich sinnvoll, irgendwann zu sagen: Es gibt auch noch andere Aufgaben im Leben.

Und was passiert, wenn ein Gremiumsmitglied ausscheidet?

Das ist ein konsensuelles Verfahren: Wenn jemand aufhört, wird zwischen Leitung, verbliebenen Juroren und gehendem Juror über mögliche Kandidaten geredet. Es gibt verschiedene Gesichtspunkte, die wichtig sind: Man muss sich untereinander verstehen. Man muss nicht einer Meinung sein oder noch nicht mal den gleichen Theatergeschmack haben, aber man muss miteinander reden können. Dann sollten die Gremiumsmitglieder wenigstens halbwegs über das gesamte geographische Gebiet verteilt sein. Und so wird dann einer ausgemittelt.

Ist es Zufall, dass alle jetzigen Gremiumsmitglieder – neben Ihnen Till Briegleb, Christine Dössel, Wolfgang Kralicek, Franz Wille – vorher Juroren beim Berliner Theatertreffen waren und zum Großteil Autoren bei Theater heute sind? Ist das nicht – polemisch gefragt – eine Klüngel-Wirtschaft?

Jaja, klar, Sie haben Recht, es ist es eine Klüngel-Wirtschaft. Aber wie könnte es überhaupt anders sein? So groß ist die Theaterwelt nicht, dass da unbegrenzt Leute zur Verfügung stünden. Und natürlich denkt man zuerst an Leute, die man kennt. Das ist menschlich normal, und in keinem Bereich dieser Welt anders. Das System ist aber gleichzeitig in sich so offen, wie es irgend geht. Letztlich ist es für ein Festival wie Mülheim, oder auch das Berliner Theatertreffen und andere Festivals, extrem wichtig, dass das Leute machen, die institutionell schon eingebunden sind. Weil jede Jury in sich etwas Fragwürdiges hat. Wenn das dann nicht durch diesen institutionellen Hintergrund abgesichert ist, sagt jeder Zuschauer mit gewissem Recht: "Warum hockt denn der da und nicht ich?" Und dann ist das ganze Ding in Frage gestellt.

Es ist aber doch auffällig, dass bestimmte Medien im Gegensatz zu anderen überrepräsentiert sind.

Wir haben Theater heute, wir haben Theater der Zeit, wir haben seit einiger Zeit nachtkritik.de, die sich schon erfolgreich mit Mülheim verbandelt haben, wir haben die Deutsche Bühne. Wir müssten, um alles paritätisch zu machen, aus jedem dieser vier Medien jemanden nehmen, dann haben wir die Tages- und Wochenzeitungen, und schon sind wir in Zwängen drin, die mit Sicherheit nicht dazu führen, dass wir eine gute Jury zusammenkriegen. Wie auch die Proporz-Politik in anderen Gebieten meistens nicht zu guten Ergebnissen führt. Wenn sich die Große Koalition auf etwas einigen muss, dann gibt's meistens ein Problem.

Die Jury, die sich aus Kritikern und Theatermachern zusammensetzt – in diesem Jahr neben Ihnen noch die Theaterkritikerin Anke Dürr, der Dramatiker Oliver Bukowski, die Dramaturgin Marion Hirte und der Intendant Wilfried Schulz – wird auch vom Gremium vorgeschlagen, oder?

Das Auswahlgremium schlägt nicht die Jurymitglieder vor, sondern das Auswahlgremium überlegt gemeinsam mit der Festivalleitung einen Personenkreis, der überhaupt in der Lage ist, in der Jury zu sein. Man kann in dieser Jury niemanden sitzen haben, der an einem der eingeladenen Theater ist. Und das ist ja auch logistisch alles nicht so einfach. Schauspieler und Intendanten haben oft gar keine Zeit. Und auch Journalisten kriegen es nur hin, wenn sie ohnehin häufiger zu Uraufführungen reisen. Aus diesen Zwängen ergibt sich dann eben ein relativ kleiner Kreis von Leuten. Die Festivalleitung schreibt sich diese Leute auf, überlegt weitere, die ihr einfallen, und fragt dann die Leute, die sie fragen möchte.

Hat man als Juror eigentlich schon vor der Jurydebatte einen klaren Favoriten?

Ja, es gibt Favoriten. Bei der Abschlussdiskussion ist es schließlich die Aufgabenstellung, sich für ein Stück zu entscheiden und die anderen auf die eigene Seite zu ziehen. Es ist auch so, dass ich tatsächlich nicht weiß, was die anderen wollen.

Redet man vorher nicht darüber?

Das ist nicht verboten, das haben wir aber nicht gemacht. Sagen wir mal so: Ich werde am Samstag bestimmt überrascht sein, was die fünf Favoriten sind, die dann auf dem Tisch liegen.

Macht das KO-System der Abschlussdebatte für Sie Sinn? Ein Verfahren, bei dem in der ersten Runde ca. vier Stücke ausscheiden und dann aus den restlichen ein Sieger ermittelt wird?

Ja. Sie könnten natürlich auch sagen: Jeder sagt seinen Favoriten, wir stellen fest, alle haben den gleichen Favoriten und – zack: Wir gehen nach fünf Minuten nach Hause. Aber das wäre ein bisschen langweilig.

Peter Michalzik, geb. 1963 in Landshut. Studium Germanistik, Philosophie, Theaterwissenschaft, Geschichte in München. Verschiedene Ausstellungen, Theateraufführungen, Uniseminare, Bücher (u.a. über Gustaf Gründgens und Siegfried Unseld). Theater- und Literaturkritiker. Arbeitete als freier Journalist für die meisten namhaften Medien, jetzt Feuilletonredakteur der Frankfurter Rundschau. Als Sprecher des Auswahlgremiums gehört er zur diesjährigen Preisjury.

Lesen Sie außerdem, was der Dramatiker Oliver Bukowski, ebenfalls Juror, über die Jury-Arbeit sagt und wie die Jurydebatte am Ende verlaufen ist. Wie die anderen Medien die Preisentscheidung bewerteten, lesen Sie in unserer Presseschau. Wenn Sie sich selbst ein Bild machen möchten, können Sie auf der "Stücke"-Seite noch mal den Diskussions-Mitschnitt ansehen.

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