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Bei einem Symposium am Theater an der Ruhr wird drei Tage lang "Im Treibhaus der Generationen" diskutiert

Ohne Renten und Visionen

von Esther Boldt

9. Mai 2008. Der Titel klingt bereits brenzlig: "Im Treibhaus der Generationen". Frank M. Raddatz hat ein dreitätiges Symposium für die "Stücke '08" konzipiert, das sich einem medial bereits breit diskutierten Thema widmet. Gerade wieder werden "die 68er" breit analysiert, auch Folgegenerationen wie "Golf" und "Praktikum" klingen noch höchst vertraut. Doch was definiert eine Generation, wie stehen Generationen im Verhältnis, was zeichnet sie aus, grenzt sie ab, was wird von einer zur anderen weitergegeben, was negiert? Was könnte man als "das Projekt der Jugend von heute, das gemeinsame Welterlebnis" bezeichnen, das für Wolfgang Engler eine Gruppe Menschen eines bestimmten Alters überhaupt als im Geiste verbunden definieren würde?

Eröffnet wird das Wochenende mit dem Unterthema "Generation und Gerechtigkeit", das in seiner Breite nicht hinter dem Symposiumstitel zurückstehen muss. "Ein wunderbarer Titel", befindet SWR-Redakteur Gerwig Epkes, Moderator des Gesprächs. "Wenn es irgendwo treibt, dann im Treibhaus der Generationen." Wolfgang Engler, Kultursoziologe und Rektor der Berliner Schauspielschule "Ernst Busch", wird das spannungsvolle Verhältnis von Jung zu Alt später als "aufgehetzt" bezeichnen – die Jungen sollten heutzutage die Renten der Alten sichern, ohne Garantie auf eine eigene Altersvorsorge. Politische Entscheidungen wie zuletzt die Rentenerhöhung entspannten dies nicht. Neben Engler sitzt Armin Laschet auf dem Podium, CDU-Minister für Generationen, Familien, Frauen und Integration in Nordrhein-Westfahlen – als solcher der einzige seiner Art im Lande.

Pragmatismus statt Revolte

Die gut einstündige Diskussion wird bestimmt vom Anreißen bereits häufig diskutierter Fragen, der Schwerpunkt liegt auf der Überalterung der Gesellschaft, in der immer weniger Junge für immer mehr Alte sorgen müssen. Daneben kommt die Frage auf, was die jüngere Generation von heute denn nun auszeichnet: Welche Visionen hat sie? Wovon versucht sie sich abzugrenzen? Besteht sie tatsächlich, wie die Shell-Studie belegt, großteils aus "robusten Pragmatikern", die auf soziale Unsicherheiten eingestellt sind und gar nicht erst auf den Gedanken kommen, Revolten loszutreten? Laschet illustriert beide Fragen recht pointiert mit einer Anekdote vom Besuch Angela Merkels an der Aachener Universität: Die erste Frage eines Studenten habe gelautet, ob seine Rente sicher sei? Worauf Frau Merkel erwiderte: "Sie sind ja noch jung genug, um für die generative Absicherung zu sorgen."

Eine Aufstachelung der Jungen gegen die Alten möchte Laschert aber nicht ausmachen. Er frage sich nur ab und zu: "Haben die keine anderen Sorgen als ihre Rente?" Zugleich stellt er klar, dass es "30 Jahre nach zwölf" sei, schon vor drei Jahrzehnten hätte man beginnen müssen, sich auf die demographischen Veränderungen einzustellen. Wo die Produktivkräfte einer stetig alternden Gesellschaft schrumpfen, macht Laschert als Hoffnungsträger drei Gruppen aus, deren Potenziale gesellschaftlich stärker genutzt werden sollten: Die Älteren, die mit 65 Jahren noch keinesfalls in den Ruhestand gehörten; die gut ausgebildeten, aber noch zu selten berufstätigen jungen Frauen sowie Menschen mit Migrationshintergrund, die der CDU-Politiker lieber als Menschen mit "Zuwanderungsgeschichte" bezeichnet.

Tiefe allgemeine Verunsicherung

Engler erklärt sich weitgehend "d’accord", obgleich er befürchtet, eine sich verlängernde Lebensarbeitszeit bei den heute Mittelalten könne einen "Platzmangel für die Jungen" verursachen. Über dem Gespräch hängt die dunkle Wolke eines ökonomischen Bedrohungsszenarios, in dem die Arbeitswelt eng und die Ressourcen knapp geworden sind. Einig ist man sich, dass eine tiefe soziale Verunsicherung herrsche, die sich beispielsweise nach der Wende in den neuen Bundesländern umgehend in der Geburtenrate niedergeschlagen habe – die sei 1993/94 um die Hälfte eingebrochen. Diese Verunsicherung mildert für Engler die zuvor beschworenen Konflikte und Konkurrenzverhältnisse zwischen den Generationen ab: "Der starke politische Außendruck ist ein Grundgefühl, das Alte und Junge teilen. Da steht man lieber zusammen."

Über einen solchen Austausch grundsätzlicher Argumente kommt dieses erste Gespräch leider nicht hinaus. Das Thema ist ausufernd, in den weiten Gewässern driften die Gesprächspartner ein wenig ziellos umher, da Moderator Epkes kaum eingreift. Auch versäumt er es, zu Beginn die beiden Diskutanten ausführlicher vorzustellen und deutlich zu machen, warum gerade sie auf diesem Podium sitzen – man erfährt lediglich, dass es sich um einen Vertreter der Wissenschaft und um einen der Politik handelt. Dabei hat Prof. Dr. Wolfgang Engler 2005 mit "Bürger ohne Arbeit" ein viel und kontrovers diskutiertes Buch veröffentlicht, in dem er die Vollbeschäftigung als überkommene Ideologie kritisiert und das Modell einer künftigen Gesellschaft entwickelt, die nicht auf dem Recht auf Arbeit, sondern auf dem Recht auf Einkommen basiert. Obwohl sich ein Hauptteil der Diskussion um volkswirtschaftliche Aspekte der Generationenfrage dreht – wie die Bochumer Theaterwissenschaftlerin Ulrike Haß aus dem Publikum heraus kritisiert – kommen diese oder andere politische Visionen auf dem Podium gar nicht vor. Es bleiben also noch viele Fragen offen für die nächsten Tage.

Lesen Sie hier unseren zweiten Bericht vom "Stücke"-Symposium.

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