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Oliver Bukowski, Dramatiker und Mülheim-Preisträger von 1999, ist in diesem Jahr selbst Mitglied der Jury, die den Mülheimer Dramatikerpreis vergibt

Klartexte am Schluss

E-Mail-Interview: Jan Oberländer und Anne Peter

Oliver Bukowski, 1999 haben Sie für "Gäste" den Mülheimer Dramatikerpreis bekommen. In diesem Jahr sitzen Sie selbst in der Jury, die ihn vergibt. Welchen Stellenwert hat das "Stücke"-Festival Ihrer Meinung nach in der deutschsprachigen Theaterlandschaft?

Ganz gleich ob es höher dotierte Preise oder die jährliche Hitliste in Theater heute gibt – es ist immer noch der Preis für Stück und Theaterautor. Und würden jetzt noch der Deutsche Kinder- und Jugendtheaterpreis hierher ziehen, wäre Mülheim für ein paar Wochen die Stadt deutschsprachiger Gegenwartsautoren.

Was das für unsere Theaterlandschaft heißt? Na ja, Mülheim setzt nicht "Trends", Mülheim offenbart vielleicht welche. Und zwar in dreierlei Hinsicht: Erstens, in welcher "art" begreifen GegenwartsautorInnen Gegenwart. Zweitens, wer kommt/wer bleibt – welche alten und neuen Namen ziehen da mit- oder gegeneinander auf. Drittens, wie sieht die Kritik auf die Produktion von Theatertexten.

Wer bestimmt die Jury? Wonach richtet sich Ihrer Meinung nach die Jurorenauswahl? Wie war das bei Ihnen?

Tja, so richtig weiß ich das nicht. Jedenfalls hat Udo Balzer mich angerufen. Klar ist aber, dass die Auswahl immer so eine Mischung aus Theaterpraktikern, Theaterkritikern und Autoren sein soll. Die Perspektiven bündeln und – hoffentlich – gemeinsam klüger sind.

Wann schauen die Juroren sich die Inszenierungen an? Lesen Sie vorher die Stücktexte? Ist die Jury das ganze Festival über anwesend oder besuchen die Mitglieder die Aufführungen meist schon vorher?

Jeder wie und wo er will. Hauptsache er sieht die Inszenierung. Und klar: Wir alle lesen die Texte. Vorher, nochmal vorher. Nachher sicher auch noch mal. Da jeder von uns aber auch noch seine Miete verdienen muss, können wir nicht das ganze Fest mittoben. Wir sehen und grüßen uns immer mal wieder neu, mit dem Koffer in der anderen Hand.

Wie oft trifft sich die Jury? Wird vor Beginn des Festivals schon untereinander kommuniziert? Diskutiert die Jury schon vor der Abschlussdebatte über den möglichen Sieger?

Wir haben uns zu Beginn des Festivals konstituiert. Da ging es aber mehr um Abläufe und Grundsätzlichkeiten. Bis zur öffentlichen Abschlussdebatte um den Preis war's das aber. Also keine Mogelpackung, wir schachern nichts vorher aus. Allerdings sind wir auch nicht verkniffen konspirativ. Wir laufen uns ja ständig über den Weg und plaudern da nicht nur über Balzers schönes Wetter. Klartexte gibt's aber erst am Schluss. Die Spannung bleibt, die gönnen wir uns auch selbst.

Wird die Frage, was ein Drama eigentlich ist – die in der Debatte um "Das Kapital" im letzten Jahr ja sehr konkret gestellt wurde –, unter den Juroren diskutiert?

Ach was. Jeder Text und jeder Autor ist zu besonders, als dass man sich mit so groben Grundsatzdebatten verschleudern muss. "Werktreue", "Was ist ein Drama?", jetzt "Autorensituation" – muss man wirklich alles fragen? Der je einzelne Text, die bestimmte Inszenierung liefert genug Stoff. Die Krawallthemen sind eher für hinterher. Fürs Sommerloch oder die verregneten Novemberabende. Noch nie ist ein neuer Text, eine neue Inszenierungsweise aus ihnen hervorgegangen.

Welche Rolle spielt die Inszenierung (im Gegensatz zum Dramentext) in der Debatte um den Preis?

Eine zweitwichtige. Sie zeigt in einem ersten Zugriff die Kraft des Textes im Ernstfall: Auf der Bühne. Dennoch bleiben wir zuvorderst am Manuskript. Weder Inszenierung, noch Autorenstatements in den Gesprächsrunden sollten uns davon ablenken, genau das zu lesen, was da aufgeschrieben steht. Darum geht's! Inszeniert werden kann ja immer wieder anders. Erklärt werden auch. Wir blicken also nicht auf die Interpretationen, sondern auf deren Stoff.

Wie genau funktioniert das K.O.-Verfahren in der Jurydebatte? Was ist der Vorteil dieses Verfahrens?

Es gibt mehrere Runden. In der ersten rücken drei, vier Stücke in die Reihe der Zweiten Sieger. Die im "Töpfchen" werden dann weiter diskutiert und – irgendwann – hat einer von diesen drei Jurystimmen und 15.000 Euro mehr.

Der Vorteil bei einer Entscheidung von so unterschiedlichen JurorInnen und noch unterschiedlicheren Texten? Da kann es eigentlich nur um ein Mildern der Ungerechtigkeiten gehen. Der Vorteil liegt also vielleicht nur darin, dass wir so noch alle irgendwann ins Bett kommen.

Was bewirkt, erschwert, ermöglicht die Tatsache, dass die Jury-Debatte öffentlich geführt wird?

Man hört mehr als nur die Fanfaren und Fallbeile. Gerade wenn es schwierig wird: Das Publikum, vor allem aber jeder Autor, jede Autorin dürfte sehen, dass mit dem Text respektvoll umgegangen wird. Vielleicht hecken Lob und/oder Kritik sogar ein paar Nachgedanken für die eigene Arbeit. Aber das wäre wohl der beste aller möglichen Fälle.

Was sind die Kriterien für die Verleihung des Dramatikerpreises? Was macht ein gutes Drama aus?

Jedenfalls nicht die Frage, ob jemand den Preis schon zuvor gewonnen hat.

Und Kriterien? Tja, ein wenig wird da wohl jeder der Juroren seine eigenen haben. Ich beispielsweise will sehen, wie der Autor ganz ehern Archetypisches in Momenten unserer Gegenwart durchschlagen lässt. Und umgekehrt. Mir sind also die exotisch-spektakulären Einfälle zu Bühne und Sprache da nicht ganz so wichtig. Andere werden es anders sehen.

Und "ein gutes Drama"? Was soll's, vielleicht eins, wo man noch fünf Minuten danach drüber nachdenken muss. Oder so ergriffen ist, dass man das nicht mehr kann. Auch fünf Minuten.

Inwiefern beeinflusst die Tatsache, dass Sie selbst schon einmal, 1999, den Dramatikerpreis gewonnen haben, Ihren Jurorenblick?

Gar nicht: Lange her und Geld ist verpulvert.

Oder doch: Im Publikum der Preisdebatte möchte ich als Autor noch immer nicht sitzen. Ist also jemand so tapfer, ziehe ich vor ihm insgeheim den Hut. Dem Text hilft das aber auch nicht.

Oliver Bukowski, 1961 geboren, lebt in Berlin. In den 90ern wurde er mit Stücken wie "Londn – L.Ä. – Lübbenau", "Bis Denver" oder "Nichts Schöneres" bekannt. Er bekam zahlreiche Preise, u.a. den Mülheimer Dramatikerpreis für "Gäste" 1999. Inzwischen arbeitet er auch als Lehrender für Dramatik (etwa als Professor an der UdK Berlin oder für den Lehrgang Szenisches Schreiben in Graz) und ist Mitgründer der Filmfirma it works!. Er gehört zur diesjährigen Preisjury des Mülheimer Dramatikerpreises 2008.

Als Rimini Protokoll im letzten Jahr den Dramatikerpreis gewannen, wurde heftig darüber debattiert. Oliver Bukowski dachte für uns damals schon über "jury-art" nach und entwarf eine Dramatiker-Typologie. Lesen Sie außerdem, was Peter Michalzik, ebenfalls Juror und Sprecher des Auswahlgremiums, über die Jury-Arbeit sagt und wie die Jurydebatte am Ende verlaufen ist. Wie die anderen Medien die Preisentscheidung bewerteten, lesen Sie in unserer Presseschau. Wenn Sie sich selbst ein Bild machen möchten, können Sie auf der "Stücke"-Seite noch mal den Diskussions-Mitschnitt ansehen.

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